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Bedburg-Hau
Viktor Staudt - zweite Chance zu leben

Bedburg-Hau. Nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch im Jahr 1999 will der Borderline-Erkrankte nun vor allem anderen, unter der behandelbaren Erkrankung Leidenden Mut machen. Von Ann-Lea Woitge

Für viele, wenn nicht sogar für die meisten Menschen, ist das Leben wie eine Achterbahnfahrt. Es besteht aus Höhen und Tiefen. Doch dann gibt es noch die Menschen, für die der Satz "Ach komm, das wird schon wieder", alles andere als zutreffend ist. Bei schwerkranken Menschen beispielsweise. Viktor Staudt, der in Bedburg-Hau, wo seine Familie weiterhin lebt, aufgewachsen ist, leidet seit seiner Kindheit an dem Borderline-Syndrom. Eine psychische Erkrankung, die es dem Betroffenen zu einer echten Herausforderung macht, glücklich zu sein. Heutzutage nutzt Staudt - nach seinem gescheiterten Suizidversuch -, seine zweite Chance zu leben, um Menschen mit ähnlichen Problemen Mut zu machen.

Oberflächlich betrachtet könnte man denken, Viktor Staudt habe ein normales Leben. Doch dann ist da das körperliche Handicap: Bei seinem Selbstmord-Versuch hat er sich vor einen Zug geworfen und dadurch beide Beine bis kurz über dem Knie verloren. Hinzukommt seine psychische Krankheit.

"Mittlerweile habe ich meine Depressionen zwar im Griff, trotzdem bin ich wahnsinnig nervös, wenn ich meine Geschichte erzähle", sagte Staudt. Anfangs habe er den Leuten erzählt, er habe seine Beine bei einem Motorradunfall verloren. Die Leute reagierten darauf "lässiger und weniger schockiert", erzählt Staudt. Heute sieht er es anders: Mit seiner Geschichte möchte der Niederrheiner Leuten mit ähnlichen Problemen, Mut machen weiter zu leben. Andererseits nutzt er diese Chance, um Hinterbliebenen eine Erklärungen geben zu können: Freunden, Familien, Polizisten.

Außenstehende bezeichnen Selbstmord oft als reinen Egoismus. Viktor Staudt betont ganz klar: "Meine Erklärungen sollen nicht als Rechtfertigung dienen. Ich behaupte nicht, dass es nicht egoistisch von mir war." Anders als andere, "normale" Menschen, habe er seine Welt nicht mehr in Farbe gesehen, sondern in schwarz-weiß.

Am 12. November 1999, mit 30 Jahren, beschloss Staudt seinem Leben ein Ende zu setzten - aber ohne Erfolg. Schon als Kind fühlte er sich nicht wohl. "Obwohl alles gut war, ging es mir schlecht."

Mit 19 Jahren fing er an zu stottern. Er bekam Schweißausbrüche, wenn er unter Menschen ging. "Die Ärzte taten es als Sozialphobie und Angstausbrüche ab. Damals konnte mir keiner sagen, dass ich an einer behandelbaren Depression leide", sagt Staudt.

Nach seiner Schulzeit zog er nach Amsterdam, wo er zehn Jahre gelebt hat. "Irgendwann sieht man keinen Unterschied mehr zwischen 'mein Leben ist ein Problem' und 'es gibt Probleme in meinem Leben'", sagt er und versucht damit zu verdeutlichen, dass die Traurigkeit ein Problem ist, nicht sein Leben. Diese hängt mit der Krankheit zusammen und ist mit Medikamenten und Therapien behandelbar.

Heute lebt der ehemalige Niederrheiner in Bologna, Italien. Er geht regelmäßig Schwimmen, fährt Auto, hat sich mit seinem körperlichen Handicap abgefunden. "Zwar hat es lange Zeit gedauert, aber es hat funktioniert."

Das ist der entscheidende Punkt. Er hat eine zweite Chance zu leben bekommen und macht sich heute zur Aufgabe, andere Menschen zu motivieren. Er hält regelmäßig Lesungen aus seinem Buch "Die Geschichte meines Selbstmords" oder besucht Kongresse. Außerdem gibt es einen WDR-Kurzfilm über ihn. Der Titel: "Zum Glück gescheitert"

Quelle: RP
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