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Höhner-Frontmann Henning Krautmacher
"Mein Nachfolger muss besser sein als ich"

Höhner-Frontmann Henning Krautmacher im Interview: "Mein Nachfolger muss besser sein als ich"
Höhner-Frontmann Henning Krautmacher sucht einen Nachfolger. FOTO: Andreas Endermann
Pulheim. Am heutigen Freitag starten die Jecken in die Session. Der Frontmann der Kölner Band "Höhner" (u.a. Viva Colonia) kennt im Karneval nur zwei B's: Bühne und Bett.

Kaum sind die Besucher aus dem Auto in einer ruhigen Straße in Pulheim-Stommeln aus dem Auto gestiegen, kommt eine Nachbarin über die Straße. "Wollen Sie zu Henning Krautmacher? Der hat angerufen, der kommt leider ein bisschen später." Nach zehn Minuten fährt der Frontmann der Höhner in einem Hybrid vor, entschuldigt sich und fragt: "Hat meine Nachbarin Dorothee Bescheid gesagt?". Ja, hat sie. Henning Krautmacher ist erleichtert, bittet ins Haus und kocht erstmal "eine schöne Tasse Kaffee".

Welche Rolle spielt der Karneval für das Heimatgefühl?

Henning Krautmacher Eine große. Karnevalslieder sind in Mundart geschrieben, Sprache trägt viel zum Heimatgefühl bei. Und Köln ist wohl durch diese Musik die meistbesungene Stadt der Welt, danach käme im internationalen Vergleich schon New York. Aber wo der Kopf von voll ist, laufen Herz und Zunge von über.

Ist Heimat wichtiger geworden?

Krautmacher Absolut, sogar Bundespräsident Joachim Gauck hat vor ein paar Wochen beim jährlichen Empfang in der Villa Hammerschmidt zum ersten Mal kein Klassikkonzert veranstaltet, sondern aus vier Himmelsrichtungen je eine Band eingeladen. Wir haben den Westen vertreten.

Kannte er denn die Höhner?

Krautmacher Ja, wir kennen uns durch unsere Aktivitäten in der "Stiftung Lesen", auch beim Birlikte-Festival in Köln haben wir uns getroffen. Vielleicht lag es auch daran, dass wir ausgewählt wurden. Wir haben bei dem Fest nicht in die Trickkiste Karneval gegriffen, sondern heimatbezogene Lieder wie "Hey Kölle, do bes e Jeföhl" gespielt. Gauck hat gesagt, er beneide die Rheinländer schon um ihre Heimatverbundenheit und ihren Karneval. Er meinte aber auch: Das ist nicht mein Ding. Aber als wir dann mit den anderen drei Gästen "Über sieben Brücken musst du gehen" gesungen haben, war er gerührt. Und ich habe ihm gesagt: Wir Rheinländer nehmen uns beim Singen sinnbildlich in den Arm, das ist eine Glückseligkeit, die im Lied mündet.

Hat sich der Karneval verändert?

Krautmacher Na klar, das merkt man auch an unseren zwei neuen Liedern für die Session. "Wenn et Hätz dich röf" ist eine Up-Tempo-Nummer, schnell und dynamisch, das haben wir noch drauf. Die andere ist ruhiger und heißt bezeichnenderweise "Sing mit mir" - und das Lied beschäftigt sich mit einer neuen Gesangskultur. Der Refrain ist schön zum Mitsingen, aber nicht zum Mitgrölen.

Wird zu viel gegrölt?

Krautmacher Mich hat ein Veranstalter mal zur Seite genommen und gefragt: Merkt ihr Musiker eigentlich, dass ihr euch gegenseitig auszustechen versucht? Er sagte, wenn die Leute beim Auftritt nur eine Minute gesessen hätten, würde die Band denken, sie wäre nicht angekommen. Wir sollten den Menschen stattdessen die Gelegenheit zum Verschnaufen geben - und das haben wir mit dem Song jetzt gemacht.

Gibt es ein Rezept für einen Hit?

Krautmacher Wenn ich das wüsste, säße ich in Malibu und würde nicht mehr arbeiten. Wir gehen in Kreativ-Camps, arbeiten hart und müssen am Puls der Zeit sein. Da gibt es kein Rezept. Das ist Arbeit und ein bisschen Glück.

Heute ist Sessionsauftakt, in Köln gab es Streit ums Bühnenprogramm.

Krautmacher Was heißt schon Streit? Ein paar der Bands - darunter wir - hatten sich zusammengesetzt und die Frage gestellt: Ist das alles so richtig? Denn machen wir uns nix vor: Um 9 Uhr beginnt das Koma-Saufen, das Programm am Heumarkt geht bis weit nach 19 Uhr. Mehr als 30 Bands stehen auf der Bühne, es gibt Stände ohne Ende, Absperrungen, VIP-Bereiche, und der WDR hält die ganze Zeit die Kamera drauf. Die füllen mittlerweile den halben Tag mit dem Programm. Es gab Zeiten, da konnte man sich eine Programmminute auch gerne mal mit 2000 bis 3000 Euro versilbern lassen.

Und das ist nicht mehr so?

Krautmacher Wir treten da für lau auf und haben jetzt nebenbei erfahren, dass der WDR 50.000 Euro ans Festkomitee zahlt, das das Geld an die Ostermann-Gesellschaft gibt. Uns hat niemals jemand nach Senderechten gefragt! Wir treten ja gerne für lau auf, aber für die Techniker brauchen wir schon Geld. Wir haben nachverhandelt, jetzt gibt es vom WDR 30.000 Euro, für jede Band einen Tausender für die Techniker.

Auch in Düsseldorf soll es zwischen dem CC und Kölner Bands Knatsch über die Gage für die Fernsehsitzung gegeben haben.

Krautmacher Da weiß ich nichts von. In der Regel ist es so, dass wir eine Gage vom Veranstalter bekommen und eine Gage in gleicher Höhe vom Fernsehsender.

Gibt es zu viel Karneval im TV?

Krautmacher Mehr geht auf keinen Fall. Es gab eine Inflation und kaum einen Sender, der nichts gemacht hat. So etwas kann nicht gutgehen, viele Sendungen sind verschwunden, und deshalb sind wir jetzt beim Gegenteil: Sender wie RTL und Sat.1 sind abgesprungen, der WDR streicht zusammen. Im vergangenen Jahr gab es etwa "Immer wieder neue Lieder" nicht mehr.

Wie sieht es dieses Jahr aus?

Krautmacher Wir Bands haben das zunächst selbst in die Hand genommen und ein Konzert im Palladium organisiert. Der WDR hat das aufgezeichnet und zeigt "Sing mit Köln" heute Abend. Es ist ein modernes Konzert geworden, mit weniger Luftschlangen und guter Technik.

Ist die Session der Höhepunkt des Höhner-Jahres?

Krautmacher Wir sind das ganze Jahr unterwegs, das nehmen die Leute jedoch nicht wahr. Der Karneval ist aber die Zeit, in der unsere Familien am wenigsten von uns haben. Ab Januar kennen wir nur die zwei B's - Bühne und Bett. Anfang Januar geht es los, wir haben täglich fünf Auftritte - außer montags.

Die Bläck Fööss haben ihren Sänger ausgetauscht, Sie sind 59, gibt es ein Ausstiegsszenario?

Krautmacher Ich kann alle beruhigen: Es gibt eines, aber es ist nicht kurzfristig. Wir haben mit Janus Fröhlich und Peter Werner schon zwei namhafte Mitglieder und Band-Begründer auf einen Schlag ersetzt, das war schmerzhaft und das würde ich heute so nicht mehr machen. Aber wir haben es geschafft, der Umbau hat viel Kraft gekostet - und wir sind nicht fertig.

Ist ein Sänger schwerer zu ersetzen?

Krautmacher Der Frontmann ist immer das Gesicht, mit dem man eine Band verbindet. Das wird nicht einfach. Die Räuber haben uns gut vorgemacht, wie's geht. Sie haben vor Jahren einen Neuen aufgenommen und ihn langsam nach vorne geschoben. So werden wir das auch machen, einen langsamen Übergang. Wir werden bald Ausschau halten nach einem Kandidaten, der das Gesicht der Höhner sein könnte und möglichst besser ist als ich. Denn ich weiß: Jeder ist ersetzbar. Ich werde meinem Nachfolger den Weg bereiten, damit unser Baby, die Höhner-Familie, weiterlebt.

Könnte das nächste Oberhuhn auch Migrationshintergrund haben?

Krautmacher Warum nicht?

Sie haben ja selbst einen - als Leverkusener!

Krautmacher Schlebuscher, bitte!

Was ist Ihre Heimat? Schlebusch? Köln? Oder Stommeln?

Krautmacher Meine Heimat ist Schlebusch, da bin ich geboren, die werde ich nie verleugnen. Wenn beim 1. FC Köln unsere Lieder gesungen werden, geht mir auch das Herz auf, weil ich etwa mit Toni Schumacher eng befreundet bin. Und ich bekenne mich zu Stommeln, weil ich hier mit meiner Familie lebe und ich Freunde habe. Heimat ist da, wo man mich versteht.

Das Gespräch führten Martina Stöcker und Horst Thoren.

Quelle: RP
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