| 12.39 Uhr

Prozess in Köln
"Der dümmste Räuber, der mir jemals über den Weg lief"

Prozess in Köln: "Der dümmste Räuber, der mir jemals über den Weg lief"
Der Angeklagte (r.) mit seinem Verteidiger Carl Heydenreich vor Gericht. FOTO: Hauser
Köln. Vor dem Kölner Landgericht muss sich seit Mittwoch ein 31-jähriger Dachdecker wegen schwerer räuberischer Erpressung verantworten. Der Familienvater ist ein Serientäter – geht aber immer höchst dilettantisch vor.  Von Claudia Hauser, Köln

Was der Bonner Rechtsanwalt Carl Heydenreich über seinen Mandanten sagt, der wie ein Häufchen Elend neben ihm in Saal 23 des Kölner Landgerichts kauert, ist wenig charmant: "Er ist der dümmste Räuber, der mir in meiner bisherigen Laufbahn über den Weg gelaufen ist." Das habe er Jonas S. (Name geändert) aber auch selbst schon gesagt. Der 31-Jährige nickt ohne dabei aufzublicken.

Angeklagt ist Jonas S. wegen schwerer räuberischer Erpressung. Er gesteht am ersten Prozesstag, dass er am 12. Mai vergangenen Jahres mit einer selbst gebastelten Bombenattrappe in eine Leverkusener Sparkassen-Filiale in der Straße Münsters Gäßchen marschiert ist, weil er Geld brauchte. Er schob der Mitarbeiterin einen Briefumschlag hin, in dem ein Zettel war. "Steck die Scheine da rein, ansonsten geht das in 30 Sekunden hoch", stand darauf. Er zeigte der Frau seine Bombenattrappe, an der ein rotes Lämpchen blinkte. Die Mitarbeiterin reagierte nicht so schnell, wie er es sich erhofft hatte. Jonas S. verlor die Nerven und rannte ohne Beute davon. Mit einem Rad, das er kurz vor dem Überfall gestohlen hatte, fuhr er zum Bahnhof. Zwei Zeugen waren ihm noch nach gerannt, doch er entkam und setzte sich in einen Zug nach Köln. Auf den Bildern der Überwachungskameras war er später deutlich zu erkennen. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich zu maskieren.

Reste der Bombenattrappe, die der Angeklagte gebaut hat. FOTO: Claudia Hauser

Es war nicht das erste Mal

Doch es war nicht sein erster Überfall. Einen Monat vorher, am 8. April, ging er morgens in ein Kölner Lohnsteuerfinanzierungsbüro – auch in diesem Fall mit einer Bombenattrappe. Er hatte sie aus einer leeren Getränkedose gebastelt und mit Panzertape umwickelt. Daran befestigte er die rote Lampe einer Kamera. "Sie haben 30 Sekunden Zeit bis Ihnen hier alles um die Ohren fliegt", sagte Jonas S. schon damals zu einem Mitarbeiter, von dem er Geld verlangt hatte. Der gab ihm fast 4000 Euro, mit denen S. sich davon machte.

Jonas S. bereut seine Taten. Das sagt sein Verteidiger, das wird aber auch deutlich, wenn der Angeklagte die Fragen des Vorsitzenden Richters und der Staatsanwältin zu beantworten versucht. S. ist ein zurückgenommener, schüchtern wirkender Mann, der immer wieder seine Tränen zurückzuhalten muss. Er hat einen kleinen Sohn, noch keine zwei Jahre alt. Mit der Kindsmutter ist er schon eine ganze Weile zusammen, im Gefängnis haben sie nun geheiratet. "Er träumt davon, irgendwann mit dieser Familie ein normales Leben zu führen", sagt sein Anwalt.

Überfall mit Gaspistole

Doch was treibt den Dachdecker Jonas S., der als Adoptivkind in einem behüteten Akademikerhaushalt aufgewachsen ist, dazu, immer wieder straffällig zu werden? Und auch wenn er sich "laienhaft" anstellt, wie der Vorsitzende sagt, jede Menge Fingerabdrücke hinterlässt, sich nicht maskiert, so war er doch auch schon erfolgreich: Mit einer Gaspistole überfiel er im November 2015 eine Bank in Paffrath, erbeutete mehr als 20.000 Euro. Und in einer Tankstelle an der Raststätte Ohligser Heide bedrohte er den Verkäufer mit einer Spielzeugpistole – der gab ihm etwa 3000 Euro.

Jonas S. war immer total blank, wenn er zum Täter wurde. Mit sechs Monaten Mietrückstand im Nacken stiefelte er dann los, im Blick immer seine Familie, für die er sorgen wollte – das sahen die Richter bei der ersten Verurteilung nach dem Banküberfall in Paffrath so. Die Ehefrau wusste von den Überfällen nichts, dachte das Geld sei von den Schwiegereltern.

Mit dem Hammer auf den Finger geschlagen

Um zu verdeutlichen, wie sein Mandant tickt, erzählt Anwalt Heydenreich dem Gericht, wie es zu dem Überfall auf der Raststätte kam. Jonas S. hatte damals eine "bildhübsche Freundin", der er etwas bieten wollte. Also buchte er eine Türkeireise, die sich der damals Arbeitslose nicht leisten konnte. Der Anwalt sagt: "Anstatt zur Freundin zu sagen: Hömma, is nicht, ich hab keine Kohle, hat er sich mit dem Hammer auf die Finger gehauen, um nicht fliegen zu müssen." Doch es ging schief, keiner der Finger brach, so wie Jonas S. es geplant hatte. Auf dem Weg zum Flughafen forderte er den Taxifahrer auf, an der Raststätte anzuhalten. Und während seine Freundin im Taxi wartete, zog er in der Tankstelle die Spielzeugpistole und ließ sich das Geld aus der Kasse geben.  

Als das Paar aus der Türkei zurück kam, wartete die Polizei schon am Flughafen und nahm Jonas S. fest.

Im aktuellen Prozess wird ein Urteil für den 2. August erwartet.