| 09.31 Uhr

Adele in Köln
Ein triumphaler Abend

Adele begeistert ihre Fans in Köln
Adele begeistert ihre Fans in Köln FOTO: Holstein
Köln. Beim ersten ihrer beiden Kölner Pfingstkonzerte überzeugte die britische Sängerin 16.000 Fans. Die 28-Jährige inszenierte sich über zwei Stunden lang als beste Freundin. Ein umwerfender Abend. Von Philipp Holstein

Man kam in die Halle, und man sah auf der mächtigen Leinwand hinter der Bühne die geschlossenen Augen Adeles in Großaufnahme; man erkannte die aufgeklebten Wimpern und den schwungvollen Amy-Winehouse-Lidstrich. Manchmal lief ein Zucken über die Haut unter den Augen, die Härchen vibrierten, man schaute Adele beim Schlafen zu, aber dann ging das Licht aus, ein Lied begann, es war das eine Lied, das jeder kennt, und als sein Titel genannt wurde, öffneten sich die Augen auf der Leinwand - Adele war wach, und das Publikum schrie: "Hello".

Der Clou war nun aber, dass Adele gar nicht auf der Bühne stand, jedenfalls nicht auf der Hauptbühne, sie wurde nämlich aus dem Boden auf ein kleines Podest mitten im Zuschauerraum gefahren, sie stand in einem langen, schwarzen Glitzerkleid da und schmetterte ihre Ballade, ganz nah, in Reichweite, und nach jedem Refrain applaudierten die 16.000 in der bestuhlten Lanxess-Arena. Sie konnten es nicht fassen, und Adele schaute auf das eigene, überlebensgroße Augenpaar und sang mit ihren Klimperwimpern im Duett: "Hello from the other side."

Der 28 Jahre alte Superstar aus Großbritannien gab das erste von zwei Pfingstkonzerten in der ausverkauften Kölner Halle, und es wurde ein umwerfender, triumphaler Abend. Kurz vor Ende des Eröffnungssongs raffte sie das Abendkleid, man sah ihre Ballerinas, und dann stieg sie von der kleinen Bühne und lief durchs Publikum auf die Hauptbühne, und dort tanzte sie ihr Lied nach Hause und begann gleich ein neues, es heißt "Hometown Glory", und dazu ließ sie Aufnahmen vom Kölner Dom auf die Leinwand projizieren. Adele inszenierte sich als Star zum Anfassen, buchstäblich, es war ein bisschen, als kehre jemand heim, der anderswo sein Glück gemacht hat, und jetzt erzählt er, was ihm passiert ist, und dazu gibt es Spumante.

Viele Paare in der Halle

Schon vor dem Konzert spürte man Aufgeregtheit in der Halle, heitere Nervosität, da bahnte sich etwas Besonderes an. Es waren auffallend viele Paare da, sie tranken Sekt für 4,50 Euro das Glas. Männer streichelten erwartungsfrohen Frauen über den Rücken, Freundinnen warfen das Haar in die richtige Position, weil sie sich mit Selfiestangen fotografierten wollten, dazu lief "Rock With You" von Michael Jackson vom Band, und zwischen den Großen hüpften Kinder, die das erste Mal in einem Konzert waren - das Mädchen mit dem rosa Prinzessinnen-Kleid etwa und der Junge mit der Trainingsjacke des TuS 07 Liedberg. Es roch nach Parfüm und Nachos, es roch nach Bratwurst und Bier, es roch nach der Verheißung des Samstagabends.

Adele erzählte vor jedem Song Geschichten, niemand sonst macht so ausführliche Ansagen. Ob man das kenne, dass man jemanden eigentlich aus seinem Leben verabschiedet habe, aber dann kehre er doch immer wieder zurück? Ja, riefen viele in der Halle. "Jeder hat so jemanden", bestätigte Adele, manche Typen werde man einfach nicht los. Sie lachte laut und ziemlich englisch, hä hä, und dann sang sie "Send My Love (To Your New Lover)". Sie schwärmte von ihrem drei Jahre alten Sohn und sang "Sweetest Devotion", sie holte drei Frauen aus Kalifornien auf die Bühne, die bei der Air Force arbeiten, und sie machte Selfies mit ihnen. Sie sagte, dass sie deshalb nicht im Video zu "Skyfall" auftauche, weil sie "heavy pregnant" gewesen sei damals und dicke Lippen gehabt habe und eine geschwollene Nase. Und sie holte Alijah und deren Mama aus Düsseldorf auf die Bühne und fragte, wo man denn in Köln so hingehen könne, und die Zehnjährige antwortete lakonisch: "I don't know". Dann sang Adele "Rumour Has It", "einen meiner zwei Uptempo-Songs".

Die große, von einem Lichtstreifen gerahmte Leinwand wurde irgendwann eingezogen, dahinter thronte eine 20-köpfige Band in 20er-Jahre Ambiente, es gab Streicher und ein Piano. Lampen schickten Lichtfäden in die Halle, die zu sich einem leuchtenden Gewebe verbanden, und Adele stand da und sang. Ihre Besonderheit ergibt sich auch aus dem Gegensatz zu anderen Künstlerinnen in der Champions League des Pop: Da schwärmen eben nicht sechs muskelgeölte Boys um sie herum, da bläst keine Windmaschine das Haar aus ihrem Gesicht, und sie veranstaltet keinen zweistündigen Workout. Sie orientiert sich am klassischen Entertainment einer Barbra Streisand. Sie ist just Adele.

"Million Years Ago"

Sehr schön war der Akustikteil, Adele brachte das rührende Lied "Million Years Ago" zur Gitarre, und manchmal, wenn sie über verflossene Liebhaber sang, verzog sie ihr Gesicht und machte Gesten, die den Glamour und den Feinsinn brachen, das war dann East London, bierselige Britishness, jedenfalls war es sehr sympathisch, weil authentisch, und überhaupt kann sie sehr herrlich fluchen. Ihren frühen Hit "Chasing Pavements" sang sie wieder auf der kleinen Bühne, sie klatschte die Fans ab, als sie durch die Reihen ging, und das Lied war toll inszeniert: Adele hinter einem Gaze-Schleier, auf den man sie in Schwarzweiß doppelte. Schließlich ließ sie es regnen, da kam echtes Wasser herunter, aber Adele stand im Trockenen und sang "Set Fire To The Rain".

Zu "When We Were Young" zeigte sie Fotos aus dem Familienalbum, auf einem trug sie ein T-Shirt der Band East Seventeen. Ein letzter Höhepunkt war nach etwas mehr als zwei Stunden die letzte Zugabe: "Rolling In The Deep" im Konfettiregen, völlige Ekstase, totale Zuneigung. Beim Rausgehen sagte eine Dame zu ihrer Freundin, dass das alles aber sehr schön gewesen sei.

Ja.

Wie Adele bei ihrem Konzert zwischen die Fronten des uralten Streit zwischen Köln und Düsseldorf geriet, lesen Sie hier

(hol)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Adele in Köln: Ein triumphaler Abend


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.