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Leichtathletik
Ein Kreiseldreher sammelt Rekorde

Leichtathletik: Ein Kreiseldreher sammelt Rekorde
Ein eingespieltes Team: Bei seinem dreifachen Rekordrennen in Stadtoldendorf wurde jede Bestmarke mit alkoholfreiem Bier gefeiert. Ehefrau Hannie Graf ist bei den Ultra-Wettkämpfen für die Rundum-Betreuung zuständig.
Kleve. Karl Graf ist ein außergewöhnlicher Läufer, der jenseits der Marathondistanz unterwegs ist. Im vergangenen Jahr wurde er zweifacher Deutscher Meister. Dazu kamen deutsche Rekorde, eine Weltjahresbestmarke und die "Willy-Probst-Plakette". Von Reinhard Pösel

Wenn die Tage kürzer sind und man die eigenen vier Wände dem nasskalten Wetter draußen vorzieht, dann bleiben auch dem Pfalzdorfer Karl Graf Muße und Zeit, sein sportliches Jahr aufzuarbeiten. Ein Rekordjahr, das mit der "Willy-Probst-Plakette", verliehen durch den Kreissportbund Kleve, eine besondere Auszeichnung fand. Das Jahr 2015 war überhaupt ein sehr besonderes für den Ultra-Langstreckler, der erst da richtig aufblüht, wo anderen schon bei dem Gedanken an die von ihm bewältigten Distanzen der Schweiß auf die Stirn tritt.

"Wo soll ich anfangen?", fragt Graf, der im vergangenen Jahr zum ersten Mal in der Altersklasse M 65 an den Start ging. Da war er noch 64 Jahre alt, seinen Geburtstag feiert Graf erst am 17. Dezember. Man muss das Alter kennen, um die Leistung einordnen zu können. Man muss aber auch wissen, dass es erst wenige Jahre her ist, dass der Pfalzdorfer eine schwere Erkrankung besiegte. Körperlich und emotional befand er sich in einem tiefen Tal und hat sich dort herausgekämpft. Erst durch die Kunst der Ärzte, dann mit dem eigenen Willen, der offenbar Berge versetzen kann. Ein lesenswertes Buch hat Graf über diese Zeit geschrieben. Der Buchtitel "Nur mein Wille zählt" beschreibt seinen Weg vom Krankenbett auf das höchste Podest, das eine Meisterschaft für den Besten bereit hält. Dazwischen liegen Hunderte, besser Tausende Trainingskilometer und viele Wettkampfkilometer obendrauf.

Jetzt endlich sind wir angekommen bei Grafs Antwort auf die Frage nach den Erfolgen des vergangenen Jahres. In lockerem Plauderton hat er darüber Buch geführt. Unter den zahlreichen Höhepunkten war der Gewinn der Altersklasse M 65 bei zwei Deutschen Meisterschaften - die eine ging über 100 Kilometer, die andere über 24 Stunden. Deutscher Seniorenmeister über 100 Kilometer wurde Graf Mitte April in 8:59,33 Stunden, was einer Durchschnittszeit für den Kilometer von etwas weniger als fünfeinhalb Minuten entspricht. Ende Juni folgte das nationale Gold im 24-Stundenlauf: Der Pfalzdorfer kam auf 192 Kilometer und 228 Meter, woraus sich ein Stundenschnitt von acht Kilometern errechnet. Das sind bemerkenswerte Zahlen, die Hobbyläufer, die regelmäßig im Wald ihre Runden drehen, voller Ehrfurcht und Respekt den Kopf heben lassen.

Zwei (!) Wochen nach der DM-Entscheidung im 24-Stundenlauf, mittlerweile schreibt der Kalender Mitte Juli, steht Karl Graf in Stadtoldendorf erneut an der Startlinie eines auf 24 Stunden ausgelegten Rennens. "Doch es gab einen Unterschied zur DM", wirft Graf schelmisch ein. Diesmal wurde nicht auf der Straße, sondern im Stadion gelaufen. Der nicht unerhebliche Unterschied: das stundenlange, für Außenstehende endlos erscheinende Kreiseldrehen reduzierte sich auf das gerade mal 400 Meter lange Stadionoval, bei einem Untergrund aus Kunststoff.

Bei einer vergleichbaren, nur mit wesentlich mehr PS ausgestatteten Veranstaltung hatte einst der Rennfahrer Nicki Lauda seinen Boliden am Streckenrand abgestellt, war zurück in die Boxengasse marschiert und hatte erklärt, er sei des Rundendrehens müde. Von all dem war bei Karl Graf in Stadtoldendorf nichts zu sehen. Er lief und lief, addierte Runde um Runde, bis aus den Lautsprechern das Schlusssignal ertönte. 24 Stunden waren vorbei. Die Kampfrichter bezifferten Grafs Strecke auf 195,039 Kilometer. "Das war der Gesamtsieg und zugleich der Deutsche 24-Stunden-Rekord", betont Graf, der auf dem Weg dahin die nationalen Bestmarken über sechs und zwölf Stunden gleich mit einkassierte. "Da ich den Vorsitzenden des Veranstalters von früheren Starts gut kannte, bekam ich für jeden Rekord einen Humpen Bier - zwei davon während des Rennens", berichtet Graf. Vorgekommen sei er sich an jenem Wochenende wie ein "Star in der Manege".

Doch dieses Jahr 2015 wäre aus Sicht des Pfalzdorfer Ultra-Langstrecklers nicht komplett, wenn nicht die Senioren-Weltmeisterschaft über 100 Straßen-Kilometer im niederländischen Winschoten ebenfalls Erwähnung fände. Dort belegte Graf nach 9:44,47 Stunden den vierten Platz in der M 60-Klasse. "Mein vorletzter Ultralauf war dann Anfang Dezember der "Kleine Kobold in Rengsdorf", erzählt Graf. Das sei ein Berglauf in Bonn-Beuel, bei dem 106 Kilometer und beachtliche 3.361 Höhenmeter zurückzulegen waren. Dieser "Ultra", den Graf ohne spezielles Bergtraining bestritten habe, sei sein schwerster im vergangenen Jahr gewesen. "Da hat mich wirklich nur mein Wille am Aufgeben gehindert", versichert der Pfalzdorfer, der nach 20:14 Stunden im Ziel war.

An dieser Stelle sollte die Geschichte enden. Wenn, ja wenn es da nicht den 27. Dezember gegeben hätte und damit die Gelegenheit, am Sechs-Stunden-Bahnlauf im niederländischen Epe teilzunehmen. Und Graf hatte dafür tatsächlich noch Körner im Köcher. "Es lief so gut, dass mir meine Frau in der Schlussphase zurief: Lauf' nicht so schnell, sonst bekommst du einen Herzinfarkt", sagt Graf, der es nach sechs Stunden auf 63 Kilometer und 634 Meter oder 159 Stadionrunden und 34 Meter gebracht hatte. Damit verbesserte er seinen eigenen Deutschen Rekord und verdrängte den Japaner Muneharu Kuroda vom Thron der Weltjahresbestenliste. 174 Meter gaben den Ausschlag. Dazu fiel Graf nur dieser eine Satz ein: "Mal gut, dass ich nicht immer auf meine Frau höre."

Quelle: RP
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