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Bedburg-Hau
Tagung fragt: Wann Täter entlassen?

Bedburg-Hau: Tagung fragt: Wann Täter entlassen?
Organisator und Referenten: Michael Bay, LVR-Klinik, Thomas Auerbach, Amper Klinikum, Mathias Koller, Landgericht Göttingen, Jack Kreutz, LVR-Klinik, Prof. Norbert Nedopil, München, Klaus Lüder, LVR, Christian Henrichs, Köln (v.l.). FOTO: mgr
Bedburg-Hau. Mit den Veränderungen im Rahmen des Maßregelvollzuggesetzes beschäftigt sich die Forensik-Tagung "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll". Fachleute aus der ganzen Bundesrepublik diskutieren drei Tage in der LVR-Klinik Bedburg-Hau. Von Matthias Grass

Mehr Gelassenheit im Umgang mit der Psychiatrie, mehr Vertrauen in die Fachleute, die mit psychisch kranken Straftätern umgehen, und weniger Bürokratie wünschen sich Jack Kreutz, Fachbereichsarzt und Forensik-Chef an der LVR-Klinik Bedburg-Hau, sein zuständiger Fachbereichsleiter Maßregelvollzug vom LVR in Köln, Klaus Lüder, und nicht zuletzt Prof. Dr. Norbert Nedopil, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Forensische Psychiatrie der Ludwig Maximilans Universität München. Das sagten sie am Rande der Tagung "Sex & Drugs & Rock 'n' Roll" in der LVR-Klinik Bedburg-Hau, die gestern im Gesellschaftshaus eröffnet wurde und bis Donnerstag zum Thema "Wind of change - wird der Maßregelvollzug reformiert oder deformiert?" tagt.

Weder noch - antworteten die Referenten gestern auf die Tagungsfrage: "Der Maßregelvollzug entwickelt sich weiter", sagt Nedopil. Lediglich die juristischen Rahmenbedingungen seien - obwohl bereits seit Jahrzehnten grundsätzlich festgeschrieben - nochmals eindeutig herausgestellt worden. Demnach sollen die Kliniken bemüht sein, die Verhältnismäßigkeit von Strafe und Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik zu wahren, sagt Mathias Koller, Richter am Landgericht Göttingen und wie Nedopil Referent der Tagung. Beide sind sich einig: Es gebe lediglich das meist politisch motivierte Pendel, wie man diese Verhältnismäßigkeit interpretiert. Dem Pendel-Ausschlag in die Richtung des freieren Umgangs folge in der Regel einer in die restriktive Richtung, erklärt Nedopil. Und belegt das mit Zahlen: Bis 1996 war die Verweildauer eines psychisch kranken oder abhängigen Straftäters im Maßregelvollzug durchschnittlich vier bis sechs Jahre. Danach, vor allem in Folge der schwerer Straftaten nach der Flucht des Sennewitz-Mörders aus der LVR-Klinik Düren Ende der 1990er Jahre, schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. "Bis 2010 hatten wir eine Verweildauer von durchschnittlich acht bis zehn Jahren", erklärt er. Jetzt folgt nach der Freilassung von Gustl Mollath wieder ein Umdenken. Es werden sechs Jahre Verweildauer angedacht.

Verändert hat sich in den Jahren aber auch die Therapie: "Wir arbeiten jetzt als Orchester, als therapeutische Gemeinschaft", sagt Michael Bay. Der Psychologe der LVR-Klinik Bedburg-Hau gehört zum Organisationsteam der Fachtagung. Er betonte auch, dass man die Patienten behandle: "Wir sind ein Intensivkrankenhaus für forensische Psychiatrie und kein Gefängnis". Jack Kreutz hatte zuvor erneut konstatiert: Der beste Opferschutz sei die gute Therapie des Täters. Rückfallzahlen belegen das: Lag die Zahl der rückfällig gewordenen psychisch kranken oder abhängigen Straftäter früher bei 20 bis 25 Prozent, so sei man heute bei zehn Prozent, sagt Nedopil. Bei Patienten aus dem Maßregelvollzug sei die Rückfallquote nochmals deutlich geringer, fügt Kreutz an.

Zusätzlich wird man auf der Tagung auch die psychiatrische Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund diskutieren. "Wenn man diese Menschen behandeln will, reicht es nicht, nach dem Dolmetscher zu rufen", sagt Lüder. Christian Henrichs, Psychologe aus Köln, hat sich mit dem Thema befasst und referiert über transkulturelles Arbeiten.

Man müsse die Kultur der Menschen mit Migrationshintergrund verstehen, um die richtigen Fragen zu stellen, sagt Henrichs. Beispiel: Möchte man etwas über die Autonomie eines Patienten erfahren, und fragt nach seinen Berufswünschen, könne mancher Patient mit Migrationshintergrund mit dieser Frage gar nichts anfangen, weil sich der Vater die Gedanken darüber zu machen habe. "Solche Dinge müssen wir berücksichtigen, um mit diesen Patienten ins Gespräch zu kommen", sagt Henrichs.

Quelle: RP
 
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