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"Hogesa"-Bilanz von Köln
Rohrkrepierer statt Randale

"Hogesa"-Kundgebung und viele Gegendemos in Köln
"Hogesa"-Kundgebung und viele Gegendemos in Köln FOTO: ap
Köln. Die Polizei setzte beim "Hogesa"-Einsatz auf eine Strategie der Eindämmung. Von Beginn an ließ sie die Gewaltbereitschaft der Hooligans ins Leere laufen. Die Kundgebung auf dem Barmer Platz erwies sich als klägliches Schauspiel. "Das war schon erbärmlich", sagt ein Kenner der Szene.  Von Philipp Stempel

Die Ausschreitungen am Kölner Hauptbahnhof vor einem Jahr feierten die Hooligans und Neonazis, als hätten sie eine Schlacht gewonnen. Die Ereignisse haben sich in die Erinnerung Kölns eingebrannt. Schläger jagten Polizisten, warfen mit Flaschen und Böllern, waren in der Übermacht, griffen Journalisten an. Für die Polizei geriet der Einsatz zu einem Debakel. Sie hatte die Lage falsch eingeschätzt. "Hogesa" hatte ein Nachspiel bis in den Landtag.

Entsprechend konzentriert ging die Polizei bei der Neuauflage am vergangenen Sonntag zu Werke. Der Versuch, die Neuauflage von "Hogesa" zu verbieten, war vor Gericht gescheitert, Polizeipräsident Wolfgang Albers erwartete einen "schweren Tag für Köln". Man war gewarnt. Drei Tage vor dem Einsatz bewertete die Einsatzleitung die Lage. Zumindest die Auflagen der Polizei wurden vom Gericht genehmigt. "Hogesa" durfte nicht durch die Stadt ziehen, sondern nur an einem festen Ort als Kundgebung stattfinden.

Ein großer Vorteil für die Polizei, denn ein fester Ort lässt sich besser kontrollieren. "Am wichtigsten war uns, die Parteien voneinander getrennt zu halten", sagt André Faßbender von der Polizei Köln. Das sei weitestgehend gelungen. 

Tristesse in Köln. Die befürchtete Gewaltorgie blieb dank der Polizei-Auflagen aus. FOTO: afp, IW

So geschehen am Barmer Platz. Die Aggressionsbereitschaft der Hooligans verpuffte auf einem langweiligen Ort hinter dem Deutzer Bahnhof im Nichts. Hools, die auf eine Neuauflage der Randale aus dem Vorjahr aus waren, wurden hier bitter enttäuscht. Anstatt Polizeibusse umzuwerfen, fanden sich die Besucher umringt von Wasserwerfern und Absperrgittern wieder, eingezäunt wie eine Kuh-Herde. Die Zahl der Teilnehmer blieb mit 1000 Besuchern deutlich hinter den Erwartungen zurück. 

Im Gegenzug begleiteten etwa 3500 Polizisten den Einsatz. Die große Zahl an Personal und die Bindung an einen festen Ort ermöglichten strenge Kontrollen. Hooligans mussten Schlange stehen und sich durchsuchen lassen, bevor sie den Platz betreten durften. Folge der Prozedur: Der Beginn der Kundgebung verzögerte sich, ein Großteil des Nachmittags bestand aus Warten und Langeweile, zeitweise wusste niemand, wie es weitergeht. Trostloser ging es kaum. Auch wegen des strengen Alkoholverbots.

"Das war Gift für die Szene", bewertet der Politologe und Fanforscher Richard Gebhardt die Situation. "Unter freier Meinungsäußerungen versteht sie etwas anderes als politische Reden. Die Kundgebung auf dem Barmer Platz war schon ziemlich erbärmlich." Die Strategie der Polizei lobt er ausdrücklich.

Hooligans und Linksextreme prügeln sich in Köln FOTO: dpa, mb sab

Die weist den Gedanken, sie habe absichtlich auf Verzögerungen gesetzt, um der Veranstaltung jede Dynamik zu nehmen, weit von sich. Bei den Kontrollen sei es lediglich darum gegangen, Möglichkeiten der Gewaltanwendung auszuschließen. Für die Verzögerungen sei vielmehr der Veranstalter verantwortlich gewesen. 

Symptomatisch für das Versagen der Organisatoren um den Mönchengladbacher ProNRW-Ratsherr Dominik Roeseler: Die bekamen es anfangs noch nicht einmal hin, 50 Leute für den Ordnungsdienst zusammenzubekommen. Dabei waren die Auflagen der Polizei von Anfang an bekannt.

Nüchtern sollten die Kräfte für den Ordnungsdienst sein, und nach Möglichkeit nicht vorbestraft. Von den mühsam zusammengetrommelten Kandidaten wies die Polizei ein Dutzend prompt zurück. "Die Polizei hat unbescholtene Bürger als Ordner abgelehnt", empörte sich Roeseler wenig später. "Mehrere waren hochgradig alkoholisiert oder einschlägig vorbestraft", sagt Polizeisprecher Fassbender.

Köln 2014: Krawalle bei Hooligan-Demo FOTO: dpa, cas hpl

Zu unbescholtenen Bürgern zählte Roeseler vermutlich auch die Rechtsextremistin Melanie Dittmer. Die Frau, die auf öffentlichen Kundgebungen schon mal Bundeskanzlerin Merkel als Schlange, der man den Kopf abschlagen müsse, bezeichnet, war am Sonntag in die Organisation des Ordnungsdienstes eingebunden. Eine Farce.

Neben Roeseler und Dittmer waren am Sonntag noch weitere Figuren aus der rechtsextremen Szene zu sehen. "Der Fußball-Bezug bei 'Hogesa' ist weitgehend verschwunden", registrieren Beobachter wie Fanforscher Gebhardt. "Die Kundgebung war von einem ordinären Aufmarsch von Neonazis nicht mehr zu unterscheiden", sagt er. Die Hooligan-Szene sei schon gespalten, seitdem Politiker der extremen Rechten bei der Hogesa-Kundgebung in Hannover im November 2014 versucht hatten, die Gruppierung zu vereinnahmen.

Das Ende von "Hogesa" auszurufen, hält er jedoch für verfrüht. Zwar habe die Gruppierung es nicht geschafft, sich in den Stadien festzusetzen, doch warnt Gebhardt davor, die mögliche Dynamik einer solchen Subkultur zu unterschätzen. "Das sind immer noch 1000 Leute."

Bilder von den Demos am Sonntag sehen Sie hier.

Wie die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten vorging, zeigt dieses Video. 

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