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Altweiber in Köln
Sicherheitsstufe Karneval

Alaaf - so feiert Köln Weiberfastnacht 2016
Alaaf - so feiert Köln Weiberfastnacht 2016 FOTO: dpa, mjh fpt
Köln. Bei nasskaltem Wetter feiern deutlich weniger Jecken in Köln den Einstieg in den Straßenkarneval. Obwohl die Sicherheitsvorkehrungen nach der Silvesternacht noch einmal deutlich erhöht wurden, sind viele Frauen nebst Regenschirm auch mit Reizgas ausgestattet. Von Lisa Kreuzmann

Björn Lamprichs soll so etwas wie ein Auge im Sturm aus Konfetti, Kostümen und Kamellen sein. Der Polizist steht vor einem mit allerhand Technik gespickten Kastenwagen auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs. Seit Silvester kennen auch Nicht-Kölner diesen Ort, an dem Frauen im Getümmel belästigt und begrapscht worden sind. Jetzt, an Weiberfastnacht, soll Lamprichs den neuerlichen Trubel mit einer ausfahrbaren Kamera auf dem Wagen aus bis zu sechs Metern Höhe im Auge behalten.

Polizei setzt auf Videoüberwachung

Karneval: Das ist der Security-Point in Köln

Nach der Silvesternacht sind die Sicherheitsvorkehrungen zum Straßenkarneval noch einmal deutlich erhöht. Dass Frauen vor den Augen der Polizei bedrängt und ausgeraubt werden, soll sich nicht wiederholen. In der Altstadt und an der Partymeile Zülpicher Straße ist die Polizei mit mehr als 2000 Beamten der Landespolizei, im Bahnhof mit bis zu 410 Kräften der Bundespolizei im Einsatz. Das Kölner Ordnungsamt sorgt mit etwa 400 Ordnern für zusätzliche Sicherheit. Die Polizei setzt zudem auf Videoüberwachung. Das umfangreiche Sicherheitspaket kommt bei den Narren gut an: "Am Bahnhof sieht man sehr viele Polizisten", sagt Isabel Potor aus Bonn. Dadurch fühle sie sich absolut sicher. Die 21-Jährige ist mit ihren Freundinnen nach Köln zum Feiern angereist. Ein bisschen mulmig war manchen Frauen aber trotzdem zu Mute. Den Sessionsauftakt in der Domstadt haben deutlich weniger Jecken als in den vergangen Jahren begangen.

"Wir üben schon fleißig die Armlänge Abstand", scherzen vier Frauen aus dem Sauerland, die als Jacob Sisters verkleidet sind. Der Seitenhieb gilt Kölns neuer Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die nach den Übergriffen in der Silvesternacht für diesen Ratschlag kritisiert wurde. Reker eröffnet pünktlich um 11.11 Uhr die Session. Die Kölner Straßen sind aber spürbar leerer als in den vergangenen Jahren. Eine Armlänge Abstand lässt sich ganz gut einhalten.

Fotos: Karneval im Knast: „JVA Alaaf!“ FOTO: Klas Libuda

"Ganz viel Bützen"

1. FC Köln feiert Karneval FOTO: dpa, hk cul

"Wir sind hier ja wirklich in einem Kessel der Fröhlichkeit angekommen", sagt Reker zur Begrüßung. Aber auch das Festkomitee hat die Übergriffe an Silvester nicht vergessen. "Ganz viel Bützen", rät die Jungfrau des Kölner Dreigestirns (Jörg Hertzner) ihrem jecken Volk. Das Spitzenhöschen der Damen bleibe aber unantastbar. Sechs sexuelle Übergriffe wurden bis zum Abend gemeldet, so die Kölner Polizei. Frauen wurden unsittlich berührt und beleidigt. Zwei noch unbekannte Täter grapschten während einer TV-Live-Übertragung am Alter Markt eine 42-jährige belgische Journalistin an.

Im Bahnhof wartet Kena Mohammad zusammen mit seiner Schwester auf den Zug. Das ist nicht sein richtiger Name, den möchte der Aktivist aus Syrien lieber nicht nennen. Der Regimekritiker werde von der Terrormiliz Islamischer Staat bedroht, erzählt er, in Deutschland habe er nun Asyl bekommen. Vielleicht könne er den Karneval im nächsten Jahr auch genießen, sagt er, aber noch sei er "der Neue". Nach der Silvesternacht habe er Angst vor Vorurteilen. Mit Deutschen überhaupt in Kontakt zu kommen, sei seit Silvester noch schwerer. "Wenn ich eine Frau anspreche, denken doch alle gleich, ich würde sie bedrängen." Dabei versichert er : "Wenn ich mitbekommen würde, dass ein Mann einer Frau zu nahe kommt, würde ich sofort eingreifen."

Ein paar Meter weiter steht recht einsam der "Security Point" für schutzsuchende Frauen. In einem Bauwagen hat die Stadt Köln zu Karneval eine Anlaufstelle für Frauen eingerichtet, die im Gedränge belästigt oder bedroht werden. Der "Security Point" steht seit Mittwoch rund 50 Meter neben dem Kölner Dom und ist an Weiberfastnacht und Rosenmontag von 11.11 Uhr bis Mitternacht geöffnet. "Wichtig ist, dass die Frauen in geschützter Situation erst einmal erzählen können, was überhaupt passiert ist", sagt Monika Kleine vom Sozialdienst katholischer Frauen.

Alle ein "bisschen aufmerksamer" als sonst

Travestie-Künstlerin Estelle van der Rhone aus Berlin kann die Aufregung nicht verstehen. Auch sie fällt auf: schwarze Perücke, tief ausgeschnittenes Dekolleté, kurzer Rock, spitze Pumps. Damit ist die Berlinerin zwei Meter groß. "Ich will angegrabbelt werden", scherzt die Travestie-Künstlerin. Doch so direkt geben sich in Köln nicht alle. "Man merkt schon, dass alle ein bisschen aufmerksamer sind als sonst", sagt die 26-jährige Kathi E., die als Polizistin verkleidet ist: Schirmkappe, verspiegelte Sonnenbrille, enge Röhrenjeans. "Aber wir versuchen, uns die Angst nicht anmerken zu lassen." Die 38-jährige Simone aus Pforzheim gesteht: "Ein bisschen mulmig war mir schon vorher." Und so manch einer hat den Kölner Karneval dieses Jahr sogar ganz ausfallen lassen.

"Wir hatten einen Bus für 56 Frauen gemietet", erzählt die 55-jährige Ute aus dem Kreis Arnsberg. Aber die Hälfe der Teilnehmerinnen habe nach Silvester den Kurztrip abgesagt. Vor dem Früh am Dom haben sich inzwischen viele aussortierte Pfeffersprayfläschchen angesammelt. Es seien deutlich mehr Sprays gefunden worden, als in den vergangenen Jahren, heißt es beim Sicherheitspersonal der Kölner Brauerei. Wohin das auch führen kann, zeigt ein Vorfall in einer Kölner Disco. Wie der Kölner "Express" berichtet, soll ein Besucher auf der Tanzfläche mit Reizgas gesprüht haben. Mehrere Gäste erlitten Atembeschwerden. Insgesamt meldeten Feuerwehr und Rettungskräfte bis Donnerstagabend knapp 180 Einsätze. Die Polizei sprach insgesamt von einem ruhigen Auftakt des Straßenkarnevals. Die Jecken hätten sich gut verhalten. So kann es die nächsten Tage weitergehen.

Quelle: RP
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