| 15.19 Uhr

Prozess nach tödlichem Flüchtlingsdrama
Sind mutmaßliche Schleuser doch nur Opfer?

Flüchtlingsdrama-Prozess in Köln: Sind mutmaßliche Schleuser doch nur Opfer?
Die Anwälte zweier mutmaßlicher Schleuser, Frank Seebode (l) und Achim Maur (M) sprechen in Köln vor Prozessbeginn mit dem Staatsanwalt Alexander Fuchs (r). Der Prozess gegen zwei mutmaßliche syrische Schleuser, die den Tod von mindestens acht Flüchtlingen verschuldet haben sollen, hat begonnen. FOTO: dpa, obe fpt
Köln. Zwei aus Syrien stammende Brüder müssen sich seit Montag vor dem Kölner Landgericht verantworten, weil sie als Mitglieder einer Schleuserbande den Tod von mindestens acht Flüchtlingen mit verursacht haben sollen. Die Angeklagten bestreiten die schweren Vorwürfe.  Von Claudia Hauser, Köln

Haben Ahmad und Fouad G., 18 und 20 Jahre alt, sich im November 2015 im türkischen Bodrum einer kurdischen Schleuserbande angeschlossen? Hat Fouad G. einen irakischen Familienvater mit einer Waffe bedroht und ihn so dazu gezwungen haben, mit seiner Frau, seiner kleinen Tochter und zwei Söhnen in ein Schlauchboot zu steigen, das wenig später auf dem Weg nach Kos kenterte? Ehefrau, Tochter und einer der Söhne ertranken, mit ihnen mindestens fünf weitere Flüchtlinge.

Oder steht das Brüderpaar zu Unrecht vor Gericht, so wie die beiden es behaupten? Gerieten sie nur in den Fokus des Familienvaters, weil er in seiner Trauer und Verzweiflung jemanden sucht, den er verantwortlich machen kann für den Tod seiner Frau und seiner Kinder? Sind die wahren Verantwortlichen möglicherweise unbekannt?

Die 4. Große Strafkammer wird diese Fragen zu klären haben in dem Prozess, der bis 6. Dezember dauern soll. Angeklagt ist das Einschleusen von Flüchtlingen mit Todesfolge.

Flüchtlingen soll eine "sichere Yacht" versprochen worden sein

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass die Brüder in der Nacht auf den 17. November 2015 in Bodrum die irakische Familie und zwölf weitere Personen in ein Schlauchboot gezwungen haben – sie sollen pro Person 2500 Euro an die Schleusergruppe bezahlt haben, damit sie sie nach Griechenland bringen. Zugesagt hatte man den Flüchtlingen offenbar eine sichere Yacht. Doch letztlich gab es nur das Schlauchboot. Als der irakische Familienvater sich aus Angst weigerte, sich in das Boot zu setzen, soll Fouad G. dessen Sohn geschnappt, in das Boot gesetzt und gesagt haben: "Schau mal, dein Sohn ist schon unterwegs." Er soll dann eine Schusswaffe gezogen und den Rest der Familie so gezwungen haben, auch in das Boot zu steigen. Die Schleuser sollen allen Flüchtlingen verboten haben, Schwimmwesten zu tragen – aus Angst, die Polizei könnte auf die Signalfarben aufmerksam werden. Das Boot war völlig überladen und der Wellengang so hoch, dass es kurz vor der Insel Kos kenterte.

Über ihre Verteidiger lassen die Angeklagten sich am ersten Prozesstag ein. Der jüngere Bruder, Ahmad G., war demnach bei seiner Flucht aus der syrischen Stadt Latakia 17 Jahre alt und konnte weder lesen noch schreiben. Er und sein Bruder hatten Angst, zum Militär eingezogen zu werden, und entschieden sich nach Bombenattentaten des Islamischen Staats und mit Unterstützung ihrer Eltern, die Heimat zu verlassen. Ahmad G. reiste seinem älteren Bruder nach, der sich schon auf den Weg in die Türkei gemacht hatte. Am 15. November 2015 kam er nach Angaben seines Verteidigers völlig erschöpft in Bodrum an, wo sein Bruder auf ihn wartete. Ein Bekannter vermittelte den Brüdern einen Kontakt zu Schleusern, die ihnen helfen sollten, nach Griechenland und weiter nach Deutschland zu kommen. Am 18. November sollten sie abends mit einem Boot nach Kos gebracht werden. Die Tage vorher will Ahmad G. im Hotelzimmer verbracht und viel geschlafen haben, da er krank war.

Mutmaßliche Schleuser selber Opfer?

Sein Bruder Fouad G., der in Syrien anders als sein Bruder einen Schulabschluss gemacht und BWL studiert hat, lässt seinen Anwalt verlesen, dass er den irakischen Familienvater zwar einmal im Hotel in Bodrum gesehen habe, aber erst eine Nacht nach dem Unglück selbst am Strand gewesen sei, um nach Kos zu gelangen. Auch die Brüder seien mit einem überladenen Schlauchboot nach Griechenland gebracht worden, das Boot sei beim Anlegen geplatzt, alle hätten sich überglücklich in den Sand geworfen, weil sie die gefährliche Überfahrt überlebt hatten. Auf Kos seien die Brüder dann einen Tag später vor fünf Männern verprügelt worden. Der irakische Mann, der eine Nacht vorher Frau und Kinder verloren hatte, habe Fouad G. beschuldigt, einer der Schleuser zu sein, dem er mehr als 20.000 Euro gegeben habe. Bei der Polizei habe er die Anschuldigung aber zurückgenommen und gesagt: "Aber diese Person kennt die Schleuser." Möglich also, dass sowohl die Brüder als auch die irakische Familie es mit derselben Bande zu tun hatten. "Der Mann tat mir leid", lässt Fouad G. seinen Verteidiger verlesen. Sein Bruder spricht von einem "verheerenden Unglück" und dass er sehr bedauere, was der Familie zugestoßen sei. "Ich drücke ihnen mein Mitgefühl aus, trage aber keine Verantwortung für das Unglück."

Zu einem Wiedersehen zwischen den Brüdern und dem Iraker kam es zufällig im März dieses Jahres in einer Flüchtlingsunterkunft in Köln-Ostheim. Wieder beschuldigte der Mann die beiden, die daraufhin festgenommen wurden und bis Anfang Mai in Untersuchungshaft waren. Fouad G. sagt: "Ich hoffe sehr, dass in diesem Verfahren unsere Unschuld festgestellt wird."

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt. Dann soll der irakische Mann als Zeuge vernommen werden.

 

(hsr)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Flüchtlingsdrama-Prozess in Köln: Sind mutmaßliche Schleuser doch nur Opfer?


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.