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Wenn Gaststätten schließen
Tradition zu verkaufen

Wenn Gaststätten schließen: Tradition zu verkaufen
Eine Gaststätte mit Geschichte: "Zum Erfgen" war immer in Besitz der Familie Biermann. FOTO: Gottfried Evers
Kleverland. Wenn Gaststätten schließen, liegt das nicht immer am sinkenden Umsatz. Auch Betriebe, mit denen sich Geld verdienen lässt, werden zum Kauf angeboten. Grund dafür: Der Nachwuchs hat kein Interesse an dem Job hinterm Tresen. Von Peter Janssen

Mit diesem Namen muss man einfach in einer Gaststätte arbeiten: Biermann - so heißt die Familie, die an der Sommerlandstraße in der Gemeinde Bedburg-Hau das Lokal "Zum Erfgen" führt. Richard Biermann (63) und seine Frau Waltraut (62) sind hier seit 43 Jahren für ihre Gäste da. Es ist diese Art Lokal, in dem man weiß, was es fürs Geld gibt. Das Angebot ist so wie die Einrichtung. Kein Schnickschnack, ehrliche Preise für solide Qualität. Mit diesem Geschäftsmodell sind die Biermanns lange gut zurechtgekommen. Großvater und Vater von Richard Biermann standen bereits hinter der Theke. Das Haus wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Doch die mit dem Namen verbundene Tradition neigt sich dem Ende zu.

Das Problem, was auch die Familie Biermann hat, ist in der Gastronomieszene mittlerweile ein alltägliches. Das Ehepaar hat eine Tochter, die bei einer Bank arbeitet. Und dies tut sie sehr gern. "Sie hat kein Interesse daran, den Betrieb zu übernehmen", sagt Waltraud Biermann. Die Gastronomen jedoch wollen nach knapp 50 Jahren einen Schlussstrich unter ihr berufliches Leben ziehen. Eindeutiges Zeichen für die Absicht: In einem Schaukasten der Sparkasse Kleve wird die Gaststätte/Mehrfamilienhaus, Baujahr etwa 1900, zum Kauf angeboten.

Doppelkopf in Erfgen: Wirt Richard Biermann versorgt die Spieler. Seine Frau Waltraut steht hinter der Theke. Das Ehepaar will das Haus verkaufen. Doch bis dahin läuft der Betrieb in bewährter Form weiter. FOTO: Stade, Klaus-Dieter (kds)

Für Thomas Kolaric, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Nordrhein (DEHOGA), ist das Phänomen kein neues. "Die Arbeitsbedingungen in der Gastronomie mit sechs Tagen in der Woche und zwischen zwölf bis 14 Stunden täglich schrecken viele ab", sagt Kolaric. Hinzu komme die wirtschaftliche Ungewissheit, ob sich das Objekt trage. "Da sagen viele ,lieber nicht'.", so der Dehoga-Geschäftsführer. Für ihn wird sich diese Problematik in den nächsten Jahren verstärken. "Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder den elterlichen Betrieb fortführen. Allein aus der Tradition heraus machen es kaum noch welche." Die Lebensplanung ist eine andere geworden. Der Arbeitsaufwand schreckt ab.

Drei Stunden Schlaf für Familie Biermann

Ein Blick auf die Wochenenden der Biermanns reicht, um die Aussage zu untermauern. Der Job gibt diesen Tagen Struktur. Die Gastronomen stehen samstags um sechs Uhr auf. Das Frühstücksbuffet muss aufgebaut werden. Um 10 Uhr stehen die ersten Gäste vor den Wurstplatten. Kegelclubs kommen direkt im Anschluss, der Thekenbetrieb nimmt an diesem Tag Fahrt auf. Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr nachts liegt Familie Biermann schließlich im Bett. Drei Stunden Schlaf haben die Eheleute. Sonntagmorgens müssen erneut Brotkörbe gefüllt werden. Zudem stehen am späteren Sonntagnachmittag die Fußballer von Rheinwacht Erfgen im Schankraum.

Erika Bergmann hinter der Theke mit trinkfesten und zahlungskräftigen Gästen davor. FOTO: Evers, Gottfried (eve)

Auch in Kleve wird derzeit ein renommiertes Objekt zum Kauf angeboten. Die zwei Kegelbahnen im Keller des Hauses sind an den Wochenenden ausgebucht. Für das gute Essen ist die Gaststätte bekannt. Erika Bergmann eröffnete vor 50 Jahren mit ihrem 2007 verstorbenen Mann das Restaurant. Drei Kinder hat sie, keines besitzt ein gesteigertes Interesse daran, das Haus weiter zu führen. Bergmann ist jetzt 72 Jahre. Der Grund für den Verkauf ist in erster Linie ihrem Alter geschuldet. Ein Klever Makler bietet die Immobilie an. 430 Quadratmeter vermietbare Fläche, Kegelbahnen, Terrasse.

"Wenn es finanziell nicht mehr reicht, dann muss es eben geschlossen werde."

Das Thema Tradition in der Gastronomieszene besitzt für Thomas Kolaric nicht nur aufgrund des fehlenden Nachwuchses aus der Familie eine untergeordnete Bedeutung. "Nostalgie ist schön, doch ist ein Objekt in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen. Wenn es finanziell nicht mehr reicht, dann muss es eben geschlossen werde." Im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit hat sich Richard Biermann vor Jahren dazu entschieden, ein Frühstücksbuffet anzubieten. "Mit dem normalen Thekenbetrieb kommt man nicht mehr über die Runden", sagt er. Das neue Angebot hat sich bezahlt gemacht und wird bis zu einem Verkauf auch beibehalten. Buchungen werden nach wie vor angenommen.

Doch bringt das Schließen von Gaststätten vor allem für das dörfliche Leben größere Konsequenzen mit sich. Ein gesellschaftlicher Mittelpunkt fällt weg. "Lebensgewohnheiten ändern sich, soziale Kontakte werden nicht mehr so intensiv gepflegt. Gründe gibt es mittlerweile viele, die zu Dörfern ohne Kneipe führen", sagt Kolaric, der seit 24 Jahren bei der Dehoga arbeitet. Waltraut Biermann kennt genug Beispiele aus der Umgebung, in denen Gastronomieobjekte geschlossen wurden. Ein Blick nach Warbeyen reicht. "Dort gab's mal fünf Kneipen, eine ist übrig geblieben", sagt sie. Eine Instanz mit Tradition ist auf dem Rückzug.

Im Lokal "Zum Erfgen" sitzen an einem Wochentag vier ältere Herren, spielen Doppelkopf und erzählen sich Geschichten aus besseren Zeiten. Sie trinken Kaffee, ein alkoholfreies Weizenbier oder auch ein Pils - aber kein klassisches Herrengedeck bestehend aus Bier und Korn steht auf dem Tisch. Die Kombination ist ebenso auf dem Rückzug wie die Kneipen selbst. Ortschaften verlieren ihr Gesicht. Und das hat mehrere Gründe.

Quelle: RP
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