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Prozess in Köln
Die Bankräuberin von nebenan

Prozess in Köln: Die Bankräuberin von nebenan
Rechtsanwalt Wolfgang Kutsch (l.) und die Angeklagte am Dienstag im Gerichtssaal FOTO: Hauser
Weil sie keinen anderen Ausweg mehr sah, um ihre Schulden bei einem Kleingartenverein zurückzuzahlen, hat eine Frau im Februar eine Sparkasse in Köln-Buchheim überfallen. Dabei ging sie äußerst höflich vor. Am Dienstag wurde sie für ihre Tat verurteilt.  Von Claudia Hauser, Köln

Am Tag nach Aschermittwoch fasste Gerdi H. (Name geändert) den Entschluss, eine Bank zu überfallen. Die 56 Jahre alte Frau nahm die Schreckschusspistole ihres Lebensgefährten von der Wand und fuhr zu "Kik", um sich eine Strumpfhose zu kaufen. Um 10.06 Uhr parkte sie ihren silbernen Ford-Escort vor einer Sparkassen-Filiale in Köln-Buchheim. Sie zog sich die schwarze Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht, maskierte sich mit dem Damenstrumpf, stellte sich vor dem Schalter in die Schlange und wartete, bis sie an der Reihe war.

"Ich hatte Bammel ohne Ende", sagt sie am Dienstag vor dem Kölner Landgericht, wo ihr wegen schwerer räuberischer Erpressung der Prozess gemacht wird. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich vor Gericht verantworten muss. Die kleine, füllige Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt wirkt angespannt, während sie ein umfassendes Geständnis ablegt. Sie habe Schulden gehabt, nicht mehr gewusst, wie sie die vielen Löcher stopfen soll. "Da bin ich da einfach reinmarschiert", sagt sie und knetet ein Papiertaschentuch in ihren Händen.

Als ehrenamtliche Kassiererin in einem Kleingartenverein in Köln-Mülheim war sie dafür verantwortlich, die Pachten für die Parzellen einzusammeln. 2013 nahm die arbeitslose Frau nach ihrer Schilderung zum ersten Mal am Monatsende einen 100-Euro-Schein aus der Kasse und legte das Geld Anfang des nächsten Monats wieder zurück. Doch bald schon verlor sie offenbar den Überblick. "Man nimmt 100 raus, legt 100 wieder rein. Da fehlen einem am Ende 200. Wissen Sie, was ich meine?", fragt sie den Vorsitzenden Richter. Am Ende waren es zwischen 13.000 und 14.000 Euro, die sie veruntreut hatte. 2015 fiel auf, dass Geld fehlte.

Entschuldigungsbrief an Bankangestellte, Blumen für die Kommissarin

Gerdi H., die mit ihrem Lebensgefährten, der gemeinsamen Tochter (28) und der 14-jährigen Enkelin zusammen lebt, verlor die Kontrolle. Als der Vorsitzende des Kleingartenvereins sie auf die fehlenden Beträge ansprach, redete sie sich raus. Das bestätigte der 53-Jährige im Zeugenstand. "Sie sagte, das Geld sei auf einem anderen Konto angelegt." Der Dachverband habe ihm Druck gemacht, also habe er Gerdi H. nach einigem Hin und Her gesagt, sie solle am 9. Februar dieses Jahres endlich alles zurückzahlen.

Nach einer schlaflosen Nacht und der Gewissheit, dass sie dem Vorsitzenden das Geld bringen muss, sah Gerdi H. nach ihrer Aussage nur den einen Weg: Einen Banküberfall. Der Angestellten, der sie damals mit der Waffe drohte und dabei äußerst höflich 20.000 Euro verlangte, schrieb sie gleich nach der Tat einen Entschuldigungsbrief, einer Kommissarin, die sie drei Tage nach der Tat vorläufig festnahm, schickte Gerdi H.einen Blumenstrauß. Die Beute des Bankraubs, 5000 Euro, brachte sie nach dem Überfall dem Kleingartenvorsitzenden. Dessen Frau erkannte einen Tag später Gerdi H. auf den Fahnungsbildern. Das Paar ging daraufhin zur Polizei.

 "Es geht uns noch schlechter als vor dem Überfall"

Die Strafkammer ordnete den Fall als minderschwer ein und verurteilte Gerdi H. zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten gefordert. Verteidiger Wolfgang Kutsch bezeichnete die Tat als eine Panikreaktion auf eine aussichtslose Situation.

"Das ist ein sehr außergewöhnlicher Fall", sagte der Vorsitzende Richter. Die gute Einbindung der Angeklagten in ihre Familie, mit Enkelin und einem schwer kranken Partner, würden eine gute soziale Prognose erlauben, so der Richter. Gerdi H. weinte bei der Urteilsverkündung. "Es geht uns noch schlechter als vor dem Überfall", hatte sie dem Gericht in ihrem letzten Wort gesagt.

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