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Buchtipp
Ein Venezianer allein am Rhein

Buchtipp "Der Typ ist da": Ein Venezianer allein am Rhein
Für den Gast aus Venedig ist der Kölner Dom ein großes Schmuckkästchen voller wunderbarer Figuren. FOTO: dpa
Köln. In dem Roman "Der Typ ist da" des Kölner Schriftstellers und Pianisten Hanns-Josef Ortheils begegnen sich Köln und Venedig humorvoll und kreativ. Von Stephan Eppinger

Eigentlich ist im Leben von Mia, Xenia und Lisa alles geregelt. Die drei Freundinnen leben in ihrer WG im Kölner Norden und jede hat eine Aufgabe, die sie zu erfüllen scheint. Mia studiert Kunstgeschichte im medialen Kontext an der Kunsthochschule und bereitet mit ihren Kommilitoninnen ein ambitioniertes Dokumentarfilmprojekt unter dem Titel "Weltbeobachtung" vor. Xenia scheint als Geschäftsführerin eines kleinen Cafés einfach alles zu gelingen. Und Lisa ist als Buchhändlerin ebenfalls in ihrem Traumberuf gelandet und genießt es, mit ihren literarischen Helden zu leben und zu reisen.

Doch dann steht auf einmal Matteo vor der Tür. Der junge Restaurator aus Venedig hat Mia bei deren Studienaufenthalt in der Lagunenstadt kennengelernt und ist, anders als erwartet, ihrer Einladung nach Köln nachgekommen. Dort will er den Dom intensiv studieren. Das Leben der drei Frauen bringt Matteo von der ersten Sekunde komplett durcheinander. Das beginnt schon mit dem Bruch der Regel, dass kein Mann in der WG übernachten darf. Doch Mia fühlt sich ihrem "persönlichen" Gast verpflichtet und richtet ihm in ihrem Zimmer ein kleines Schlaflager ein.

Bei Xenia taucht Matteo am frühen Morgen im Café auf und macht sich als Putzkraft nützlich. Doch dabei bleibt es nicht - schon beim ersten gemeinsamen Frühstück schlägt der Gast vor, die matschigen deutschen Brötchen gegen getoastete Panini auszutauschen. Auch von der schnöden Radiomusik und der langweiligen Dekoration hält der Venezianer wenig.

Bei Lisa ist der merkwürdige Gast aus Italien direkt verdächtig. Was will der Fremde in ihrem Leben, und welche dunklen Pläne verbirgt er vor dem Frauentrio? Die Buchhändlerin trifft Matteo mit seinem Skizzenblock vor dem Dom und vermutet, dass der Neue eine Stelle an der Dombauhütte im Visier hat. Die WG will er nur als billigen Übernachtungsplatz ausnutzen. Mia ist dagegen fasziniert von der Begeisterung Matteos für das bekannteste aller Kölner Bauwerke. Sie will mit ihren beiden Projektpartnerinnen Lin und Benita einen Film über die Begegnung des Venezianers mit dem Dom drehen. Doch bei der Frage, ob man Matteo in diese Idee einweiht, ist man sich uneinig. Bei einer Begegnung entdeckt Mia, dass dieser seinen ganz eigenen Blickwinkel auf den Dom hat.

Beide erkennen außerdem, dass sie mehr als gedacht gemeinsam haben. Matteo hat seinen Vater bei einem Unfall verloren und Mias Mutter ist an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Ihr Vater hat sich komplett zurückgezogen und geht nur noch selten vor die Tür. Nur einmal in der Woche besucht er die WG seiner Tochter, trinkt eine Flasche Sekt und verlässt das Trio dann wieder. Bei den drei Frauen dagegen bahnt sich ein Konkurrenzkampf um den Typ aus Venedig an. Alle drei haben lange keine feste Beziehung mehr gehabt und rechnen sich nun die große Liebe aus.

Der neue Roman "Der Typ ist da" vom Kölner Schriftsteller, Pianist und Professor Hanns-Josef Ortheil ist ein gefühlvoller, witziger und höchst kreativ geschriebener Roman. Er wirft mit dem Vergleich mit Venedig einen anderen Blick auf seine Geburtsstadt am Rhein. Dabei wird so manches Selbstverständliche in Frage gestellt.

Sein Protagonist Matteo schart die Menschen, denen er begegnet wie Jünger um sich. Der still, oft asketisch lebende Venezianer berührt und fasziniert die Menschen, weil er einen ganz anderen Lebensstil zu pflegen scheint. Doch auch er ist auf der Suche und kommt als Pilger nach Köln, um sich mit seinem Leben nach dem Tod seines Vaters wieder zurechtzufinden. Dazu "studiert er Köln, um in dessen alten Figuren und Zeichen Verwandte zu den Figuren und Zeichen Venedigs zu entdecken".

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist wieder da, Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 20 Euro.

Quelle: RP
 
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