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Kleve
Vom Vergessen und Lernen

Kleve. Am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium werden Jugendliche, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, an die deutsche Sprache herangeführt. Aber nicht allein im Unterricht. Lehrer, externe Helfer und Schüler setzen sich dafür ein. Von Peter Janssen

Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, ein Klassenzimmer im Altbau: Karam (15) sitzt mit vier Jugendlichen in einer Runde. Nahezu regungslos und äußerst konzentriert verfolgt er, was sich vor ihm auf dem Tisch abspielt. Reihum werden drei Würfel fallen gelassen. Jede Seite zeigt ein Strichmännchen in einer Alltagssituation. Schlafen, Stolpern, Freunde treffen... Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, in der die gewürfelten Darstellungen vorkommen. Seine Tischnachbarn sind älter, gelegentlich lösen ihre Erzählungen bei Karam einen Hauch von Freude aus. Wenn er an der Reihe ist, spricht er leise und mit Pausen. Seine Geschichte zeugt von viel Phantasie. Dafür loben die Mitspieler den 15-Jährigen.

Karam kommt aus Syrien. Vor 15 Monaten hat sein Leben neu begonnen. Ein Leben, das er nicht gewollt hat. Mit seiner Mutter und seinen Brüdern ist er nach Deutschland geflüchtet. Der Vater ist noch in der Heimat. Karam wirkt zumindest so, als hätte er das vor seiner Ankunft Erlebte verarbeitet.

Zu der Runde des Syrers gehören drei Oberstufen-Schüler des Steins, sie ist nur eine von mehreren in dem Raum. Hier wird den asylsuchenden Kindern und Jugendlichen geholfen, den ersten und wichtigsten Schritt hin zur Integration zu gehen. Es ist eine Klasse, in der Deutsch gelernt wird.

Nach ihren Sprachkenntnissen sind die Flüchtlinge einer Gruppe zugeordnet. Die Voraussetzungen sind so unterschiedlich wie ihre Lebensläufe. Die Kinder kommen aus Syrien, Somalia, Afghanistan. Es sind welche unter ihnen, die noch nie eine Schule von innen gesehen haben. Andere können dem Unterricht schon folgen. Karam gehört zu jenen, die besonders weit sind. Dass dies so ist, dafür ist mehr notwendig, als die festgelegten Schulstunden zu absolvieren.

Am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium kümmern sich zahlreiche Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen darum, dass sich die Zugewanderten in ihrer neuen Umgebung besser zurechtfinden. Rolanda Matthias, die Deutsch und evangelische Religion am Stein unterrichtet, koordiniert die Hilfe. Sie kennt die Schwierigkeiten im Umgang mit den neuen Schülern. "Es gibt kulturelle Eigenarten und verschiedene Glaubensrichtungen, die untereinander zu Problemen führen können. Es ist wichtig, behutsam mit der Vergangenheit der Schüler umzugehen. So können etwa Fragen nach der Flucht Wunden wieder aufreißen", sagt Matthias. Wunden wie die der 13-jährigen Sola*. Das Mädchen hatte mit anschauen müssen, wie ihr Vater auf der Flucht ums Leben kam. Ihr wird dabei geholfen, das Gräuel zu vergessen. Vielleicht kann auch das Deutschlernen dabei helfen.

Worauf Rolanda Matthias bauen kann, ist, dass sie nicht alleine dasteht. So helfen ihr Kollegen wie Irmgard Kreutz. Als qualifizierte Fachkraft kümmert sie sich am Stein ausschließlich um Kinder mit Deutsch als Zielsprache (DaZ). Ehrenamtlich engagieren sich regelmäßig Bernhard Fluck und Bärbel Obersteller-Fluck. Die beiden Klever lernen individuell mit einzelnen Kindern. Der Rotary Club Kleve unterstützt das Projekt ebenso wie das Klever Kinder Netzwerk, das einen enormen Beitrag leistet.

Während Karam sich beim Würfeln nette Geschichten ausdenkt, sitzt Markus Möllmann hinten in der Klasse und beobachtet die Gruppen. Er gehört dem Vorstand des Netzwerks an. Die Organisation fördert die Klasse ständig. So wurden unter anderem für alle Schultaschen und Sportsachen besorgt. Heute hat Möllmann Etuis, Füller und andere Schulutensilien mitgebracht.

Die materielle Unterstützung ist jedoch nur ein Teil. Am Stein-Gymnasium ist man nicht ohne Grund auf den Einsatz der eigenen Schüler stolz. In Freistunden lernen sie mit den Jugendlichen oder spielen mit ihnen in der Pause. Auch in der Freizeit kümmern sich die angehenden Abiturienten um die Migranten. Sie organisieren Fußballturniere oder Grillfeten.

Jannis van der Herten (18) gehört zu der Gruppe. "Bevor ich hier in den Freistunden herumhänge, kann ich die Zeit sinnvoller nutzen", sagt er. Was ihn und seine Mitschüler anspornt, sich weiter einzusetzen, ist der nicht verborgen gebliebene Erfolg ihres Engagements. "Die Fortschritte sind enorm. Viele, die am Anfang kein Wort Deutsch verstanden, können jetzt ganze Geschichten vortragen", sagt er.

Geschichten - wie auch Karam sie erzählen kann. Aber er ist nicht der einzige Geflüchtete, der am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat. Vor einem Jahr kam Zaki aus Afghanistan nach Kleve. Er ist sonst auch regelmäßig in der Klasse. Doch heute hat er einen wichtigeren Termin: Zaki schreibt gerade Klausur: Sozialwissenschaften, Oberstufe.

* Name von der Redaktion geändert.

Quelle: RP
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