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Serie "50 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie LVR-Klinik"
Team aus Experten gegen ADHS

Serie "50 Jahre Kinder- und Jugendpsychiatrie LVR-Klinik": Team aus Experten gegen ADHS
Hilfreich bei der Therapie von ADHS, eine Tagesskala für Jugendliche. FOTO: Gottfried Evers
Kreis Kleve. Kinder, die das Aufmerksamkeitsdefizit haben, sind hochsensibel, 50 Mal sensibler als normale Kinder. Je früher die Therapie beginnt, desto größer die Chancen, die Störung in den Griff zu bekommen - langfristig auch ohne Ritalin. Von Matthias Grass

Paul mault. "Ich mach doch gar nix - was willst du denn?", schnauzt er seine Mutter an, die ihn ermahnt hat. Doch Paul steht mit seinem "ich-mach-doch-gar-nix" ziemlich alleine da. Er ist nervös, hibbelig, manchmal auch aggressiv. Er ist laut, fällt anderen ins Wort. Der Junge ist "schwierig", geht seiner Umgebung auf den Nerv. Paul hat Symptome von ADHS.

"Bei dem mit ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsstörung bezeichneten Störungsbild, handelt es sich um eine Erkrankung, die bei über drei Prozent der Kinder einer Altersgruppe festgestellt werden kann", sagt Klaus Conrad, Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LVR-Klinik. Bei den Ursachen gehe man von einer Kombination psychosozialer und biologischer Faktoren aus. Dies bedeutet also, dass ebenso genetische Aspekte eine Rolle spielen können, wie das Lebensumfeld einen Einfluss haben kann, erklärt der Psychotherapeut.

Klaus Conrad, Psychotherapeut und Leiter der Ambulanz. FOTO: Evers Gottfried

Kinder, die das Aufmerksamkeitsdefizit haben, sind hochsensibel, etwa 50 Mal sensibler als normale Kinder. ADHS tritt dreimal so häufig bei Jungen auf wie bei Mädchen. Vor allem gehen Jungs anders damit um: Sie sind impulsiver, aggressiver, viele Mädchen hingegen ziehen sich zurück, wirken verträumt. Oft wechseln die hyperaktiven, die aggressiven Phasen mit depressiven Schüben. Damit können die Eltern nicht umgehen. Kommt dann noch die Pubertät hinzu, wird es extrem schwierig.

"Wenn wir Glück haben, kommen diese Kinder schon sehr früh zu uns, haben Erzieherinnen im Kindergarten oder die Lehrer in der Grundschule die Eltern auf die Problematik aufmerksam gemacht", sagt Conrad. Unbehandelte Jugendliche haben oft bereits Klassen wiederholt, verschiedene Schulformen hinter sich oder finden sich in der Cannabis-Ambulanz. Doch eine Diagnose für ADHS ist sehr schwierig. "Die zu beobachtende Symptomatik kann auch teilweise bei anderen Kindern und Jugendlichen auftreten. Zur Feststellung der Diagnose ist somit eine umfassende Untersuchung und Beurteilung durch erfahrene Fachleute wichtig", sagt Conrad. Deshalb sollten nach der ersten Diagnose durch den Kinderarzt möglichst bald auch die Experten der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Sozialpädagogischen Zentren zu Rate gezogen werden.

"Wenn uns ein Kind oder Jugendlicher mit der entsprechenden Fragestellung vorgestellt wird, nehmen wir uns Zeit, um ausführliche Untersuchungen vorzunehmen. Dazu gehört die Erhebung der Anamnese, die klinische Beobachtung beispielsweise in einer Spielsituation", sagt Conrad. Es werden Lehrer und Kindergärten befragt. Wichtig ist: "Ein schwaches ADHS gibt es nicht. Und eines, das bei kleinen Kindern auftritt, dann aussetzt und später wieder auftritt, das gibt es auch nicht. Auch Aggressivität ist kein Kernsymptom von ADHS", sagt Conrad. ADHS ist immer da. Die drei typischen Symptome sind Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsstörungen.

Man müsse dann direkt mit dem Training gegen die Störung beginnen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie setzt dabei auf Verhaltenstherapie, begleitende Therapieformen, Elterntraining, auch Beratung der Lehrer. Es wird Reittherapie angeboten, es gibt Lerntherapie und nicht zuletzt auch das Neurofeedback-Training. "Wir versuchen möglichst so weit zu kommen, dass die Patienten nicht ihr Leben lang Ritalin nehmen müssen", sagt Conrad.

Hilfreich ist hier unter anderem das Neurofeedback, bei dem Verhalten gezielt so trainiert werden kann, dass ADHS-Patienten ohne Medizin auskommen können. Aber: Neurofeedback kann erst auf andere Therapien aufbauen, sagt Conrad. "Das ist gerade für Jugendliche ein Ansatz, die oft sagen, sie wollen die Tablette nicht mehr nehmen. Die merken schon, dass das Medikament sie kontrolliert. Und diese Kontrolle wollen sie nicht", sagt er.

Die Patienten lernen in den verschiedenen Therapien, sich selbst zu kontrollieren. "Damit Du nicht von außen kontrolliert werden musst", sagt Conrad. Sie üben planvolles Handeln, einen Tagesplan aufzustellen. Sie lernen, Regeln einzuhalten. Vielleicht sogar, in einen Sportverein zu gehen. "Alles Dinge, die dahin führen, ohne eben die Tabletten auszukommen", erklärt der Therapeut. Dazu müsse man dann aber auch den Mut haben, die Medizin eine geraume Zeit abzusetzen, den Stress durchzuhalten. Wie Max' Mutter. Der kommt inzwischen seit zwei Jahren ohne Medizin aus und packt auch die Schule.

Infos: Bedburg-Hau: Tel 02821 81-3401/3402, Geldern: Tel 02831 1333-213/200, Moers: Tel 02841 169-417/41801.

Quelle: RP
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