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Kalkar
Vor 20 Jahren wurde der Brüter verkauft

Das ist das Kernwasser-Wunderland in Kalkar
Das ist das Kernwasser-Wunderland in Kalkar FOTO: Stade, Klaus Dieter
Kalkar. Im Sommer 1995 lernte Henny van der Most auf der Suche nach einer Dampfmaschine Kalkar kennen. Norbert van de Sand aus Hönnepel zeigte dem Niederländer damals die Brüter-Ruine. Die Idee "Freizeitpark" setzte sich durch. Von Anja Settnik

Als Kommunalpolitiker ohne Ratsmandat und pensionierter Schulleiter hat Norbert van de Sand Zeit. Die nutzt er unter anderem, um die Geschichte des "Brüters" aufzuarbeiten und für die Allgemeinheit erlebbar zu machen. Auf der Internetseite www.hönnepel.de hat van de Sand alles, was er an alten Zeitungsausschnitten besitzt, in digitalisierter Form eingestellt. In diesen Tagen denkt er besonders gerne an die Zeit vor ziemlich genau 20 Jahren zurück, als er Henny van der Most kennenlernte. Den Mann, der aus dem nie ans Netz gegangenen Atomkraftwerk einen Freizeitpark machte.

Mitten in den Sommerferien - ein Großteil der Kommunalpolitiker samt Bürgermeister war in Urlaub - ereignete sich ein folgenschweres Telefonat. Johannes Wilmsen, Antiquitätenhändler im "Mühlenhof", rief an. "Hier sitzt jemand, der will den Brüter kaufen. Ich geb' mal den Hörer weiter." Der Mann war Henny van der Most, ein Niederländer, der eigentlich nur eine Dampfmaschine kaufen wollte, dann aber von der Brüter-Ruine erfuhr. "Ich setzte mich zu ihm ins Auto und fuhr mit ihm durch Kalkar, Hönnepel, das Erholungsgebiet Wissel. Er war sehr angetan von dem, was er da sah", erinnert sich van de Sand, damals CDU-Fraktionschef und Vorsitzender des Planungsausschusses. "Herr van der Most war sehr ungeduldig, sagte, er müsse schnell eine Entscheidung haben."

Henny van der Most (rechts) zeigte Pläne fürs Wunderland und berichtete von seinen bisherigen Erfolgsprojekten in den Niederlanden. Norbert van de Sand, damals Chef des Planungsausschusses von Kalkar, half ihm bei der Präsentation. FOTO: Evers

Schon eine Woche später machte sich eine 20-köpfige "Reisegruppe" aus Kalkar per Bus auf den Weg in die Niederlande, um sich anzusehen, in was van der Most bisher investiert hatte: eine alte Weberei, eine Textilfabrik, eine Kartoffelfabrik, ein Krankenhaus. Aus all diesem machte er Freizeitparks. "Schon im August bekam er die Möglichkeit, seine Pläne im Ausschuss vorzustellen. Da Arbeitsplätze winkten und Einnahmen für die Stadt, sagte der Rat bereits im September ,Ja'. Im November wurde der Kaufvertrag mit dem Eigentümer RWE unterschrieben, und im Gasthaus Maas gab es eine Bürgerversammlung, zu der 200 Menschen kamen", weiß van de Sand noch. Hemdsärmelig und unverkrampft habe er seine Ideen präsentiert und die meisten Zuhörer überzeugen können. "Aus heutiger Sicht ist es gut, dass zum Hotelbetrieb und dem Freizeitpark auch noch das Messegeschäft kam. So steht das Unternehmen auf breiten Füßen."

Unterm Strich sieht das Karl-Ludwig van Dornick, damals Bürgermeister, auch so. Wobei er persönlich lieber gehabt hätte, wenn aus dem Brüter ein Gas- und Druckkraftwerk geworden wäre, für das es zwischenzeitlich auch einen Interessenten gab.

Die Bürgerversammlung in der Hönnepeler Gaststätte Maas war sehr gut besucht. Alle Anwohner wollten wissen, was aus dem Brüter werden könnte. FOTO: Evers, Gottfried (eve)

"Das wäre für die Stadt am einträglichsten gewesen." Das Land NRW, damals wie heute "rot" regiert, wie der konservative Alt-Bürgermeister anmerkt, habe Kalkar "über den Tisch gezogen". Die Stadt musste hinnehmen, wie das Milliardenprojekt "wie eine Pommesbude in Annoncen angeboten wurde". Die letztendliche Entscheidung zur Folgenutzung habe immerhin die Stadt fällen dürfen - eine gute Entscheidung.

In dieser Einschätzung stimmt ihm Jochem Reinkens, damals schon für die SPD aktiv, zu. "Als wir Henny van der Most kennenlernten, war da anfangs durchaus Skepsis, die aber bald durch die Entwicklung korrigiert wurde." Dass aus dem Brüter weder ein Kalksandsteinwerk, noch ein Erdwärme- oder Gaskraftwerk wurde, findet er richtig. Insbesondere die Vielzahl an Arbeitsplätzen, die entstanden sei, habe die Gemüter besänftigt, denn das war damals die Hauptsorge: "Viele Kalkarer - auch Ratsmitglieder oder deren Familienmitglieder - hatten im Brüter gearbeitet und verloren ihr Jobs. Heute sind alle froh, dass wir kein Atomkraftwerk in der Nachbarschaft haben."

Norbert van de Sand auf dem heutigen Wunderland-Parkplatz. FOTO: Evers

Viel Anerkennung zollt Reimkens dabei Han Groot-Obbink, dem Wunderland-Geschäftsführer, der zwar Visionen habe, dabei aber realistische Bodenhaftung zeige. Erst Geld verdienen, dann weitere Schritte wagen - so etwas komme in Kalkar an.

Quelle: RP
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