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Kleve-Düsselward
Tosende Fantasie und schräger Jazz bei musica sacra

Kleve-Düsselward. Die Besucher, die beim Orgelkonzert in der St.-Mauritius-Kirche Düffelward saßen, waren restlos begeistert: Im Rahmen der "Musica Sacra"-Reihe bestritt der deutsch-polnische Organist Marcel Eliasch, geboren 1997, ein ganzes Konzert mit Orgelimprovisationen verschiedenster Stilarten. Eliasch, der sich im Alter von drei Jahren selbst das Klavierspiel beibrachte, ist Jungstudent beim Detmolder Orgelprofessor Tomasz Adam Novak; im kommenden Jahr macht er sein Abitur. Von Verena Krauledat

Anlässlich des Christ-König-Sonntages improvisierte Eliasch über verschiedene Kirchenlieder, deren Melodien gut erkennbar aus dem Stimmgefüge herausleuchteten. Seine Partita im Barockstil über "Gelobt seist Du, Herr Jesus Christ", ein fulminantes Variationsstück, hatte als Höhepunkt eine vierstimmige Fuge: Die ersten drei Themeneinsätze erklangen in den oberen Manualen, der vierte dröhnte majestätisch im Bassregister.

Sich zu vergegenwärtigen, dass die Musik genau in diesem Augenblick entstand, war bei einem solch komplexen Werk besonders faszinierend. Ganz andere Klangwelten eröffnete der Organist in den "drei Flötenuhrstücken im Stile der Wiener Klassik". Flötenuhren waren Ende des 18. Jahrhunderts groß in Mode: mechanische Uhren, die mit einer kleinen Orgel verbunden waren und zu festgelegten Zeiten mit einer Stiftwalze Musik spielten - die von den Komponisten dieser Zeit geschrieben wurde.

Einige der Melodiefloskeln und Schlusswendungen in Eliaschs Musik erinnerten so stark an Mozart oder Haydn, dass man unwillkürlich schmunzeln musste: Improvisation ist eben auch die hohe Kunst des Nachahmens, ohne wörtlich zu zitieren.

Ebenfalls beeindruckend die dramatisch tosende Fantasie über "Dich König loben wir", die sich am Ende zu gigantischen Klangmassen auftürmte. Am spannendsten wurde es in den "drei freien Impressionen über Christ-König-Anrufungen": Hier erinnerte die Musik mit ihren wabernden Klangflächen und subtilen rhythmischen Verschiebungen teils an Minimal Music, teils an Jazz, teils sogar an Filmmusik - auf kleinstem Raum folgten immer wieder neue und überraschende Ideen.

Eine schier unerschöpfliche Fantasie bewies Eliasch auch in den abschließenden Variationen über "Nun danket alle Gott".

Genussvoll griff er die jazzig-schrägsten Akkorde, improvisierte in fast orientalischer Manier über einer reinen Dudelsack-Quinte, formte in einer langsamen Variation zögernd die Klänge aus einem einzelnen Liegeton heraus - und ließ schließlich das originale Kirchenlied-Thema noch einmal in voller Pracht erklingen.

Der Lohn der Arbeit: Restlos begeisterte Besucher in St. Mauritius-Düffelward.

Quelle: RP
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