| 19.14 Uhr

An die Krawall-Abiturienten aus Köln
Habt ihr sie noch alle?

Chronik: Bei diesen Abi-Streichen kam die Polizei
Chronik: Bei diesen Abi-Streichen kam die Polizei
Meinung | Köln. Die Mottowoche der Abiturienten in Köln läuft gerade aus dem Ruder - wie schon in den vergangenen Jahren. Eltern, Schulpsychologen und Polizei versuchen, die Ursache des Problems zu ergründen. Verständlich, aber überflüssig, findet unsere Autorin, deren eigene Abi-Zeit gar nicht so lange her ist. Ein Appell an die Vernunft.  Von Merle Sievers

Liebe Krawall-Abiturienten aus Köln, 

wie geht's euch heute? In den vergangenen 24 Stunden blieb es ja ausnahmsweise ruhig in der Stadt. Das lässt darauf hoffen, dass ihr vielleicht mal eine Nacht über das geschlafen habt, was in den letzten Tagen passiert ist. Deswegen noch mal die Frage: Wie geht's euch heute? Ereilt euch ein schlechtes Gewissen? Rafft ihr so langsam, dass gerade zwei eurer Mitschüler mit schweren Verletzungen im Krankenhaus liegen? Und was das bedeutet? Oder ist das alles nicht so schlimm, weil ja immerhin keine Leute von euch verletzt wurden? 

Ich bin zwar etwas älter als ihr, trotzdem würde ich mich mit meinen 26 Jahren noch zum jungen Teil der Bevölkerung zählen, dem ihr ja auch angehört. Vor sieben Jahren habe ich selbst Abitur gemacht. Auch wir hatten damals eine Mottowoche, eine spektakuläre Entlassungsfeier, einen pompösen Ball und Partys, an deren Verlauf ich mich nicht genau erinnern kann, weil ich die Freude über meine bestandene LK-Klausur in Tequila ertränkt habe. Die Abi-Zeit war der bisher beste Sommer meines Lebens. Und ich gönne jedem, wirklich jedem, der die zwölf oder 13 Jahre Schule durchgehalten hat, ein solches Gefühl. 

Aber der Abi-Krieg, den ihr euch da gerade untereinander liefert, hat nichts mehr mit der gerade beschriebenen Euphorie zu tun. Damit meine ich gar nicht bloß die aktuellen Abi-Jahrgänge. Auch eure Vorgänger haben sich in den vergangenen Jahren benommen wie wildgewordene Eber. Trotzdem ist die Gewaltbereitschaft und das Ausmaß der Kämpfe in diesem Jahr neu. 

Die Polizei muss eure Schulen bewachen

Da liegen gerade zwei von euch im Krankenhaus, der eine mit Schädelfraktur, der andere mit schlimmen Gesichtsverletzungen. Die Polizei muss eure Schulgelände bewachen, damit ihr nicht wieder einen Sachschaden in fünfstelliger Höhe verursacht. Habt ihr sie noch alle?

Ich habe nichts gegen Wettbewerbe zwischen Schulen, meinetwegen liefert euch Schlachten mit Wasserbomben, Eiern, Mehl oder euren zerschredderten Matheheften. Wenn's sein muss, bringt eure Plakate mit heroischen Botschaften an eurem Schulgelände an und produziert diese lächerlichen Videos mit Pseudo-Kriegserklärungen an andere Schulen. 

Es reicht nicht, nicht ganz so hart zuzuschlagen

Aber hört auf, euch die Köppe einzuhauen! Was ihr da macht, ist lebensgefährlich. Und da reicht es nicht, die Wasserflaschen oder Baseballschläger nicht ganz so hart zu werfen oder bei den Kämpfen nur daneben zu stehen. Ihr solltet damit aufhören und auch eure Mitschüler, bei denen der Groschen noch nicht gefallen ist, von solchen Taten abhalten. 

Alle möglichen Leute versuchen gerade zu verstehen, was ihr da verzapft. Elterninitiativen schieben die Schuld auf das G8-Modell, weil euch dadurch im Entwicklungsprozess angeblich ein Jahr fehlt und ihr leider noch nicht so reif seid. Schulpsychologen werden in Tageszeitungen interviewt und reden von einem übersteigerten Gemeinschaftsgefühl, das euch am Ende eurer Schulzeit ergreift und das ihr in der Rivalität mit anderen Schulen auslebt. Schulministerinnen und Polizeipräsidenten diskutieren über die Verantwortung, die Eltern und das Gymnasium an eurer Erziehung tragen. 

Lasst euch nicht provozieren

All diese Debatten sind nachvollziehbar, aber am Ende nicht entscheidend. Ihr müsst einfach aufwachen, setzt euren Verstand ein, der euch ja offensichtlich bis zum Abitur gebracht hat. Stellt euch vor, die Typen, die gerade im Krankenhaus liegen, wären eure Geschwister oder eure besten Freunde!

Lasst euch nicht provozieren von anderen Schülern, die sich benehmen wie verantwortungslose kleine Kinder. Feiert euer Abi und freut euch aufs Leben. Denn aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Das Leben wird tatsächlich noch geiler als jetzt. Macht euch und anderen das nicht kaputt, indem ihr ihnen eine Glasflasche über den Kopf zieht! 

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