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Germanwings-Trauerfeier
Das ewige Leben geht über den Tod hinaus

Germanwings-Trauerfeier im Kölner Dom
Germanwings-Trauerfeier im Kölner Dom FOTO: dpa, pg
Köln. Mehr als drei Wochen nach dem Germanwings-Absturz gab es im Kölner Dom eine Trauerfeier mit ergreifenden Momenten. Der Kölner Kardinal Rainer Woelki hat sich beim Trauergottesdienst mit bewegenden Worten des Trostes an die Hinterblieben gewandt. Stellvertretend für die Angehörigen der Opfer trat eine junge Frau mit ihrer Fürbitte in den Altarraum.  Von Lothar Schröder und Christian Schwerdtfeger

Es ist kurz vor halb elf. Maria R. steht auf dem Kardinal-Höffner-Platz vor dem Dom in einem abgesperrten Bereich in einer Menschentraube und wartet auf Einlass. Die 28-jährige Spanierin ist keine Angehörige. Sie kenne aber zwei Menschen, die bei dem Flugzeugabsturz am 24. März in den französischen Alpen ihr Leben gelassen haben, berichtet sie. "Ich weiß nicht, wie ich meine Empfindungen in Worte fassen soll", sagt sie mit gebrochener Stimme und fügt hinzu: "Dafür gibt es wohl auch keine passenden Worte." Maria R. ist eine von 250 nicht offiziell geladenen Trauergästen. Auch für sie sind Plätze im Dom vorgesehen. Umringt werden Maria und die anderen Wartenden von Hunderten Fernseh- und Fotokameras, die permanent auf sie gerichtet sind.

Gut eine Stunde vor Beginn des ökumenischen Gottesdienstes werden einzelne Gruppen hereingeführt und von Ordnern zu ihren Plätzen gebracht. Das geschieht fast geräuschlos. Zu dieser frühen Stunde wird am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit auch schon ein umstrittenes Zeichen des Gedenkens gesetzt: Ein Domschweizer entzündet 150 Kerzen auf den Stufen zum Alterraum - für die 149 Opfer sowie den Co-Piloten, der den Flugzeugabsturz wohl absichtlich herbeiführte. Auch seiner wird also gedacht. Wenn die Angehörigen später den Dom betreten, wird das die erste Botschaft der Feier sein.

Mit dem Reisebus aus Spanien

Maria R. ist nicht allein nach Köln gekommen. Die junge Spanierin wird begleitet von ihrer Mutter, die neben ihr in der Warteschlange steht und ihre Hand hält. Die beiden sind mit einem Reisebus aus einem katalanischen Dorf bei Lleida nach Köln gekommen. Fast 20 Stunden seien sie unterwegs gewesen. Fliegen kam für sie nicht in Frage. Dafür seien die Tickets zu teuer gewesen. Nach dem Gottesdienst fahren sie direkt wieder zurück nach Spanien. Etwas weiter hinten in der Warteschlange steht die Kölnerin Erica M. (61). Weder kennt sie jemanden, der in der Unglücksmaschine saß, noch ist sie besonders religiös. Sie will einfach nur bei diesem "Großereignis", wie sie es nennt, dabei sein. "Wann hat man ansonsten schon einmal die Möglichkeit, mit der Bundeskanzlerin zusammen in der Kirche zu sein?", fragt sie.

Bekannte Trauerfeiern im Kölner Dom

Der Chor findet sich im Seitenschiff des Doms ein; im Altarraum wird dies und das noch sortiert. Es scheint aber mehr der Beruhigung zu dienen. Auf allen Plätzen liegen schon Kreuze aus hellem Kiefernholz. Später erfahren wir, dass es stilisierte Engel sein sollen. Es wird wohl beides sein. Simultandolmetscher für Spanisch und Französisch beziehen ihre Sprecherkabinen, die in der gotischen Kathedrale wie postmoderne Beichtstühle aussehen. Auf den Plätzen für die Hinterbliebenen liegen die dazu passenden Kopfhörer, und nach jeweils fünf Bankreihen werden Plastikstühle aufgestellt. Für die "Notfallseelsorge", steht auf Zetteln.

Draußen hat die Polizei den Vorplatz des Doms seit den Morgenstunden weiträumig abgesperrt. Aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Im Abstand von 20 Metern stehen Polizisten um das Gotteshaus herum. Gitter sollen verhindern, dass nicht befugte Personen den Vorplatz und die Kirche betreten. Um kurz nach 11 Uhr halten vor dem Seiteneingang des Doms vier große Gelenkbusse. Die Fensterscheiben sind mit grauen Sichtschutzfolien zugeklebt. Niemand soll die Angehörigen in den Bussen sehen und ablichten können. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit werden rund 500 Hinterbliebene von Polizisten und Seelsorgern in den Dom geführt. Die Glocken läuten.

Trauer bekommt einen Klang

Nachdem die Angehörigen in der Kirche sind, fahren im Minutentakt die schwarzen Limousinen der Politiker vor das Hauptportal des Doms. Als eine der ersten kommt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), dann folgen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), Bundespräsident Joachim Gauck und die französischen und spanischen Staatsgäste. Als letztes fährt die Limousine mit dem Nummernschild "D 2" von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor. Nachdem sie den Dom betreten hat, werden die Pforten geschlossen.

Es beginnt im Dom mit unglaublicher Musik, mit dem "Requiem aeternam" des französischen Komponisten Gabriel Fauré. Danach ist die Welt im Dom eine andere. Die Trauer hat jetzt einen Klang bekommen, und dieser besondere Ton wird später - fast schon am Ende - noch ergreifender werden: wenn ein Schülerensemble des Joseph-König-Gymnasiums aus Haltern spielen wird, ein Thema aus "Schindlers Liste" von John Williams.

Haltern am See: Gedenkgottesdienst für Absturz-Opfer FOTO: dpa, mb cul

Die Musik trägt die Trauer, für die viele passende Worte gefunden werden. Etwa von der westfälischen Präses Annette Kurschus, die vom Unbegreiflichen spricht, das wir aushalten müssen und vielleicht aushalten können, weil Gott selbst alle Tränen abwische. Aber auch das ist unbegreiflich in diesen Tagen, so Kurschus: dass Menschen zusammenrücken, einander die Hände reichen. "Sie tun das Wenige, das getan werden kann - und das Viele, das getan werden muss. Geben Nähe und halten Abstand. Leihen Ohren und versuchen Worte. Teilen Kräfte und Ohnmacht."

Auch der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki umkreist das Unfassliche und findet alte Worte dafür: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" Jesus hat das gerufen. Auch Gottes Sohn hat unschuldig gelitten. "Er hat sich das nicht ausgesucht. Er leidet aus Liebe", sagt Woelki, "wie Sie" - dies zu den 500 Hinterbliebenen gesprochen. Aber glauben Christen nicht auch an das ewige Leben? "Wir glauben das", so der Erzbischof, aber damit sei kein unendliches Leben gemeint, "das nach dem Tod einfach so weiterläuft." Das ewige Leben geht über den Tod hinaus, weil es die Zeit außer Kraft setzt.

Tränen auf dem Vorplatz

Die bewegende Trauerfeier wird parallel auf dem Bahnhofsvorplatz neben dem Dom auf einer Großleinwand gezeigt. Es ist keine Massenveranstaltung. Etwa 1000 Menschen schauen sich dort gemeinsam den Gottesdienst an. "Ich bin mit meinem Freund gekommen, um den Angehörigen zu zeigen, dass sie in ihrer Trauer nicht allein sind", sagt die 23 Jahre alte Kölnerin Stefanie Polsmann.

Während der Übertragung ist es still auf dem Bahnhofsvorplatz geworden. Für einen kurzen Moment spricht niemand mehr, Fußgänger bleiben stehen. Die meisten stecken ihre Handys ein und hören auf zu fotografieren. Einige Pärchen halten sich an den Händen, manche weinen. Doch die Ruhe hält nicht lange. Schon gehen wieder einige mit ihren Reisekoffern an den Trauernden vorbei und verschwinden im Bahnhofsgebäude. Eine ältere Frau schimpft: "Kann man hier nicht in Ruhe trauern, ohne dass man beiseite geschubst wird?"

Das ist der Kölner Dom FOTO: dpa, obe cul

Der Kölner Erzbischof erinnert daran, dass seit über 1600 Jahren Menschen zum Gebet an diesem Ort zusammenkommen - auch hoffend, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Der Dom ist zum zweiten Mal Gedenkort einer Flugzeugkatastrophe. Vor 15 Jahren gedachten Angehörige an gleicher Stelle bei einem Gottesdienst der 109 Opfer des Concorde-Absturzes in Paris. Auch damals mit Staatsakt. Diesmal sprechen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Bundespräsident Joachim Gauck. "Es ist etwas zerstört worden, das in dieser Welt nicht mehr geheilt werden kann", sagte er. Gauck redet auch vom Co-Piloten und dessen vermuteter Schuld - und bedenkt auch dessen Eltern, die in diesem Augenblick um ihren Sohn trauern. Schließlich wünscht er allen einen Stern, "der uns leitet auch durch die Dunkelheit unseres Lebens".

So viele Worte des Trostes und der Trauer. Am bewegendsten werden aber die Fürbitten sein - von den Notfallseelsorgern und einer jungen Deutschen, die ihren Bruder beim Absturz am 24. März verloren hat. "Lass die Liebe inmitten der Trauer stärker sein als die Verzweiflung", sagt sie, und es kommen ihr die Tränen. Ein paar Worte noch, dann nehmen andere Trauernde sie in den Arm. Keiner schaut weg, keiner macht weiter. Es ist die Zeit und der Ort des Schmerzes. "Nie sind wir mehr Menschen als dann, wenn wir weinen", hat Annette Kurschus zuvor gesagt.

Quelle: RP
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