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Niederrhein
Weingummi zum Selberdrucken

Niederrhein: Weingummi zum Selberdrucken
Mit dem 3D-Drucker werden Fruchtgummis individualisiert. FOTO: Paul Aidan Perry
Niederrhein. Katjes steigt in das Geschäft mit 3D-Druckern ein. Mit der "Magic Candy Factory" können Kunden künftig selbst bestimmen, wie ihre Süßigkeiten aussehen und schmecken sollen - und sich langfristig sogar als Weingummi verewigen. Von Florian Rinke

Höchste Präzision bedeutete bei Katjes bislang, dass ein Lakritz-Katzenpfötchen aussah wie das andere. Natürlich, Abwechslung muss auch mal sein - doch die beschränkte sich darauf, dass in der "Tappsy"-Tüte mal das Pandagesicht aus Lakritz war und die Ohren aus weißem Schaumgummi und mal andersrum. Tausende Weingummis rollten so in der Katjes-Fabrik im niederrheinischen Emmerich vom Band.

In Zukunft können die Kunden live dabei sein, wenn ihr Weingummi entsteht - und sogar aussuchen, wie es schmecken und aussehen soll. Am Freitag hat das Unternehmen in Berlin die "Magic Candy Factory" eröffnet, in der Fruchtgummis aus dem 3D-Drucker kommen sollen. Präzise wird dabei Schicht um Schicht von einer Druckerdüse aufgetragen. "Für die Süßwarenindustrie ist das ein Innovationssprung", sagt Bastian Fassin, der vor elf Jahren die Unternehmensführung von seinem Vater Klaus übernahm nicht ganz unbescheiden.

Er sei von Freunden oft gefragt worden, ob Katjes nicht individuell Namen oder Formen für sie herstellen könne, erzählt Fassin. Dies sei nun erstmals möglich. Zunächst sollen im Katjes-Café Grün-Ohr in Berlin, wo der erste 3D-Drucker aufgebaut worden ist, nur zehn vorgegebene Formen erzeugt werden können. Dazu zählen neben den für Berlin typischen Ampelmännchen unter anderem Schmetterling, Herz und Oktopus. Der Kunde sucht sich die Form aus, wählt eine Geschmacksrichtung und dann geht es los. Fünf Minuten dauert es nach Angaben von Katjes ungefähr, um aus den Zutaten ein etwa zehn Gramm schweres Weingummi zu drucken.

Eine "süße Revolution" nennt Katjes den 3D-Drucker im PR-Sprech - hat damit aber im Grunde recht. Denn durch 3D-Drucker kehren sich die Prinzipien der Industrieproduktion praktisch um. Als Firmengründer Xaver Fassin 1910 aus einem Sizilien-Urlaub ein Lakritz-Rezept mitbringt und mit der Produktion von Süßigkeiten beginnt, folgt der Aufbau seines Unternehmens einem klaren Muster: Erst wird ein Produkt entwickelt, dann serienmäßig gefertigt und auf dem Massenmarkt vertrieben. Je größer die Stückzahlen, desto niedriger die Kosten, lautet die Faustregel. Und so läuft es nicht nur bei Süßigkeiten: Autos, Kleidung, Möbel, praktisch jedes Produkt wird für einen Millionenmarkt produziert. Wer Individualität wünscht, der muss dafür tief in die Tasche greifen - und lange nach einem Anbieter suchen.

Durch die Digitalisierung verändert sich dieses Muster. Noch werden 3D-Drucker in der Industrie von Autokonzernen oder auch dem Waschmittel-Hersteller Henkel eingesetzt, um Muster von einzelnen Autoteilen oder Verpackungen zu drucken, bevor diese auf den Markt gebracht werden.

Doch je weiter der Fortschritt voranschreitet, umso wahrscheinlicher wird es, dass Kunden normale Konsumgüter individualisieren können. Schon jetzt experimentiert beispielsweise der Sportartikelhersteller Adidas mit maßgefertigten Turnschuhen aus dem 3D-Drucker.

Auch Katjes-Chef Bastian Fassin sieht noch viel Entwicklungspotential: "Da wir noch ganz am Anfang der Entwicklung sind, bietet die Zukunft noch einige großartige Möglichkeiten." Warum sollten Kunden nicht irgendwann in den Katjes-Druckern kleine 3D-Modelle ihres eigenen Gesichts als Fruchtgummi ausdrucken? Natürlich habe man einen Blick auf neue Software und Techniken, sagt Fassin. Aus Fruchtgummi gedruckte Köpfe und Gesichter seien auf jeden Fall eine Option einer möglichen Weiterentwicklung. Bis es soweit ist, könnten auch die ersten Katjes-Drucker in NRW aufgebaut sein. Denn nach der Testphase sollen die Druckstationen langfristig bundesweit in großen Kaufhäusern, an Touristenattraktionen und in Freizeitparks stehen. "In Berlin optimieren wir das Produkt, damit wir spätestens 2016 auch anderen Städten die Innovation präsentieren können", sagt Fassin. Bis dahin bleibt den Menschen in Düsseldorf, Köln und Bottrop nur der Griff zu Fred Ferkel und Co. - dem normalen Fabrik-Weingummi.

Quelle: RP
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