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Jüdischer Friedhof Bocklemünd
Eine Reise in die Kölner Ewigkeit

Jüdischer Friedhof Bocklemünd: Eine Reise in die Kölner Ewigkeit
Bei einem Rundgang über den Friedhof mit seinen 6800 Grabstätten können Besucher viele Details an den Gräbern entdecken. Spannend sind die Geschichten der Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. FOTO: Stephan Eppinger
Köln. Der Jüdische Friedhof in Bocklemünd bildet auf eine besondere Art und Weise 100 Jahre Stadtgeschichte ab. Ein neuer Stadtführer aus dem Emons Verlag begleitet interessierte Besucher auf ihrem Rundgang auf dem großen Areal. Von Stephan Eppinger

Während draußen auf der Venloer Straße der Verkehr vorbeibraust, kann der Besucher auf dem parkähnlichen Jüdischen Friedhof in Bocklemünd die Ruhe genießen. Nur das Gezwitscher der Vögel ist zu hören. Unter mächtigen Bäumen liegen die Gräber. Wer diese genauer betrachtet, bekommt einen besonderen Einblick in 100 Jahre Kölner Geschichte und in die Geschichten der jüdischen Gemeindemitglieder, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Die meisten Menschen, die dort vor 1945 bestattet wurden, sind heute in Köln vergessen - darunter auch viele, die das Geschick Kölns ganz maßgeblich geprägt haben. Sie wurden in Zeiten des NS-Terrors deportiert und ermordet oder sind aus ihre angestammten Heimat geflohen und ließen sich in anderen Ländern oder gar Kontinenten nieder.

Direkt nach der Befreiung 1945 konstituierte sich die kleine jüdische Gemeinde der Überlebenden neu, 1959 wurde die Synagoge in der Roonstraße feierlich eingeweiht. Vor allem durch den Zuzug von Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion umfasst die Gemeinde heute wieder mehr als 4500 Mitglieder.

Auf dem heutigen Stadtgebiet gibt es insgesamt sechs jüdische Friedhöfe, nur der in Bocklemünd wird heute noch belegt. Der älteste entstand Anfang des 12. Jahrhunderts vor dem Severinstor "Am Judenbüchel". Von ihm finden sich heute keine Spuren mehr. Ende des 17. Jahrhunderts entstand der Jüdische Friedhof in Deutz am Judenkirchhofsweg unweit des Rheinufers. Er kann heute noch nach Anmeldung besichtigt werden. Weitere jüdische Friedhöfe gibt es in Mülheim, Ehrenfeld (angrenzend an Melaten), Deckstein und Zündorf. Der Jüdische Friedhof in Bocklemünd wurde 1918 anlegt. Anders als der in seiner Anlage eher chaotisch anmutende Deutzer Friedhof verfügt er über eine Symmetrie mit einer Achse, an der die heute 6800 Grabstätten liegen. Trotz seiner historischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung ist der Friedhof der nicht jüdischen Bevölkerung in Köln weitgehend unbekannt, auch weil es lange keine Publikation über ihn gab.

Das hat sich jetzt mit dem Buch der Historikerin Barbara Becker-Jákli geändert. Vier Jahre lang recherchierte die Mitarbeiterin des NS-Dok über den Friedhof und die Menschen, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.

In einem Stadtführer durch die 100-jährige Geschichte stellt sie 100 Grabstätten vor. Es sind spannende und berührende Geschichten, die auf den knapp 400 Seiten erzählt werden, und die zu einem ausführlichen Rundgang auf der Friedhofsanlage einladen, die öffentlich zugänglich ist. "Es ist ein wunderschöner Friedhof, auf dem man unzählige Details entdecken kann. Die Stadt und die Gemeinde sollten stolz auf ihn sein", sagt Becker-Jákli. Für einen ersten Besuch rät sie, sich mindestens anderthalb Stunden Zeit zu nehmen. Im Buch hilft ein Übersichtsplan bei der Orientierung auf dem Gelände.

Spannend sind vor allem die Geschichten, der Menschen die auf dem Friedhof begraben liegen, wie die der Familie von Leonhard Tietz, der mit seinem großen Warenhauskonzern Köln prägte und dessen Stammhaus, die heutige Galeria Kaufhaus an der Hohen Straße, bis heute erhalten geblieben ist.

Ein einfacher, in den 60er Jahren erneuerter Grabstein ziert die Ruhestätte von Dr. Albert Dreyer, der als Facharzt für Dermatologie und Urologie eine Praxis an der Salomonsgasse hatte. Er war mit Hannah, der Tochter eines Augenarztes verheiratet, der zu den Gründern der Augenheilanstalt für Arme in Köln zählte.

Quelle: RP
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