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Hunderttausende in Köln
Christopher Street Day - mehr als Folklore
Abstruse Begegnungen beim CSD 2013 in Köln
Abstruse Begegnungen beim CSD 2013 in Köln FOTO: dpa, Roland Weihrauch
Köln. Der Kölner Christopher-Street-Day hat fast eine Million Schaulustige angelockt. Wer gekommen ist, bestaunt ein buntes Treiben, das an Karneval im Sommer erinnert. Die schwulen Schuhplattler aus Bayern legen allerdings Wert darauf, dass sie nicht verkleidet sind. 

Strahlendes Sommerwetter hat der Christopher-Street-Day-Parade in Köln am Sonntag eine Rekord-Besucherzahl beschert. Paradenleiter Jörg Kalitowitsch sprach von einer Million Zuschauern. "Definitiv Höchststand", sagte er. Die Polizei blieb mit 900 000 nur leicht unter dieser Schätzung.

Insgesamt 86 fantasievoll geschmückte Gruppen zogen über die Deutzer Brücke in die Innenstadt. Sie wollten damit für eine rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben und gesellschaftliche Akzeptanz demonstrieren. "Wir sind. So oder so", hieß das Motto.

Nur ein Zwischenfall. Mit Claudia Roth

Die Polizei sprach von einem sehr ruhigen Verlauf. Der einzige Zwischenfall habe darin bestanden, dass ein stark angetrunkener Mann mit einer Bierdose auf Claudia Roth gezielt habe. Die Parteivorsitzende fuhr auf dem Wagen der Grünen mit. Die Dose habe sie aber verfehlt, sagte ein Polizeisprecher. Der Mann sei festgenommen worden.

Ansonsten herrscht buntes, ausgelassenes Treiben. Die vielen famntasievollen Kostüme prägen das Straßenbild. Schwarzer Latex-Anzug, der die Gesäßpartie sauber ausspart - nur ein Beispiel für den Erfindungsreichtum auf der Christopher Street Day-Parade in Köln, dem traditionellen Umzug der Schwulen und Lesben.

Es sind vor allem die extrovertierten Kleidungen, die den CSD beim Publikum so beliebt und bestaunenswert machen. Im Laufe des Umzugs prallen immer wieder Welten aufeinander. Eine Oma wird von Transvestiten in den Arm genommen, ein Senior im Rollstuhl schaut verwunder tauf einen SM-Sklaven an der Kette. Einige Beispiele zeigen wir in unserer Bilderstrecke.

Stimmung wie im Karneval

Paradenleiter Jörg Kalitowitsch findet das Wetter genial. So viele Zuschauer habe die Kölner Parade schon lange nicht mehr gehabt, schätzt er. Bestimmt 900 000 Zuschauer, wenn nicht mehr. In den schmalen Straßen der Altstadt drängen sich die Schaulustigen wie sonst nur am Rosenmontag. Gerade deshalb wird dem Umzug sein politischer Charakter mitunter abgesprochen.

Kalitowitsch meint: "Diese Wahrnehmung ist gerade in diesem Jahr korrigiert worden." Ursprünglich hatte auch die rechtsextreme Partei Pro Köln mit einem Wagen teilnehmen wollen. "Dass die das schamlos als Plattform ausnutzen wollten, nur um auf sich aufmerksam zu machen, das hat uns alle wachgerüttelt", sagt Jürgen Schäfer (48) vom SC Janus, einem der größten und ältesten schwul-lesbischen Sportvereine. "Wir müssen wachsam sein."

In der Provinz ist Schwulsein schwierig

Unter den Zugteilnehmern findet man wohl niemanden, der meint, dass Schwule und Lesben in Deutschland mittlerweile alles erreicht hätten - und die Parade damit überflüssig wäre. "Es gibt zum Beispiel einen Riesenunterschied zwischen Großstadt und Provinz", sagt der 70 Jahre alte Friedhelm. Das kann Sepp (61) aus Garmisch-Partenkirchen nur bestätigen. Sepp ist Mitglied der Schwuhplattler, der "ersten und bisher einzigen schwulen Schuhplattlergruppe der Welt".

In Bayern habe man auf dem Dorf meist nur die Wahl zwischen Fußballverein und Schuhplattler-Verein, erläutert Sepp. "Da die meisten Schwulen eher nicht so gut Fußball spielen können, gehen sie zu den Schuhplattlern." Das allerdings seien ziemlich konservative Gesellschaften. Deshalb seien 1997 die Schwuhplattler entstanden.

"Schwulsein ist bunt bittschön"

In Köln müssen die Gäste aus Bayern an diesem Tag immer wieder klarstellen, dass sie keine Kostüme tragen, sondern Trachten. Komplett mit Werdenfelser Hut und Adlerflaum aus Putenfeder. "Wir wollen zeigen, dass Schwule auch traditionsbewusst sein können", sagt Uli. Nicht jeder muss Waschbrettbauch und andere Biomasse herzeigen.

Alles was die Schwuhplattler an männlicher Anatomie preisgeben, sind die Knie. Haarige Knie. "Jeder nach seiner Vorstellung", sagt Uli. "Schwulsein ist bunt bittschön."

Quelle: dpa
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