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Essay
Frauen, weicht nicht zurück!

Essay zur Silvesternacht in Köln: Frauen, weicht nicht zurück!
Die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert (1896-1986) war eine der Mütter des Grundgesetzes. FOTO: Stadt Kassel / Stadtarchiv
Köln. So schockierend die gewalttätigen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof auch sind - ein Grund für Frauen, ihr Verhalten künftig in der Öffentlichkeit zu ändern, sind sie nicht. Von Kirsten Bialdiga

Wer die Schilderungen der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof und Städten wie Hamburg oder Frankfurt verfolgt hat, den lassen sie nicht mehr los. Frauen berichten, wie sie von Horden von Männern bedrängt, begrapscht, beraubt wurden. Wie sie umzingelt, hin- und hergestoßen und teils eine halbe Stunde lang Todesangst litten, ohne dass ihnen jemand zu Hilfe kam. Ein Alptraum.

Dass Kölns neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker in dieser Situation Verhaltenstipps gibt, wie sich Frauen zu verhalten haben, ist mehr als unglücklich. Ihr Ratschlag, Frauen sollten auf Großveranstaltungen zum Schutz vor Übergriffen eine Armlänge Abstand zu Fremden halten, kommt angesichts der geschilderten Ereignisse einer unangemessenen Verharmlosung der Lage gleich.

Wie verfehlt dieser Verhaltenskodex war, hat die parteilose Politikerin inzwischen offenbar auch selbst eingesehen. Sie habe lediglich auf die gezielte Nachfrage einer Journalistin hin das in Köln seit Jahren vorhandene Präventions- und Beratungsangebot hervorheben wollen, stellte Reker gestern klar. Zuvor hatte sie heftige Kritik in sozialen Netzwerken und aus den Reihen der Bundesregierung einstecken müssen.

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Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter: "Von Verhaltenstipps für Frauen wie eine Armlänge halte ich rein gar nichts." Blogger und Ex-Piratenpartei-Politiker Christopher Lauer twitterte: "Mann so: Eigentlich wollte ich diese Frau ausrauben und belästigen, aber Mist! Sie ist eine Armlänge entfernt!" Und das Bundesfamilienministerium schrieb: "Wir brauchen keine Verhaltensregeln für Frauen. Die Täter müssen ihr Verhalten ändern!" Wenig später konkretisierte Ministerin Manuela Schwesig (SPD): "Die Zeiten, wo wir Frauen uns nicht frei bewegen dürfen, sind vorbei."

Das sind sie zweifelsohne. Es ist eine mühsam erkämpfte Freiheit, als Frau allein und unabhängig jederzeit unterwegs sein zu können. Eine Freiheit, die in westlichen Industrieländern so selbstverständlich ist, dass sie sich kaum jemand mehr bewusst macht. Keines der Opfer am Kölner Hauptbahnhof hätte sich wohl vorstellen können, in einer Neujahrsnacht, in der Tausende Menschen auf öffentlichen Plätzen gemeinsam feiern, Opfer gewalttätiger Übergriffe zu werden und ihnen schutzlos ausgeliefert zu sein.

Gerade diese Erfahrung ist es, die die Vorfälle in Köln über den Tag hinaus so bedrohlich macht -die Erfahrung, dass manch öffentlicher Ort doch nicht so sicher ist wie geglaubt. Es wäre naheliegend, wenn vor allem Frauen sich nun die Frage stellen, ob sie bestimmte Plätze oder öffentliche Veranstaltungen in Zukunft womöglich besser meiden sollten. So mag die eine oder andere nun darüber nachdenken, ob nicht doch generell das Auto im Vergleich zum Zug die sicherere Alternative wäre. Und welche Mutter, welcher Vater lässt seine Tochter künftig bei vergleichbaren Anlässen nachts demnächst noch mit gutem Gefühl Richtung Bahnhof ziehen?

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Solche Reaktionen wären nur allzu verständlich. Trotzdem dürfen die Vorfälle in Köln kein Grund dafür sein, dass Frauen ihr Verhalten in der Öffentlichkeit nun überdenken oder gar ändern.

Absolute Sicherheit kann es ohnehin nicht geben: Würde es reichen, Hauptbahnhöfe künftig bei Großveranstaltungen zu meiden? Oder immer wenn es dunkel wird? Oder ganz generell? Solche Überlegungen sind absurd. Niemand kann ausschließen, und sei er noch so vorsichtig, Opfer einer Gewalttat, eines Verkehrsunfalls oder gar eines Terroranschlags zu werden.

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Das allerdings entlässt den Staat nicht aus seiner Verantwortung, alles in seiner Macht Stehende für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu tun. In Köln hat dies zum wiederholten Male nicht funktioniert. Es ist überfällig, dass die Kölner Oberbürgermeisterin die Polizeipräsenz zu Karneval deutlich erhöhen und zusätzliche Überwachungskameras einsetzen will.

Mehr Sicherheitsvorkehrungen müsste es längst auch andernorts geben - in Städten wimmelt es vor sogenannten Angsträumen. Studien zufolge hat die Mehrzahl der Frauen in Deutschland schon mindestens einmal in der Öffentlichkeit Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen oder anderen Bedrohungen gemacht. Parks, Unterführungen, Parkhäuser, U-Bahn-Tunnel - Orte, die als unsicher empfunden werden, gibt es genug. Längst beschäftigen sich Wissenschaftler und Stadtplaner damit, wie sie diese Angsträume beseitigen können. Wesentliche Merkmale solcher Angsträume seien "geringe soziale Kontrolle durch anwesende Menschen" und "nicht vorhandene beziehungsweise mangelhafte Beleuchtung", heißt es etwa in einer Studie des Fraunhofer-Instituts.

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass es in solchen Angsträumen überhaupt nicht zu mehr Straftaten kommt als an solchen Orten, die von Frauen als wesentlich sicherer wahrgenommen werden. Parkhäuser etwa sind entsprechenden Statistiken zufolge gar nicht als gefährlicher einzustufen als etwa eine Hauptverkehrsstraße. Dieses Beispiel zeigt, wie leicht sich Frauen aus öffentlichen Räumen zurückdrängen lassen, nur weil sie Ängste entwickeln.

Übrigens werden Männer Wissenschaftlern zufolge im öffentlichen Raum viel häufiger Opfer von Gewalt als Frauen. Sie müssten demnach ein besonders angstbesetztes Verhältnis zu öffentlichen Orten haben, schreibt die Soziologin Renate Ruhne. Dennoch sei nicht zu beobachten, dass sie unsichere Plätze mieden, aus Angst davor, zum Opfer zu werden. Oder gar, dass sie sich dadurch in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken ließen.

Und übrigens: Zwei Drittel der Gewalttaten gegen Frauen finden nicht auf der Straße statt - sondern im häuslichen Umfeld.

Quelle: RP
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