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Kreis Kleve
Zuckerkartell: Rübenbauern in Sorge

Kreis Kleve: Zuckerkartell: Rübenbauern in Sorge
Rübenverarbeitung im Pfeifer & Langen-Werk Kalkar-Kehrum: Für viele Landwirte in der Umgebung ist der Anbau von Zuckerrüben zumindest ein Zusatzgeschäft. FOTO: Gottfried Evers
Kreis Kleve. Nachdem die großen Zuckerproduzenten wie Pfeifer & Langen wegen Preisabsprachen schon vor Jahren hohe Bußgelder zahlen mussten, gibt es jetzt Schadenersatzprozesse - aktuell Katjes gegen Südzucker. Rübenpreise sinken. Von Anja Settnik

Wenn die Rübenbauern im Kreis Kleve in diesen Tagen von dem Gerichtsprozess Katjes gegen Südzucker hören, haben viele von ihnen ein etwas flaues Gefühl im Magen. Denn seit Jahren bekommen die Produzenten von ihrem Industrie-Partner immer weniger Geld für die Feldfrüchte. Wenn die Zuckerhersteller wie jetzt Südzucker (aber ebenso Nordzucker und Pfeifer & Langen) nun weitere hohe Strafzahlungen leisten müssten, dürfte sich das kaum positiv auf die Situation der Landwirte auswirken. Der Süßwarenhersteller Katjes und Südzucker stehen sich seit gestern vor dem Landgericht Mannheim in einem millionenschweren Schadensersatzprozess gegenüber.

Es geht um eine Forderung von über 30 Millionen Euro. Hintergrund ist ein Kartellverfahren gegen Südzucker, Nordzucker und Pfeifer & Langen, das bekanntlich auch ein Werk in Kalkar-Appeldorn betreibt. Die Unternehmen sollen nach Überzeugung des Bundeskartellamtes über Jahre hinweg Verkaufsgebiete, Quoten und Preise abgesprochen haben. Die Unternehmen mussten bereits 280 Millionen Euro Bußgeld zahlen. Ob Vivil oder Nestlé, Joghurt-Hersteller Bauer, Gebäck-Spezialist Lambertz oder jetzt Emmerichs Bonbonfabrik Katjes - sie alle klagen gegen den Zucker-Riesen. Insgesamt soll es 31 Klagen geben, die zum Teil erst im Laufe des Jahres vor Gericht verhandelt werden. Aus der Presseabteilung von Südzucker heißt es, dass weder Herstellern noch Verbrauchern ein Schaden entstanden sei und die Forderungen deshalb nicht berechtigt seien.

Schon 2005 waren Landwirte vom Niederrhein in Begleitung hiesiger Politiker nach Brüssel gefahren, um gegen die neue Zuckermarktordnung zu protestieren. Seit die EU einen Prozess vor der Welthandelsorganisation gegen Brasilien, Thailand und Australien verloren hat, muss der Import von 20 Prozent Übersee-Zucker akzeptiert werden. Damit wird allerdings 2017, wenn die Quote generell fällt, Schluss sein. Früher schützten hohe Einfuhrzölle die einheimische Zuckerindustrie vor der Konkurrenz.

Kreislandwirt Josef Peters erklärt: "Die Zuckerrüben spielen für uns am Niederrhein nicht die allergrößte Rolle - hier geht es mehr um Schweine, Rinder und Milch. Pfeifer & Langen hatte fürs letzte Jahr empfohlen, weniger Rüben anzubauen; auch, weil die Dicksaft-Vorräte aus dem Vorjahr noch groß waren. Grundsätzlich will das Unternehmen aber eher mehr Landwirte dafür interessieren, Rüben anzubauen, um das Werk auszulasten." Übrigens ist der Kreislandwirt nicht gegen die Kartellbehörden. "Die müssten viel mehr kontrollieren, zum Beispiel bei der Milch. Wie kann es sein, dass die bei den Discountern von Emmerich bis Oberammergau das gleiche kostet? Das geht nur mit Preisabsprachen."

In diese Kerbe haut auch der Klever Landwirt Christian Schulte, der neben Raps, Weizen und Mais auch Rüben anbaut. Und Schweine züchtet. "Das Fleischkartell ist noch viel schlimmer als das Zuckerkartell", meint er. Ob es sich künftig noch lohnt, Rüben anzubauen - da ist er skeptisch. Magnus Bause, der Leiter der Gutsverwaltung von Schloss Wissen in Weeze, hat aus anderen Regionen schon gehört, dass die Preise erneut sinken. Pfeifer & Langen verhandele wohl noch. Sollte der Preis allzu schlecht werden, wolle er die Rübenmenge reduzieren. "Unsere Böden und das Klima ermöglichen zum Glück, dass wir auch auf Gemüse ausweichen. Eigentlich sind Zuckerrüben für die Fruchtfolge aber sehr gut." Notfalls schlucke natürlich auch die von Loe'sche Biogasanlage die Rüben.

Knapp 100 Mitarbeiter arbeiten fest bei Pfeifer & Langen, während der Kampagne weitere 35 Aushilfskräfte. Auch Azubis lernen im Kalkarer Zuckerwerk, was auch für die Zukunft vorgesehen ist. Bause ist überzeugt, dass die Zuckerfabriken (eventuelle) Strafen durchaus verkraften können, sie aber natürlich umlegen werden. Ebenso wie Josef Peters ist er sicher, dass die Preise sinken werden. "Aber wenn sie völlig unattraktiv werden, geben sicherlich einige Berufskollegen den Rübenanbau auf." Und wenn in der Umgebung von Pfeifer & Langen zu viele Bauern das Handtuch werfen, könnte es auch für das Unternehmen brenzlig werden. Denn die Fahrt vom Feld zur Fabrik darf nicht zu weit sein.

Quelle: RP
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