| 18.22 Uhr

Kleve
Vom Ursprung der Tischsitten

Kleve. Lothar Baumgartens "Imago Mundi" im Museum Kurhaus Kleve gehörte zu den herausragenden Ausstellungen der letzten Jahre. Baumgarten wandelte dabei auch auf den Spuren von Moritz von Nassau. Seine Klever Rauminstallation dazu steht jetzt zentral im neuen Museum Folkwang Essen. Von Matthias Grass

kleve/essen Sie saßen unter der Decke des Festsaals im sächsischen Schloss Hoflößnitz in 80 quadratischen Feldern. Exotische Vögel, die man viele Jahre als Fantasiegeschöpfe abtat. Doch Albert Eckhout hatte dort reale tropische Vögel in die sächsische Landschaft gesetzt. Jene Vögel, die er auf seiner Reise mit Johann Moritz von Nassau-Siegen nach Brasilien gesehen, gezeichnet und schließlich gemalt hat. Für seine große Einzel-Ausstellung im Museum Kurhaus schuf Lothar Baumgarten, der zu den renommiertesten deutschen Nachkriegskünstlern gehört, mit Eckhouts Vögeln und der früheren Arbeit "Vom Ursprung der Tischsitten" eine wunderbare Installation. "Fragmento Brasil/Vom Ursprung der Tischsitten" ist jetzt endlich wieder zu sehen. Das Museum Folkwang in Essen widmete Baumgartens Werk aus Kleve einen ganzen Raum. Und das zur Eröffnung des grandiosen Neubaus von Architekt Chipperfield.

In Brasilien

Für die Installation, die eigens für die Klever Ausstellung "Imago Mundi" 2006 eingerichtet wurde, reiste Kleves Museumsdirektor Drs. Guido de Werd mit Lothar Baumgarten nach Sachsen, wandelten beide auf den Spuren des Malers, der Moritz von Nassau in Brasilien begleitete, erinnert sich de Werd. Die Arbeit, die vom Austausch der Kulturen erzählt, begeisterte nicht nur im Kurhaus – sie wurde vom Museum Folkwang angekauft.

In dem Raum steht ein von Baumgarten gedeckter Empire-Tisch, auf dem statt der Bestecke die schillernd bunten Federn eben dieser Vögel liegen. Die fremden Federn auf Baumgartens Tisch vermischen sich mit europäischer Kultur, wie sich auf Eckhouts Bildern die brasilianischen Vögel in europäischen Landschaften wiederfinden. Von Projektoren an die Wand geworfen wechseln die Lichtbilder der Vögel aus Hoflößnitz und Zeichnungen, die die Indianer machten, als Baumgarten bei ihnen lebte. Die Projektoren sind so geschaltet, dass sich immer wieder neue Kompositionen der Vogel-Bilder- und Indianer-Zeichnungen ergeben.

Johann Moritz war 1637-1644 für die niederländische Westindische Compagnie als Gouverneur in Recife und erlangte Weltruhm durch seine frühe Erforschung Südamerikas. Bis zu den Forschungen Humboldts prägten die wissenschaftlichen und künstlerischen Erträge seiner Expedition das Bild Südamerikas in Europa. "Lothar Baumgarten bezieht sich in seinem Werk immer wieder auf Johann Moritz. Er nimmt den von ihm bewirkten historischen Kulturtransfer auf und verweist auf Künstler, die vor 350 Jahren ähnlich arbeiteten wie er selbst. Die historische Distanz und das Wissen um die Eroberung und ihre Methoden führen bei Baumgarten jedoch über die Faszination des Forschens und Erkundens hinaus zu einer kritischen Beschäftigung mit dem Eigenen und dem Fremden", so de Werd. Baumgartens Installation hat in den vergangenen vier Jahren nichts von ihrer Faszination verloren – und ist immer eine Reise nach Essen wert.

Zwar überstieg der Preis dieses Kunstwerks den Kleves Etat – doch kann auch das Klever Museum Stolz auf Baumgarten-Arbeiten sein: Da ist die Einrichtung über die Yanomami-Indianer, wuchert die "Fiederzwänke" an der Wand des Museums hoch und spielt der geschwungene Spiegel "Angezogener Akt, eine Treppen hinuntersteigend" geschickt mit dem Bau und der Kunstgeschichte.

Quelle: RP
 
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