| 15.45 Uhr

Prozess um totes Baby in Köln
"Es wirkte so, als sei das für sie in Ordnung"

Prozess um totes Baby in Köln: "Es wirkte so, als sei das für sie in Ordnung"
Die Angeklagte betritt am ersten Prozesstag den Gerichtssaal. (Archivbild) FOTO: dpa, hka jhe
Im Prozess um den Tod eines Babys am Flughafen Köln/Bonn behauptet die Angeklagte, das Kind sei tot auf die Welt gekommen. Die behandelnden Mediziner könnten einschätzen, ob diese Aussage stimmen kann. Eine Ärztin sagte nun als Zeugin aus.  Von Claudia Hauser, Köln

Die junge Frau, die in der Nacht des 20. November vergangenen Jahres in die Notaufnahme einer Klinik in Köln-Porz eingeliefert wurde, hatte sehr viel Blut verloren. "Meine Kollegin war deshalb sehr aufgeregt", sagt eine Oberärztin, die am Montag im Prozess um ein totes Baby am Flughafen Köln/Bonn als Zeugin gehört wurde.

Mit "wehenden Fahnen" hätten die Ärzte die 28-jährige Marie H. (Name geändert) in den Operationssaal gebracht. Es habe akute Lebensgefahr bestanden. "Sie wäre verblutet", sagt die Medizinerin. Der Freund der Patientin sei dabei gewesen. Er habe starr gewirkt, wie unter Schock. Auf Nachfrage des Gerichts erinnert sich die Zeugin daran, dass er einen Koffer und "irgendetwas anderes" dabei hatte. Es war wohl der Stoffbeutel, in dem das tote Kind des Paares war – was der 26-Jährige angeblich zu diesem Zeitpunkt nicht gewusst hat.

Marie H. hatte den Jungen kurz zuvor auf der Toilette des Flughafens zur Welt gebracht und ihn in den Stoffbeutel "gestopft", wie sie einem Polizeibeamten später im Krankenhaus sagte. Den Beutel hatte sie ihrem Freund in die Hand gedrückt, bevor sie in Terminal 2 kollabierte. Im Prozess vor dem Kölner Landgericht behauptet die Angeklagte, das Kind sei bei der Geburt tot gewesen – die Anklage ist davon überzeugt, dass sie den Jungen erstickt hat.

"Das belastete sie nicht"

Die Oberärztin und ihre Kollegen wunderten sich damals über das, was die Patientin ihnen erzählte. "Ihre Angaben passten nicht zum Befund", sagt sie. Angeblich hatte sie vor einigen Wochen eine Fehlgeburt, sagte die Studentin den Ärzten. "Es wirkte so, als sei das für sie in Ordnung – das belastete sie nicht." Sinngemäß habe die Patientin gesagt: "Wir wollten das Kind nicht."

Die 28-Jährige Angeklagte (M.) und ihre Anwälte Funda Bicakoglu und Karl-Christoph Bode bei Prozessauftakt. FOTO: dpa, hka jhe

Doch die Ärzte erkannten, dass sie erst vor Kurzem entbunden haben musste und nicht schon vor Wochen. Und bei der Operation wurde klar, dass "ein reifes, lebensfähiges Kind" auf die Welt gekommen sein könnte, und es überhaupt keine Fehlgeburt gab. Für das Ärzteteam stellte sich deshalb die Frage: "Wo ist das Kind?" Und es schaltete die Polizei ein.

Der Verteidiger der Angeklagten konfrontiert die Oberärztin im Prozess mit dem Bericht eines Klinik-Pathologen, der eine Infektion der Plazenta diagnostiziert haben soll – was eine Totgeburt erklären könnte. Doch die Ärztin kann dazu nichts sagen, Ende Juni ist der Pathologe als Zeuge geladen. Eine Rechtsmedizinerin, die den toten Säugling untersucht hatte, hat allerdings festgestellt, dass der Junge lebensfähig war und erstickt wurde – auch ihre Aussage steht im Prozess noch aus.

Nach der Operation wurde Marie H. damals sofort von Ermittlern vernommen. Die Beamten wollten das Kind finden, von dem sie nicht wussten, ob es möglicherweise noch lebt. Einer der Beamten sagte im Zeugenstand: "Sie erzählte uns erst, dass sie vor vier Wochen ein totes Kind entbunden, es in eine Decke gewickelt und in einem See versenkt habe." Konfrontiert mit der Diagnose der Ärzte habe sie dann zugegeben, am Abend zuvor einen Jungen auf der Flughafentoilette geboren zu haben. "Sie sagte uns, es war eine Totgeburt", sagt der Polizist. Die Beamten brachen die Vernehmung damals ab und machten sich auf die Suche nach dem Kind. Sie fanden den toten Jungen versteckt hinter Koffern unter dem Bett von Maries Freund.

Ein Urteil wird für den 7. Juli erwartet.