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Besuch im Maßregelvollzug Köln-Porz
Patienten, nicht Häftlinge

Ein Blick in die LVR-Klinik Köln Porz
Ein Blick in die LVR-Klinik Köln Porz FOTO: Christoph Reichwein
Köln. Sie sind Straftäter. Sie haben Häuser angezündet, andere Menschen verletzt oder sexuell misshandelt. Diese Menschen sind ein Teil unserer Gesellschaft, aber irgendwie auch nicht. Sie leben in Einrichtungen hinter meterhohen Mauern. Aber wie sieht es dort eigentlich aus? Ein Blick in eine andere Welt. Von Vassili Golod

Wer mit der Straßenbahn an der Haltstelle "Westhoven Kölner Straße" ankommt, muss nur einige hundert Meter gehen, bis er eine große Betonmauer entdeckt. Sie ist 5,50 Meter hoch und umschließt ein 140.000 Quadratmeter großes Gelände. Dahinter verbirgt sich die Maßregelvollzugsanstalt Köln-Porz, eine Modellklinik für forensische Psychiatrie im Hochsicherheitsbereich.

Ausbruch? Nahezu unmöglich

Die Menschen hinter der Mauer leben in einer anderen Welt. Wer diese Welt sehen will, muss durch eine strenge Sicherheitskontrolle. Der Personalausweis wird am Empfang einkassiert, die Wertsachen kommen in ein Schließfach. Anschließend wird man durchgescannt wie am Flughafen.

In allen Gebäudeteilen befinden sich doppelte Schleusentüren. Sie sind durchsichtig, aber massiv. In den Gängen öffnet sich die zweite Tür erst dann, wenn die erste schon wieder geschlossen ist. Ausbruch? Nahezu unmöglich.

Straftäter sollen wieder Teil der Gesellschaft werden

Es ist ein mulmiges Gefühl, wenn man das Gelände betritt. Ein wenig so, als würde man seine Freiheit abgeben. Besucher können das tun, die Bewohner müssen. Und das natürlich nicht ohne Grund: Im Maßregelvollzug landen Menschen aufgrund von Körperverletzung, Raub, Diebstahl oder Brandstiftung. Aber auch wegen Missbrauch, Sexualdelikten und Mord.

Im Gegensatz zu einer Justizvollzugsanstalt sitzen hier allerdings Menschen ein, die psychisch krank sind. "Es sind Patienten, nicht Häftlinge", sagt Jörg Schürmanns, Vorstandsvorsitzender der LVR-Klinik Köln. Das Ziel besteht nicht darin, die Menschen von der Gesellschaft fernzuhalten, sondern ihnen wieder eine Teilhabe am zivilen Leben zu ermöglichen.

"Gewalt ist eine Männerdomäne"

Im Rheinland gibt es acht Standorte für den Maßregelvollzug: Bedburg-Hau, Bonn, Düren, Düsseldorf, Essen, Köln, Langenfeld und Viersen. Insgesamt sind 1.508 Menschen in Behandlung, der Frauenanteil liegt bei gerade mal 6,5 Prozent. "Die Kriminalitätsrate liegt bei Frauen deutlich niedriger. Gewalt ist eine Männerdomäne", sagt Chefarzt Dr. Christian Prüter-Schwarte.

Köln-Porz ist die mit Abstand jüngste Einrichtung. Sie wurde 2009 eröffnet und hat Platz für 150 Patienten. Hier leben ausschließlich Männer zwischen 19 und 74 Jahren. Etwa die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund.

Ein Standardmuster für die Taten gebe es nicht, sagt Prüter-Schwarte. Jeder Fall sei individuell. Das gilt auch für die therapeutische Behandlung. Die Männer haben Einzelzimmer und einen festen Tagesablauf. Sie arbeiten zum Beispiel in einer Werkstatt. Hier lernen sie Schweißen und Fräsen, bauen Schränke oder ganze Pavillons. In ihrer Freizeit spielen sie Fußball oder Billard, einige auch Schach. Nach und nach sollen sie sich an einen normalen Alltag gewöhnen.

"Wir produzieren Sicherheit"

Mit der Zeit und je nach Fortschritt werden die Bedingungen gelockert. Die Patienten dürfen dann auch wieder raus in die Stadt. Erst mit Begleitung, später allein. Das ist nicht ganz risikofrei: 2015 gelang sechs Menschen kurzzeitig die Flucht. Allerdings wurden vier Patienten bereits innerhalb der ersten 24 Stunden wieder in die Klinik gebracht, in den beiden weiteren Fällen dauerte es länger. 

Erst vor kurzem sorgte die Flucht eines Straftäters für Schlagzeilen. Peter B., der in Sicherungsverwahrung in der Justizvollzugsanstalt Aachen untergebracht ist, nutzte einen Freigang ins Kölner Brauhaus Früh zur Flucht. Nach drei Tagen wurde er wieder gefasst.

"Mauern oder gesicherte Türen sind noch keine Therapie", sagt der Psychologe Fred Kannen-Espert. "Wir produzieren Sicherheit, in dem wir uns mit den Menschen beschäftigen und ihnen dabei helfen sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren."

Im Durchschnitt verbringen Patienten sieben Jahre im Maßregelvollzug. Die rechtlichen Anforderungen an die Entlassung sind sehr hoch. Sie ist abhängig von der Schwere des Delikts und von den individuellen Fortschritten des Patienten. Erst wenn die forensischen Sachverständigen eine eindeutig günstige Prognose stellen, kann der Richter einer Entlassung auf Bewährung zustimmen.

Die Rückfallquote liegt zwischen zwei und 25 Prozent.

 

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