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Prozess in Köln
"Ich wollte, dass alle mit mir und dem Kind glücklich sind"

Prozess in Köln: "Ich wollte, dass alle mit mir und dem Kind glücklich sind"
Die 28-Jährige Angeklagte (M.) und ihre Anwälte Funda Bicakoglu und Karl-Christoph Bode kommen im Landgericht in Köln in den Gerichtssaal. FOTO: dpa, hka jhe
Köln. Im Prozess um ein totes Baby am Flughafen Köln/Bonn hat die Angeklagte bestritten, ihr Kind auf einer Toilette umgebracht zu haben. Die 28-Jährige steht seit Donnerstag wegen Totschlags vor dem Kölner Landgericht. Von Claudia Hauser, Köln

Als Marie H. (Name geändert) im Mai vergangenen Jahres bemerkt haben will, dass sie schwanger ist, hat sie - so sagt sie - gedacht: "Ich schaff das nicht nochmal." Die 28-jährige Studentin meint damit eine erneute Abtreibung – zweimal hatte sie bereits eine Schwangerschaft abgebrochen, das erste Mal mit 24 Jahren, zwei Jahre später dann noch einmal. Als sie das zweite Mal schwanger war, erzählte sie nur ihrem Freund davon, wie sie sagt. Beim dritten Mal schwieg sie einfach. Sie schwieg so lange, bis das Kind am 20. November vergangenen Jahres auf die Welt kam, auf einer Toilette in Terminal 2 des Köln-Bonner Flughafens.

Was dann genau geschah, soll nun ein Prozess klären, der am Donnerstag vor dem Kölner Landgericht startete. Marie H. ist wegen Totschlags angeklagt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ihr Sohn lebensfähig war. Marie H. soll ihn auf der Flughafentoilette getötet haben. Sie soll ihn in ein Kleid und ein Handtuch eingewickelt haben, so dass er keine Luft mehr bekam und erstickte. Danach soll sie das tote Kind in einen Beutel gesteckt und ihrem Freund gegeben haben, der vor der Toilette auf sie gewartet habe. Von der Schwangerschaft soll er nichts gewusst haben.

Das Paar war gerade aus einem Urlaub auf Gran Canaria zurückgekommen. Ermittler entdeckten den toten Säugling später in der Wohnung des Freundes. Da lag Marie H. schon im Krankenhaus, sie war nach der Geburt noch am Flughafen zusammengebrochen. Ihr Freund, von dem sie sich inzwischen per Brief getrennt hat, sollte später an diesem Tag als Zeuge gehört werden. Der 26-Jährige verweigerte allerdings die Auskunft. Die Ermittlungen gegen ihn laufen noch. 

Marie H. versucht zu erklären, was geschehen ist. Sie wirkt zerbrechlich, hat schmale Schultern, lange blonde Haare und spricht so leise und stockend, dass sie oft kaum zu verstehen ist. Manchmal schließt sie minutenlang die Augen, während sie spricht. Dann weint sie wieder. Zweimal unterbricht der Vorsitzende Richter die Verhandlung, damit die Angeklagte eine kurze Pause machen kann.

"Mein Freund hat mir immer wieder gesagt, dass er kein Vater sein möchte", sagt sie. Sie habe ihm zwar erzählt, dass sie wieder schwanger sei, sich dann aber verkrochen, viel geschlafen. "Ich hab ihm irgendwann gesagt, ich geh zur Ärztin, wir waren völlig distanziert", sagt sie. Sie ging aber nicht zur Ärztin, sondern ließ die Schwangerschaft laufen. Sie sprach offenbar mit niemandem darüber und war "gefangen in diesem nicht reden können". Ihrem Freund erklärte sie Wochen später per SMS, sie habe das Kind abgetrieben. Hilflos, traurig, einsam – so beschreibt sie vor Gericht immer wieder ihren Gemütszustand. "Ich wollte, dass die Traurigkeit weg geht und alle mit mir und dem Kind glücklich sind", sagt sie.

Hochschwanger buchte sie im November die Flüge nach Spanien. Sie habe geglaubt, das Kind komme erst Anfang oder Mitte Dezember, sagt sie. Ihrem Freund habe sie sich kaum nackt gezeigt, er habe nichts gemerkt. Am Abend vor der Abreise zurück nach Köln habe sie starke Schmerzen bekommen. "Ich dachte ich komm nach Deutschland, dann kann ich in ein Krankenhaus und alles wird gut." Doch auch als während des Fluges die Wehen einsetzten, sagte sie nichts.

Im Flughafen ging sie auf die Toilette, habe das Gefühl gehabt, "innerlich zu explodieren". Bei der Sturzgeburt sei das Kind in die Toilette gestürzt, mit dem Kopf aber nicht ins Wasser gefallen. "Ich habe noch versucht, es aufzufangen, bin dann aber zur Seite weggesackt." Als sie den Jungen dann aus der Kloschüssel hoch genommen habe, habe er sich nicht bewegt und nicht geatmet. "Das kann nicht sein, dass das gerade passiert ist", habe sie gedacht. Sie habe die Händchen des Jungen genommen, versucht, eine Puls zu fühlen, "aber da war nichts".

Aus einem Beutel habe sie dann ein Kleid genommen und auf den Boden gelegt. "Ich habe ihn darauf gelegt und wollte ihn einwickeln, so wie man Kinder einwickelt." Sie habe gedacht: "Ich kann dich doch nicht hier liegen lassen." Marie H. rief ihren Freund an und bat ihn, ihr eine Nagelschere und ein Handtuch zu bringen. "Er reichte mir die Sachen unter der Tür durch." Sie habe die Nabelschnur durchtrennt, den kleinen Jungen in das Handtuch eingewickelt. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters besteht sie darauf, nicht den Kopf des Kindes bedeckt zu haben.

Der Freund habe draußen gefragt, ob alles okay sei. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ins Krankenhaus muss." Mehr habe man nicht gesprochen. Am Gepäckband sei sie zusammengebrochen. "Alles war dann voller Blut." Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass sie gerade entbunden hatte.

Es gibt Widersprüche in den Aussagen der Angeklagten. So hat sie etwa schon im Februar auf ihrem Tablet gegoogelt, wie man einen Schwangerschaftsabbruch selbst herbeiführen kann – im Prozess sagte sie, dass sie die Schwangerschaft erst im Mai bemerkt hat. Sie sagt dazu, dass sie es geahnt habe, es aber erst nach dem Test sicher wusste.

Der Vorsitzende hakt weiter nach: Warum ist sie nicht zum Arzt gegangen? Der habe doch Schweigepflicht. Ob sie darüber nachgedacht habe, das Kind abzutreiben, es vielleicht zur Adoption frei zu geben? Oder ob sie sich vielleicht auf das Kind gefreut habe?

Doch konkrete Antworten kann Marie H. nicht geben. Es wirkt so, als habe sie keinen Plan gehabt, wie die Dinge laufen sollen. Sie ließ sie einfach laufen.

Ein Urteil wird für den 7. Juli erwartet.