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Kranenburg
Wenn der Wind sich dreht

Kranenburg. Kranenburgs Bürgermeister Günter Steins (CDU) kämpft für die Verbesserung des Weltklimas. Bislang ließ er keine Gelegenheit aus, sich für den Bau eines Windparks im Reichswald einzusetzen. Aktuell hat er jedoch kein Interesse, für das Projekt zu werben. Er will das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten. Von Peter Janssen

Es ist seit Jahrzehnten das größte Projekt, das in der Gemeinde Kranenburg umgesetzt werden soll. Geplant ist, im Reichswald zwölf Windkraftanlagen zu errichten. 200 Meter hoch, für jede muss ein Waldgebiet von der Größe eines Fußballfelds abgeholzt werden. Der Projektentwickler, die Abo Wind AG aus Wiesbaden, will nach ersten Angaben 60 Millionen Euro investieren. Zum Vergleich: Der gesamte Haushalt der Gemeinde Kranenburg betrug 2015 etwa 17 Millionen Euro.

Im Juni stimmte der Rat über die Änderung des Flächennutzungsplans ab, um im Reichswald die Errichtung der Windkraftanlagen zu ermöglichen. Mehr als 200 Windkraftgegner kamen zu der Sitzung. Die Bürgerinitiative "Gegenwind im Reichswald" kann sich über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Die Säle bei Informationsveranstaltungen sind stets gut gefüllt.

Kranenburgs Bürgermeister Günter Steins (CDU) ist Mit-Initiator und Motor des Projekts "Windpark im Reichswald". Er hat die ersten Gespräche mit dem Eigentümer der der Fläche geführt, dem Landesbetrieb Wald und Holz.

Seit elf Jahren ist Steins Leiter der Gemeindeverwaltung, und am 13. September will er für weitere fünf Jahre gewählt werden. Doch weht dem 62-Jährigen derzeit ein eisiger Wind entgegen. Widerstand gegen die geplante Vorrangzone für Windkraftanlagen im Forst hat sich an zahlreichen Fronten formiert. Die Zerstörung des bedeutenden Ökosystems soll verhindert werden.

Nicht nur Naturschutzorganisationen kämpfen gegen das Projekt, auch der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) lehnt das Vorhaben ab. Der Kreis Kleve als Genehmigungsbehörde hat Bedenken geäußert. Politiker gleich mehrerer niederländischer Grenzgemeinden wollen alles dafür tun, damit die Anlagen nicht gebaut werden. So hat die Gemeinde Groesbeek 10 000 Euro für eventuelle Klagen in den Haushalt eingestellt. Selbst der Gocher CDU-Bürgermeisterkandidat Heinz van Baal ist gegen die Pläne. Der Windpark würde genau an der Grenze zum Gocher Ortsteil Kessel liegen. Die Aussage von van Baal lässt keinen Interpretationsspielraum zu. Auf einer Bürgerversammlung in Kessel stellte er klar, dass er keine Windkraftanlagen am Kartenspielerweg im Reichswald wolle. Steins, ebenfalls Gast bei der Veranstaltung, musste erst einmal tief Luft holen. Er nahm die klaren Worte seines Parteifreunds mit wenig erfreutem Gesichtsausdruck zur Kenntnis. Alle Windparkgegner betonen stets, dass sie nicht die Aufstellung von Anlagen verhindern wollen. Nur sollen sie nicht in den Wald gebaut werden.

Trotz des Widerstands kämpft der Kranenburger Bürgermeister emsig weiter für die Umsetzung des Millionen-Projekts. Der Rat trägt die Pläne mit, doch tut Steins auch einiges dafür, dass die Politik ihn in seinem Vorhaben unterstützt. So schreibt er Briefe an Fraktions- und Ortsverbandsvorsitzende, in denen er dazu auffordert, man möge doch auf die Parteifreunde im Kreistag hinwirken. Steins würde es begrüßen, wenn der Satz "Auch gegen die Darstellung von Windenergiebereichen im Reichswald bestehen Bedenken" aus dem Regionalplanentwurf des Kreises gestrichen würde.

Grund für sein großes Engagement ist die Energiewende, wie der Verwaltungsleiter bei jeder Möglichkeit betont. Die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima waren für seine Einstellung entscheidende Ereignisse. Jeder müsse einen Beitrag zum Klimaschutz leisten - auch die Gemeinde Kranenburg. Steins will, was die Erzeugung von sauberer Energie betrifft, vorweg gehen. Doch war das nicht immer so.

2009 - die Kommunalwahl vor Augen und die Mehrheit der Bevölkerung im Rücken, setzte sich Steins an die Spitze einer Bewegung, die den Bau von drei Windrädern am Waldrand in der Ortschaft Frasselt verhindern wollte. Mit Erfolg. Das Aachener Unternehmen Energiekontor plante zunächst drei, später zwei Anlagen zu errichten. In seiner Wahlkampfbroschüre von 2009 erklärte Steins, dass wegen der sensiblen Landschaft entlang des Reichswalds keine geeigneten Flächen für die gewaltigen Anlagen existieren. "(...) CDU und FDP haben dazu eine klare Meinung: Keine Windkrafträder am Reichswald (...)", heißt es in dem Werbeblatt. Strom durch Windkraft sei grundsätzlich zu begrüßen, heißt es weiter, "aber nicht um jeden Preis und nicht, wenn es für den Betreiber auch verträglichere Standortalternativen gibt", stellte Steins fest. Er wolle nicht versprechen, dass er Anlagen in Frasselt oder an anderen Stellen verhindern könne, doch werde er alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.

2011 wurde der Windenergieerlass überarbeitet. Der Wald war vorher eine Tabufläche, jetzt nicht mehr. Auch nach der Lockerung war Steins zunächst der Ansicht, dass in Kranenburg nicht mehr als zwei Anlagen nebeneinander gebaut werden könnten. Den Tieren galt seine Sorge. Gänse, Milane und Fledermäuse gelte es zu schützen. Auch die sogenannte bedrängende Wirkung bleibe ein Argument, das Landschaftsbild würde durch Windräder erheblich gestört.

Doch weht der Wind seit 2009 anders. Steins will das Feld bestellen, damit der Anlagenbauer dort Energie ernten kann. Zwar nicht in Frasselt am Waldrand, sondern jetzt mitten im Wald. Auch sollen es nicht zwei oder drei Anlagen sein, sondern zwölf.

Steins nutzt auch Diskussionsrunden anderer Parteien, um für das Projekt zu werben. So besuchte er eine Veranstaltung der Grünen. Hier stellte er klar, das Windkraftanlagen das Landschaftsbild nicht zerstören würden. Das war im Mai dieses Jahres.

Gutachten wurden in Auftrag gegeben. In denen ist untersucht worden, ob es Möglichkeiten gibt, auf dem Gemeindegebiet Vorrangzonen auszuweisen. In den ersten beiden Expertisen wurde festgestellt: Geht nicht. Gründe waren: Naturschutzgebiete, gestörtes Landschaftsbild, bedrängende Wirkung und Störung des Charakters der Endmoräne. Nun hat sich die Endmoräne in den vergangenen Jahren zweifellos nicht mehr großartig bewegt. Dennoch wurde in der jüngsten Untersuchung festgestellt: Jetzt geht's.

Doch trübt sich Steins uneingeschränkte Unterstützung für die Errichtung der Windräder zeitweise ein. So etwa bei besagter Ratssitzung im Juni, als es darum ging, den Flächennutzungsplan zu ändern. Bei der Abstimmung enthielt er sich ebenso wie die SPD-Bürgermeisterkandidatin Tatjaana Kemper. Nicht nur aus der SPD gibt es Stimmen, die behaupten, Steins habe aus wahltaktischen Gründen nicht für die Änderung votiert. Die Entscheidung, das Projekt nicht uneingeschränkt zu unterstützen, muss bei dem 62-Jährigen kurzfristig gefallen sein. Noch unmittelbar vor der Abstimmung hatte er im Ratssaal vor den Windkraftgegnern ein Statement von mehreren Seiten vorgetragen, in denen er seine Argumente für die Umsetzung der Pläne darlegte.

Als CDU und FDP Günter Steins als ihren Bürgermeisterkandidaten präsentierten, erklärte dieser während des Termins, er wolle das Thema Windkraft aus dem Wahlkampf heraushalten. Und das bei einem Projekt, das für Kranenburg ein extrem bedeutendes ist und von ihm angestoßen wurde. Der Grund für das taktische Verhalten von Steins: drohende Stimmenverluste bei der Wahl. Denn das Thema ist nicht geeignet, um Leute für sich zu begeistern. Der Reichswald ist nicht nur für die Kranenburger Bürger ein Stück Heimat und bedeutender Erholungsraum.

Ein wichtiger Grund für den Sinneswandel des Bürgermeisters ist ein nüchterner. Denn neben sauberer Energie würde die Ansammlung der Windräder im Wald auch für zusätzliches Geld in der Gemeindekasse sorgen. Gemessen an den Kranenburger Kontoständen sogar für viel Geld. Spekuliert wird, dass etwa 800 000 Euro jährlich eingenommen werden.

Günter Steins betont, dass es ihm bei seinem Einsatz für den Bau der Anlagen nicht zuallererst um die angenehmen finanziellen Begleiterscheinungen gehe. Aktuell will er einen Beitrag zur Verbesserung des Weltklimas leisten. Vor einigen Jahren war das anders.

Der Wind hat sich eben gedreht.

Quelle: RP
 
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