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Leichtathletik
Flüchtlinge trainieren für Sylvesterlauf

Leichtathletik: Flüchtlinge trainieren für Sylvesterlauf
Die letzten Etappen auf dem Weg zum Sylvesterlauf: Tim Verhoeven (vorne links) und neben ihm Thomas Hermes geben an der Spitze das Tempo vor. Trainiert wurde überwiegend in den Abendstunden. FOTO: Privat
Kleve. Die Organisation "sports for everyone", die sich in Goch für Sportprojekte einsetzt, hat mit einigen Trainern eine Gruppe von Flüchtlingen auf den Sylvesterlauf in Pfalzdorf vorbereitet. Ziel des Trainings war auch die Integration durch Sport. Von Sabrina Peters

Wenn am letzten Tag des Jahres anlässlich des 28. Sylvesterlaufes rund 3.000 Athleten durch Pfalzdorf laufen, wird das für viele Teilnehmer ein jährlich wiederkehrendes und immer wieder aufs Neue beeindruckendes Erlebnis sein. Die Begeisterung der Zuschauer an der Strecke zu erleben, macht die Veranstaltung zu etwas ganz Besonderem. In diesem Jahr werden aber auch Sportler an den Start gehen, für die das alles Neuland ist und zu einem unvergesslichen und überwältigenden Ereignis werden wird.

Zum ersten Mal nehmen am 31. Dezember nämlich Flüchtlinge am Fünf- und Zehn-Kilometerlauf (Start: 13.15 Uhr beziehungsweise 15 Uhr) teil, die erst vor wenigen Monaten in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Sie haben in Goch und Nierswalde neue Unterkünfte bezogen, die ihnen von der Stadt Goch zur Verfügung gestellt wurden. "Das sind Menschen, die beispielsweise aus dem Irak vor dem Krieg dort geflohen sind", berichtet Tim Verhoeven, der mit Thomas Hermes sowie Gerd und Stefan Hermsen zu den Trainern der Flüchtlingsgruppe gehört. Seit Oktober machen sie das.

Als Abschluss dieser Trainingsphase werden fünf Flüchtlinge am Pfalzdorfer Sylvesterlauf teilnehmen. "Wir wissen noch gar nicht, wie sie darauf reagieren werden, und was sie sich überhaupt darunter vorstellen. Denn so eine Veranstaltung haben sie in dieser Form noch nicht mitgemacht", erklärt Verhoeven. Die Vorfreude darauf sei aber bei allen groß.

Mit viel Spaß und auch einer Portion Ehrgeiz hat sich die Gruppe von Flüchtlingen in den vergangenen drei Monaten zweimal pro Woche auf den Lauf vorbereitet. "Man merkt, wie viel Spaß es ihnen macht, sonst wären sie auch nicht wiedergekommen", meint Verhoeven. Für die Flüchtlinge sei es eine willkommene Abwechslung in ihrem oft tristen Alltag. Dies war aber nicht der einzige Anreiz für das Trainerteam, die Gruppe zu übernehmen. "Diese Menschen leben jetzt bei uns, und deshalb sollte man sie auch integrieren. Und wie geht das besser als mit Sport?", fragt Verhoeven und zitiert einen Satz, den er zufällig gelesen hat: "Mit Laufen kann man nicht nur vorwärts kommen, sondern auch viel bewegen."

Etwas in Bewegung bringen möchte das Organisationsteam des Pfalzdorfer Sylvesterlaufes nicht nur damit, dass Flüchtlinge unter dem Teamnamen "Lauftreff Flüchtlinge" an der Veranstaltung teilnehmen dürfen, sondern auch mit ihrer Spendenaktion. In den vergangenen drei Jahren war es den Läufern am Sylvesterlauf freigestellt, ihr Pfandgeld in Höhe von zwei Euro, das sie für den Chip zur Zeitmessung hinterlegen müssen, an den Ghana-Kreis der St.-Martinus-Kirche in Pfalzdorf zu spenden.

In diesem Jahr geht das Geld, das dabei zusammenkommt, an den "Runden Tisch Goch", der sich aus verschiedenen Organisationen zugunsten der Flüchtlingshilfe zusammensetzt. Daraus ist auch die beschriebene Läufergruppe entstanden. "Wir wollten ja von Anfang an gerne, dass nicht in jedem Jahr dieselbe Organisation durch unsere Spende bedacht wird, sondern das das wechselt. Petra Hermsen, die mal beim Sylvesterlauf mitgeholfen hat, brachte uns dann auf die diesmalige Idee", erläutert Verhoeven. Sie stellte den Kontakt zum "Runden Tisch Goch" her, bei dem auch "sports for everyone" (Sport für Jedermann) mitarbeitet, dessen Mitglieder sich immer schon für die Koordination von Sportprojekten in Goch stark gemacht haben.

Eine Gruppe von älteren Übungsleitern hatte bereits begonnen, mit Flüchtlingen zu trainieren. Da sie aber gerne leistungsbezogener trainieren wollten, fragten sie jüngere Trainer wie Verhoeven, ob sie sich nicht um die schnelleren Läufer kümmern könnten. So entstanden aus einer Gruppe zwei kleinere nach Leistung gestaffelte Abteilungen. "Das klappt auch sehr gut. Wir haben einen Läufer dabei, der die zehn Kilometer in knapp 41 Minuten laufen kann. Den wollten wir genauso fördern wie die anderen auch", sagt Verhoeven. Das einzige Problem sei die Sprache gewesen. "Die Läufer aus der Gruppe sprechen kaum Deutsch oder Englisch. Deshalb besteht die Kommunikation weniger aus Worten und mehr aus Gesten", berichtet Verhoeven. Doch egal wie, lohnend sei der Einsatz allemal.

Mit Dankbarkeit seitens der Flüchtlinge wird das Team um Verhoeven für seine ehrenamtliche Arbeit bedacht. "Am Anfang hatten die Flüchtlinge nicht einmal Laufschuhe. Die sind dann gespendet worden und wurden an sie weiter verteilt. Am Ende des Trainings kamen alle an und wollten die Schuhe zurückgeben. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass sie die behalten dürfen und waren dafür sehr dankbar", berichtet Verhoeven.

Einer der Flüchtlinge, der bereits Laufschuhe in einer für ihn zu großen Größe besaß, hätte gerne passende gehabt. "Nachdem wir ihm das ermöglicht hatten, übergab er uns seine alten Schuhe, ohne dass wir das verlangten. Er bat uns, sie weiter zu verteilen", schildert Verhoeven, der sich über die feine Geste freute.

Neben dem Laufen konnte die Gruppe von Flüchtlingen auch die Bekanntschaft mit den sogenannten deutschen Tugenden machen. "Wir haben am Anfang gesagt, dass wir uns um Punkt 18 Uhr treffen. Das hat auf Anhieb geklappt und uns auch gewundert, da wir mit dieser Pünktlichkeit nicht gerechnet hatten", erklärt Verhoeven. Probleme gab es dafür an anderer Stelle. "Die Flüchtlinge sind oft sehr eingespannt, da sie viele Termine wahrzunehmen haben wie Deutschkurse oder Termine auf den Ämtern. Das hatte zur Folge, dass aus der Trainingsgruppe hin und wieder nur zwei erschienen, beim nächsten Mal aber acht. Manchmal haben sie noch Bekannte mitgebracht, die erst zwei Tage vorher in Deutschland angekommen waren und auch Lust hatten, mitzulaufen", berichtet Verhoeven.

Die Gruppe hat bei ihren Trainingsläufen durch Pfalzdorf auch die Gemeinde kennen gelernt. Viel wichtiger aber war: das Training und die geplante Teilnahme am Sylvesterlauf haben zur Integration dieser Menschen beigetragen. "Man kann viel sagen, aber man muss es irgendwann auch machen", nennt Verhoeven eine Devise, die ihn motiviert hat, sich zu engagieren.

Quelle: RP
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