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Kreis Kleve
Statt Neuseeland: Auszeit in Winternam

Kreis Kleve: Statt Neuseeland: Auszeit in Winternam
Vier junge Frauen aus Russland, Taiwan, Japan und Frankreich machen ihre Auslandserfahrungen am Niederrhein. Auf dem Hilshof arbeiten sie für Kost und Logis. Jenny Wu aus Taiwan (links) und Momoko Ishii aus Japan transportieren Pflastersteine mit der Schubkarre durch die ländliche Szenerie. FOTO: Markus van offern
Kreis Kleve. Auf dem Hilshof irgendwo im Nirgendwo machen vier junge Frauen aus vier verschiedenen Ländern Station. Die einen benutzen die Zeit zur Selbstfindung, die anderen genießen das niederrheinische Essen. Von Bianca Mokwa

Neuseeland, Australien, das sind die begehrten Ziele von Schulabgängern. Denkste. In Winternam bei Geldern tummeln sich aktuell vier junge Frauen, die nach oder während des Studiums ein Auslandsjahr machen. Die Betreiber Sacha Sohn und Markus Welters stellen den Hilshof seit drei Jahren zur Verfügung und bieten Work-and-Travel-Kandidaten einen kurzfristiges Zuhause.

Mit 22 Jahren war Sacha Sohn selbst während ihres Studiums in Australien. "Das war eine Orientierungszeit", sagt die Hilshof-Besitzerin. "Ich fand das schön und möchte das auch anderen anbieten." Nicht alle glaubten an die überzeugenden Reize des Niederrheins. "Ich habe noch gesagt: Du spinnst, da passiert nix", erinnert sich Markus Welters an seine Reaktion, als seine Frau Sacha ihren Hof bei HelpX anmeldete. "Wer will schon nach Winternam?"

Hier wird die neue Pflasterung vorbereitet. Tatyana Bykova aus Russland (links) und Helene Esse aus Frankreich schaffen damit Nachhaltiges. FOTO: van Offern, Markus (mvo)

Wer noch nicht dort war: Für einen unvoreingenommenen Beobachter ist Winternam ein Dorf, ein sehr kleines. Es gibt kein Kino, keinen Supermarkt, dafür eine Milchtankstelle. Es gibt jede Menge Grün, Wiesen, Weiden, Schafen und natürlich Kühe.

Drei Tage stand der Hilshof im Internet, da kamen die ersten Anfragen von Menschen, die unbedingt dorthin wollten. So etwa die 19-jährige Tatyana Bykova. Sie kommt aus einer kleinen Industriestadt in Russland. Die Eltern wollten, dass sie Medizin studiert. In ihrer Zeit in Deutschland will sich Tatyana aber erst einmal darüber klar werden, was sie eigentlich will. "Ich möchte ich selber werden", sagt die 19-Jährige. Sie erwarte sehr viel von der Zeit in Winternam, zwischen Schafen, Apfelbäumen und ganz viel freien Blick auf den Himmel.

Lachend biegen Momoko Ishii aus Japan und Jenny Wu aus Taiwan um die Ecke. Mit beiden Händen umfasst Momoko eine Schubkarre. "Wheelbarrow", übersetzt Sacha Sohn ins Englische: "Das ist das erste Wort was sie lernen", sagt sie lachend.

Auf die Frage, was sie eigentlich sei, antwortet Momoko: "Eine Reisende." Sie ist 32 Jahre alt und reist durch ganz Europa, Winternam ist eine Station. Sie hat ein Working-Holiday-Visa, mit dem sie unterwegs seinkann. Auf dem Hilshof arbeitet sie für Kost und Unterkunft. "Aber es ist nicht wie arbeiten für mich", versichert sie fröhlich. In ihrer Schubkarre sind Steine, um ein Stück im Hof zu pflastern.

"Jedes Helferteam hinterlässt so seine Spuren", sagt Sacha Sohn: drei bis fünf Stunden am Tag helfen die jungen Leute auf dem Hof mit. So stehen Tiere füttern, Zäune ziehen, Apfelernte, Birnenernte, Obst einkochen auf der To-Do-Liste.

Jenny Wu kommt aus Taiwan. Sie findet die Arbeit auf dem Hof "relaxing". Und was die Versorgung angeht: "Das Essen ist so gut", schwärmt sie. Sie mag die traditionelle Küche. Reibekuchen mit Apfelkompott sei der absolute Renner bei den Gästen, verrät Sacha Sohn.

Normalerweise arbeitet die 26-jährige Jenny Wu in der Marketing-Branche und ist unter anderem für Facebook-Advertising zuständig. Einmal "disconnected" sein von der elektronischen Welt ist auch das Ziel der Französin Helene Esse. Sie ist für drei Wochen auf dem Hilshof. Es ist eine Haltestelle in ihren halben Sabbatjahr. Sie ist Lehrerin und will einmal ohne Computer auskommen: "Mich nützlich fühlen mit einfachen Dingen", beschreibt sie.

"Sie sind keine Freunde, sie sind keine Gäste, sie sind irgendwas dazwischen", sagt Markus Welters über das Zusammenleben auf dem Hilshof. "Wie eine zweite Familie" empfindet es Tatyana.

In ihrer Freizeit könnten die Besucher die Region erkunden, mit dem Zug nach Düsseldorf fahren oder mit dem Fahrrad nach Grefrath. Viele bleiben aber einfach auf dem Hof. "Eine ganze Reihe genießen es einfach, hier zu sein, auf dieser ,Insel'", sagt Sacha Sohn. "Die gehen nicht weg." Solange, bis die nächsten Work-and-Traveller an die Tür des Hilshofs klopfen.

Quelle: RP
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