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Illegale Autorennen
"Das Adrenalin macht einen süchtig"

Illegale Autorennen: "Das Adrenalin macht einen süchtig"
Mutmaßlich die Folgen eines illegalen Autorennens (in Leverkusen, April 2015): Ein Radfahrer wurde schwer verletzt, als dieser BMW ihn streifte FOTO: Ulrich Schütz
Köln / Hamm. Eine 19-Jährige stirbt, weil ein Mann bei einem illegalen Rennen die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und die Radfahrerin überfährt. Ab Mittwoch steht er dafür vor Gericht. Insgesamt starben bei Köln 2015 drei Unbeteiligte bei illegalen Rennen. Auch Nico Klassen hat früher an diesen Rennen teilgenommen. Er erklärt, wie die Szene funktioniert.  Von Jessica Kuschnik

Nico Klassen ist 16 Jahre alt, als er sein erstes Rennen fährt. Illegal. Mit seinem Roller. Zwei Jahre später bekommt der Kfz-Lehrling sein erstes Auto. Von da an trifft er sich jedes Wochenende mit seiner Clique, um illegale Rennen zu fahren. "Es war wie eine Sucht", sagt der 36-Jährige.

Zwei Jahre lang geht alles gut. Dann passiert ein Unfall, der für Klassen alles ändert: Zwei Freunde liefern sich ein Rennen, der eine in seinem Wagen, der andere auf dem Motorrad. Plötzlich touchieren sich die Fahrzeuge. Der Motorradfahrer verliert die Kontrolle über sein Gefährt, bleibt mit dem Kopf an einem Verkehrsschild hängen. "Man konnte nichts mehr für ihn tun", sagt Klassen. 

Mehr als 15 Jahre ist das her. "In diesem Moment ist mir erst bewusst geworden, was passieren kann", erzählt er. Bis dahin hatte er die Gefahr ausgeblendet. Dass die aber real ist und die Raser ihr eigenes und das Leben anderer aufs Spiel setzen, zeigt das vergangene Jahr. Durch illegale Autorennen sind in der Region Köln fünf schwere Unfälle passiert. Die schreckliche Bilanz: Drei Unbeteiligte sind tot, mehrere Personen wurden schwer verletzt. 

Illegale Rennen verlagern sich in die Städte

Zwei der drei Toten waren Radfahrer, darunter eine 19-Jährige, die starb, weil ein 22-Jähriger die Kontrolle über seinen BMW verlor. Ab Mittwoch steht er deshalb in Köln vor Gericht. Laut der Ermittlungsgruppe "Rennen", die seit Mai 2015 gegen illegale Rennen in Köln und Leverkusen vorgeht, sind die Raser meist junge, männliche Fahranfänger. "Aus den Erfahrungen von Kontrollen und in Gesprächen wird deutlich, dass man es ,cool' findet, Regeln zu übertreten", sagen die Ermittler.

Dass daraus eine Sucht werden kann, hat Klassen am eigenen Leib erfahren. "Ich vergleiche das gerne mit einer Heroinsucht", sagt er. "Man weiß, dass man sein eigenes Leben und das anderer gefährdet. Aber man blendet es aus. Wenn ein Heroinsüchtiger weiß, dass er durch eine dreckige Nadel sterben kann, hält ihn das auch nicht ab."

Seit etwa zehn Jahren beobachtet der Aussteiger wieder einen Anstieg illegaler Rennen. "Es ist heute fast so schlimm wie in den 90er Jahren." Damals war er selbst aktiv. Heute hat er noch immer Kontakt zur Szene, organisiert viermal im Jahr legale Rennen in Aldenhoven und im Sauerland – als Ersatzdroge, wie er sagt. "Man muss solche Alternativen schaffen. Mit Sanktionen kommt man nicht weit. Wer seinen Wagen zu Schrott fährt, besorgt sich einen neuen. Im Moment ist es populär, Mietwagen für illegale Rennen zu nutzen." Wer seinen Führerschein verliert, fährt ohne, sagt er.

Der Aussteiger schätzt die Zahl der potenziellen Fahrer von illegalen Autorennen um Köln herum auf 5000 bis 6000 Personen – und die sind gut organisiert. "Früher fanden die Rennen hauptsächlich in Industriegebieten und auf Autobahnen statt, weil man dort nicht so schnell erwischt wird wie in der Stadt." Doch in letzter Zeit wollten die Teilnehmer mehr Aufmerksamkeit, weshalb vermehrt Rennen in der Stadt gefahren und so mehr Unfälle verursacht würden. 

Fahrer warnen sich über WhatsApp

Auf frischer Tat ertappt werden die Raser selten, denn die Fahrer sind gut vernetzt, sagt Klassen. "In den 90er Jahren standen wir mit Funkgeräten an den Einfahrtsstraßen zu den Industriegebieten und haben die Fahrer gewarnt, wenn die Polizei in der Gegend war. Heute geht das mit Facebook und WhatsApp." Auch sei es heute schwierig, die Raser an ihren Fahrzeugen zu erkennen. "Früher waren das tiefergelegte, getunte Wagen", sagt Klassen. Heute haben die meisten Autos so viel PS, dass auch die Familienkutsche für Rennen taugt.

Seit den fünf schweren Unfällen mit drei Toten im vergangenen Jahr hat die Polizei ihre Bemühungen, der Szene Einhalt zu gebieten, verschärft. Bekannte "Rennstrecken" werden "umfangreich kontrolliert", so die Polizei Köln. Die Ermittlungsgruppe "Rennen" hat zwischen Anfang Mai 2015 und Ende Januar dieses Jahres 143 Fahrzeuge sichergestellt, die wegen Umbauten nicht verkehrstauglich waren. "Insgesamt haben wir 86.932 Fahrzeuge gemessen und kontrolliert und so 11.620 Maßnahmen wie Anzeigen, Sicherstellungen, Berichte ans Straßenverkehrsamt und vieles mehr getroffen", erklärt die Polizei.

Legale Rennen gegen die Sucht

Das soll die Raser abschrecken, doch laut Klassen macht das in der Szene wenig Eindruck. "Diejenigen, die illegale Rennen fahren, haben eher den Eindruck, dass derzeit weniger Polizei auf den Straßen unterwegs ist, weil die so viel mit Flüchtlingsthemen zu tun haben."

In den USA und Dubai, wo es eine große Raserszene gibt, hat sich der 36-Jährige nach Präventionsmaßnahmen erkundigt. "In Amerika etwa hat man Autos, mit denen illegale Rennen gefahren wurden, verschrottet. Aber das und auch höhere Strafen haben nichts genutzt." In letzter Konsequenz habe man Rennstrecken für legale Rennen geöffnet – und das Problem so zumindest teilweise in den Griff bekommen.

Denn viele wollten raus aus der illegalen Szene, auch in Deutschland, sagt Klassen. "Auf Facebook bitten mich Menschen um Hilfe, sagen, dass sie süchtig sind nach dem Adrenalinkick, dass sie ihr Auto schon kaputt gefahren haben, sie aber nichts dagegen tun können." Wer einmal drin steckt, wächst dort auch nicht raus, sagt Klassen. "Ein Fünftel hört vielleicht auf, wenn sie eine Familie gründen. Andere, wenn sie wie ich einen Freund verloren haben. Doch das Gefühl, Rennen fahren zu wollen, bleibt."

Auch er spüre es noch immer, wenn er legale Rennen fährt: Sobald die Ampel auf grün springt, schießt das Adrenalin durch seine Adern. Illegale Rennen aber würde er nicht mehr fahren. "In der Stadt aber habe ich das Bedürfnis gar nicht mehr. Und auf der Autobahn fahre ich 130, obwohl mein Auto 300 schafft."

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