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Köln
Henriette Reker: "Ich bin wieder da"

November 2015: Henriette Reker tritt Amt im Kölner Rathaus an
November 2015: Henriette Reker tritt Amt im Kölner Rathaus an FOTO: dpa, ve fdt
Köln. Henriette Reker wohnt nahe einer Kölner Feuerwache. Jedesmal, wenn sie die Sirene eines Rettungswagens hört, denkt sie an jenen 17. Oktober, als im Straßenwahlkampf ein Mann auf sie zukam und um eine Rose bat, die sie als OB-Kandidatin an Passanten verteilte. Von Detlev Hüwel

Reker reichte ihm die Blume, während der Mann - "er hat mich dabei freundlich angeguckt" - ihr ein Messer in den Hals stieß. Sie sei zu Boden gesunken, aber bei Bewusstsein geblieben und habe die blutende Wunde zugepresst, berichtet Kölns neue Oberbürgermeisterin.

Mit Applaus ist sie zu dieser ersten Pressekonferenz am Freitag empfangen worden, und mit Applaus wird sie auch wieder verabschiedet. Dazwischen liegen 40 Minuten, in denen die zwar bescheiden, aber fröhlich und entschlossen wirkende Frau keiner Frage ausweicht. "Ich bin wieder da", sagt sie zu Beginn ihres beeindruckenden Auftritts im Museum Ludwig.

Todesangst habe sie an jenem Attentats-Samstag nicht gehabt, wohl aber die "große Sorge, dass ich gelähmt sein könnte", berichtet sie. Das Messer durchtrennte die Luftröhre; die Ärzte versetzten Reker nach der Notoperation in ein künstliches Koma. Das Sprechen falle ihr "noch ein bisschen schwer", und manchmal überkomme sie ein stärkerer Husten, sagt die 58-jährige Kölnerin. Deswegen gehe sie nicht zur Opern-Premiere: "Das möchte ich den anderen Zuhörern und dem Ensemble nicht zumuten."

OB-Kandidatin Reker in Köln bei Messerangriff verletzt FOTO: ANC-NEWS

Überhaupt sei der Heilungsprozess noch nicht völlig abgeschlossen; die Oberbürgermeister-Kette darf sie einstweilen nicht anlegen. Ihre Wunde am Hals verdeckt Reker dezent mit einem Tuch. Und sie erwähnt auch den neuen Mantel, den sie am Tag des Mordanschlags "nur 15 Minuten" getragen hat - "jetzt liegt er in der Asservatenkammer der Polizei", merkt Reker schmunzelnd an.

Die Oberbürgermeisterin steht unter Polizeischutz, sagt dazu aber nur: "Die Kölner Polizei passt gut auch mich auf." Angst, so beteuert sie, habe sie nicht, und sie "schrecke auch nicht zurück, wenn mir jemand die Hand gibt", oder wenn sie, wie neulich in einer Apotheke von einem fremden Mann umarmt wird. Die Juristin und frühere Kölner Sozialdezernentin spricht von "Täter-Opfer-Begegnung" und schließt nicht aus, eines Tages mit dem Mann zusammenzutreffen, der sie hat töten wollen. "Hass und Gewalt", so hält sie ihm entgegen, "sind keine Lösung." Über die Solidaritätsbekundungen der Menschen am Abend des Attentats hat sie sich sehr gefreut: "Köln hat in dieser Stunde sein wirkliches Gesicht gezeigt. Köln hält zusammen." Beeindruckt hätten sie auch die vielen Blumen ("In der Uniklinik gab es keine leere Vase mehr"), aufmunternden Briefe ("waschkörbeweise") und Glücksbringer.

Dass sie zur Oberbürgermeisterin gewählt worden sei, habe sie vier Tage später von ihrem Mann - er stammt aus Australien und nennt sie "darling heart" - erfahren. Die Nachricht habe sie im Krankenbett jedoch als "nicht so spektakulär" empfunden, weil sie noch zu sehr mit sich und den ärztlichen Befunden befasst gewesen sei. Sie habe das Amt angenommen, weil sie dies für ihre Pflicht halte, sagt Reker, fügt aber hinzu: "Wenn man einen so hohen Preis gezahlt hat wie ich, möchte man die Früchte einbringen."

Sachlich beschreibt Reker, die keiner Partei angehört, aber zu den Grünen tendiert, was sie als OB vorhat. Sie will einen "neuen Politikstil" pflegen und parteipolitische Blockaden überwinden. Als Chefin von 17.000 Mitarbeitern möchte sie die Stadtverwaltung modernisieren und für mehr Transparenz sorgen. Köln müsse wieder den Rang einnehmen, der ihr als viertgrößter Stadt in Deutschland gebührt. Das gelte auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Kölner, so rät sie lächelnd, sollten daher "zum Einkaufen nicht nach Düsseldorf fahren".

Quelle: RP
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