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Klofrau im Kölner Karneval
Schrubben, wenn andere feiern

Weiberfastnacht mit einer Toilettenfrau
Weiberfastnacht mit einer Toilettenfrau FOTO: Hauser
Felicia Oduro arbeitet nebenbei als Klofrau im Kölner Stadtgarten. Unsere Autorin hat die Kölnerin an Altweiber begleitet und mit ihr über die guten und fiesen Seiten des Jobs gesprochen, den kaum jemand machen will.  Von Claudia Hauser, Köln

Felicia Oduro lehnt am Türrahmen vor den Toiletten im Kölner Stadtgarten. Vor ihr steht ein Barhocker, auf einem weißen Teller liegen ein paar 50-Cent-Stücke. Ein Mann in einem gepunkteten Oberteil - er hat sich als Marienkäfer verkleidet - kommt von der Herrentoilette, bleibt verwirrt stehen, schaut die 42-Jährige an und fragt: "Bin ich von oben gekommen oder von drüben?" Felicia Oduro streckt ihren Arm nach vorn wie ein Fluglotse, sie lächelt und sagt: "Von oben." Der Käfer macht ein Kussgeräusch und schwankt zur Treppe. "Richtig. Bis gleich!", sagt er. "Jo", antwortet Felicia Oduro. 

Weiberfastnacht in Köln, es ist der erste Tag von fünf Großkampftagen für Oduro und ihre beiden Kolleginnen. Heute ist "Große Super Uschi Party". Die drei Frauen sind im Stadtgarten, zu dem ein Restaurant, ein Konzertsaal und ein Musikclub gehören, für die Toiletten zuständig. Für Oduro sind das acht Damentoiletten, vier Herrentoiletten und sechs Pissoirs. Zwischendurch schaut sie draußen bei den Dixie-Klos nach dem Rechten. "Karneval sind die besten Tage", sagt sie. "Die Leute sind entspannter als sonst." Seit drei Jahren arbeitet sie als Toilettenfrau im Stadtgarten, verdient damit zwischen 300 und 500 Euro im Monat, ihr Hauptjob ist eine Stelle als Reinigungskraft in einem Krankenhaus. Ihr Mann ist an diesem Donnerstag bei den drei Kindern. 

Während in Köln der Ausnahmezustand beginnt, während die Leute vom Ordnungsamt Wildpinkler abkassieren und gefühlt alle, die nicht geflüchtet sind, zumindest eine Perücke auf dem Kopf haben - währenddessen also sorgen Klofrauen wie Felicia Oduro für ein wenig Zivilisation. In den Toiletten der Clubs und Kneipen wischen sie weg, was die Betrunkenen hinterlassen. Und sie bleiben freundlich, auch wenn ihre Gäste das nicht immer sind. 

Fünf Euro für die Flatrate

Von oben schallen die kölschen Lieder nach unten: "Pirate wild un frei, dreimol Kölle ahoi!" Oduro wippt mit dem Fuß und begrüßt die gepunkteten und geringelten Klogänger mit einem Lächeln. "Hallo, ich bin die Silke", sagt eine junge Frau und streckt ihr die Hand entgegen. Noch bevor Felicia Oduro ihren Plastikhandschuh abstreifen kann, packt die Frau ihre Hand und schüttelt sie. "Ich geb dir jetzt mal fünf Euro, dann hab ich eine Pippi-Flatrate, okay?" Silke verschwindet in der Toilette. Ihre Flatrate zahlt sich aus, sie kommt an diesem Tag bestimmt noch sieben Mal vorbei. 

Andere gehen mit gesenktem Kopf an dem weißen Tellerchen vorbei, wirken peinlich berührt, weil sie keine Münze drauf legen. Wenn Oduro viel Spaß wünscht, lächeln sie kurz und hasten nach oben. "Mir ist es egal, ob die Leute mir Geld geben oder nicht", sagt Oduro. "Natürlich freue ich mich, aber es ist ja kein Muss." Zwei Männer, die sich beide als Heino verkleidet haben, kommen mindestens genau so oft wie Flatrate-Silke, aber geben nie etwas. "Ehrlich gesagt geben Männer eigentlich immer mehr als Frauen." Und welche Klos machen mehr Arbeit? Oduro lacht und sagt: "Eindeutig die der Männer."

Ein Rettungsschwimmer grüßt sehr nett und zahlt für die Kumpels gleich mit. Zu einer Frau, die als Disney-Schneewittchen verkleidet ist, sagt Oduro: "Wow, schönes Kostüm!" Die Frau hält ihren geschienten Unterarm hoch und erzählt, dass sie im vollen Karnevalsornat am Morgen bei der Computertomografie war. "Trümmerbruch", sagt sie. Eine Hand zum Bierhalten hat sie noch. Ihr Kölschglas stellt sie bei der Toilettenfrau ab - und vergisst es dort. 

"Auf den Klos wird auch oft geweint"

Es ist schon vorgekommen, dass Leute die Münzen vom Teller haben mitgehen lassen, während Oduro die Toiletten geputzt hat. Manchmal hat sie es auch mit aggressiven Gästen zu tun. Aber sie bleibt cool, sagt sie. "Mit denen muss man reden wie mit kleinen Kindern: Och, was hast du denn? Ist es denn wirklich so schlimm?" Sie streichelt ihnen dann sanft über die Schultern, das macht sie auch an diesem Tag ein paar Mal. Die Leute sind dann sofort besänftigt. 

Ein riesiger Typ mit blauer Lockenperücke fragt: "Hast du zufällig ein Deo?" Hat sie nicht. Tampons hat sie und auch Taschentücher. "Auf den Klos wird auch oft geweint", sagt sie und ergänzt: "Also bei den Damen." Wenn die Frauen dann gar nicht mehr rauskommen, klopft sie vorsichtig gegen die Klotür. "Sie erzählen mir alles. Den Liebeskummer, den Stress mit den Kindern oder im Job." Oft vergessen sie ihre Brillen, die Handys oder Schmuck auf den Toiletten. Einmal ist ein Mann auf dem Klo eingeschlafen. "Wo bin ich und wo ist mein Geld?", hat er gefragt, als Oduro ihn geweckt hat.

Wischen und nachfüllen

Wenn sie von unten die 18 Stufen hoch schaut, sieht sie nur die Beine von all den Jecken. Silberne Herrenbeine mit rosa Stulpen, Rockstar-Beine, Hummel-Beine und Beine, die in Skischuhen stecken. Der Skifahrer hat es besonders schwer, zur Toilette hinab zu steigen, er kommt auch nur einmal. 

Oduro wischt immer wieder die Toilettenräume durch, füllt das Klopapier und die Tücher an den Waschbecken auf. "Die Leute sagen manchmal: Es ist hier so sauber wie bei mir zu Hause." Vor allem an Karneval bleibt das aber eher nicht so. "Klar wird auch immer wieder gekotzt", sagt Oduro. Aus der Klinik hat sie sich einen Mundschutz mitgebracht, den legt sie dann an. "Dann Tücher drauf und weg damit." 

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Das Schneewittchen mit dem Trümmerbruch ist wieder da. Ganz in Gedanken singt es "Griechischer Wein" und zupft sich vor dem Spiegel die pechschwarze Perücke zurecht. 

Manchmal wird Felicia Oduro von Wildfremden in der Stadt angesprochen. "Irgendwoher kenn ich dich", sagen sie dann. Und Oduro lächelt und sagt: "Das kann sein." 

(hsr)
 
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