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Kleve
Wenn jedermann zum Kunstwerk wird

Kleve: Wenn jedermann zum Kunstwerk wird
Noch führt Museumsdirektor Harald Kunde die Riege der Mini-Ichs an. FOTO: RP-Fotos (2) Klaus Stade
Kleve. Die "Intervention" des israelisch-britischen Fotografen Ori Gersht: Eine Ausstellung in der Ausstellung, die auf Flincks barocke Bilder reagiert und bei der jeder Besucher Teil des Projektes und der Ausstellung werden kann. Von Matthias Grass

Der Weg, Kunstwerk in der laufenden Ausstellung des Museums Kurhaus zu werden, dauert nur wenige Minuten. Vorausgesetzt, Handscanner und Tabletcomputer machen mit. Sonst muss die rund fünf minütige Prozedur noch einmal gestartet werden. Dann heißt es weiter stillhalten. Nicht bewegen. So, als sitze man Porträt beim großen Maler Flinck. Nur eben kürzer.

Alexander Rütjes, derzeit Praktikant im Klever Museum, umkreist den Besucher dann als das künftige Kunstwerk mit einem Handscanner. Der überträgt die Daten in einen Tablet-Computer, auf dessen Bildschirm Rütjes das Ergebnis seiner Scan-Arbeit kontrollieren kann. Sind alle mit dem Ergebnis zufrieden, gehen die Daten nach Duisburg und dort wird von einer Firma Sturm ein "Mini-Ich" vom Porträtierten gemacht: Zehn Zentimeter groß und gut zu erkennen, wer dort steht. Dieses Mini-Ich wandert dann in eine Vitrine, die sich bis Ende der Ausstellung mit ganz vielen Mini-Ichs von Klever Bürgern füllen soll.

Bis jetzt stehen allein die Mitarbeiter und Freunde des Museums in der Vitrine im ersten Stock - jene, die mit ihrer Arbeit Museum erst möglich machen. Sei sie professionell wie bei den Angestellten oder ehrenamtlich, wie bei den Freunden. Aber auch die Besucher unterstützen das Museum: Durch ihre Zahl zeigen sie, dass die Arbeit des Musentempels auf breite Anerkennung fällt - findet Ori Gersht. Der israelisch-britische Fotograf reagiert nämlich mit seiner vielschichtigen Ausstellung in der Ausstellung auf die barocke Porträtmalerei, die jene Menschen abbildet, die aufgrund ihres Reichtums in der Lage waren, Künstler zu bezahlen oder mäzenatisch tätig zu werden. Mit der Scan-Aktion "Bound in the bond of life" macht Gersht das für Otto Normalbürger möglich. Einmal scannen kostet 75 Euro. Die Figur bleibt bis Ausstellungsende im Museum, dann geht sie an den Porträtierten, der sein mini-Ich schließlich in die eigene Vitrine stellen kann. Zugleich unterstützt er mit einem kleinen, in den 75 Euro enthaltenen Obulus, den Freundeskreis. Er wird zum Patron, zum Mäzen.

Um die geht in der zweiten Ebene der Gersht-Ausstellung, "The Patrons". Patrone/Mäzene hat Gersht während eines viertägigen Aufenthaltes in Kleve nach Altmeister-Sitte fotografiert. Es sind überwiegend Mäzene und Unterstützer des Museums, von Robert Angerhausen über Sonja Mataré bis Ursula Stein, von Freundeskreisvorsitzender Ulrike Sack bis hin zu Werner und Adele van Ackeren. Insgesamt zwölf Menschen, die überlebensgroß in der Wandelhalle des Hauses ausgestellt oder in der Ausstellung verteilt sind, wie Heinz Sack im Katharina von Kleve Saal zwischen den Herzögen.

Kleves Museumsdirektor Prof. Harald Kunde war auf Gershts Arbeiten in einer Ausstellung im Sinclair-Haus der Altana-Kunststiftung aufmerksam geworden und konnte ihn gewinnen, in Kleve auf die Malerei Govert Flincks zu reagieren. Gersht machte zu den Flinck-Porträts die "Patrons". Porträtmalerei mit dem Medium der Gegenwart: dem Foto. Aber nicht wie das schnelle Selfie, sondern sorgsam inszeniert wie ein Barockgemälde. In einer Farbigkeit und einer Pose, wie sie denen auf den Bildern des Barockmalers Flinck entspricht. Die Fotos spiegeln eine zurückhaltende Eleganz wider, wie Kunde es beschreibt. "Entstanden ist so ein Zyklus von höchst unterschiedlichen Individualitäten, die im Profil oder en face auf den Betrachter blicken und die in gewisser Weise die Summe von übereinandergeblendeten Zeitschichten verkörpern", schreibt Kunde im mächtigen Katalog zur Ausstellung. Es ist letztlich eine zeitgemäße Form des Porträts. Porträts, die zu Kleve und zum Museum gehören und die auch in Kleve bleiben werden - Dank der Unterstützung der Freunde.

Die vierte Ebene der Gersht-Einrichtung ist schließlich ein Video, in dem die Barock-Porträts verwässert werden, sie sich auflösen, verzerren, verschwimmen.

Quelle: RP
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