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Köln-Ossendorf
Karneval im Knast: "JVA Alaaf!"

Fotos: Karneval im Knast: „JVA Alaaf!“
Fotos: Karneval im Knast: „JVA Alaaf!“ FOTO: Klas Libuda
Köln. Jetzt wird überall gefeiert, selbst im Knast. Im Gefängnis in Köln-Ossendorf feiern 160 Frauen eine Mädchensitzung. Mit Tanzcorps, Prinz Thomas II., vier Kapellen und einem Hoch auf die Freiheit. Von Klas Libuda

Kann sein, dass das Lied jetzt zum ersten Mal Sinn hat. "Auf das Leben, auf die Liebe, auf die Freiheit, auf den Tod", singen "Kasalla" in so ziemlich jedem Festsaal, aber hier nun wissen die Leute am besten, noch viel besser als die Karnevalsband selbst, was Freiheit eigentlich bedeutet.

Denn das ist ja, woran es mangelt, seit ihnen irgendein Gericht einmal die Freiheit entzogen hat. Nun sitzen sie also da, in den Stuhlreihen in der JVA Köln: 160 verurteilte Frauen, die johlen und klatschen. Das Festkomitee Kölner Karneval hat gemeinsam mit der JVA zur Mädchensitzung geladen, das hat im Knast schon Tradition. Die großen Kölner Bands kommen dann und spielen ohne Gage. Das Dreigestirn winkt in die Runde, so wie überall. "Wir wollen den Frauen ein Stück Freiheit zurückgeben", sagt Wolfgang Boesl von der JVA. Es ist der Mittwochabend vor Weiberfastnacht, und im Knast ist für drei Stunden Session. Für die Gefangenen ist es die einzige Gelegenheit im Jahr, Karneval zu feiern.

Beim Knast-Karneval gibt es klare Regeln

"Kasalla" singen ihr Hoch auf die Freiheit und dann auch noch ein "Hoch die Gläser!", aber das funktioniert so nicht. Alkohol ist im Gefängnis streng verboten. Und es gibt überhaupt keine Gläser im Festsaal, nicht einmal mit Sprudelwasser. Es ist nicht so, dass das hier eine Hochsicherheitsveranstaltung wäre. Es gibt wenige, aber  klare Regeln: Die Sitzreihen werden von vorne nach hinten belegt und solange vorne noch Platz ist, wird gefälligst aufgerückt. "Es muss kontrollierbar bleiben", sagt Abteilungsleiter Andreas Schüller. Die Jecken vom Festkomitee mussten ihre Handys im Auto auf dem Besucherparkplatz lassen. "Und das Pfefferspray auch", sagte ein Aufpasser mit Klemmbrett, der sich jeden Personalausweis vorlegen ließ, bevor er überhaupt die erste Sicherheitstür öffnete.

Beim Knast-Karneval ist erlaubt: "Stimmung machen", sagt Boesl. Tanzen. Auch verkleiden. Eine Frau hat sich ein Bettlaken wie eine Toga umgeworfen und sagt, sie geht als römische Göttin. Eine andere trägt Trenchcoat, Sonnenbrille und Schnurrbart aus schwarzer Schminke - ein Mafiaboss im Gefängnis. Man muss erfinderisch sein, wenn man nicht zu Deiters kommt.

Manche haben sich Herzen auf die Wangen gemalt oder ein Partyhütchen aufgesetzt, aber die meisten sind einfach gekommen, wie sie sind. Eine trägt eine Jogginghose, und auf den Hintern ist das Wort "Because" gedruckt. Deswegen.

"Habt ihr Bock zu tanzen?"

"Ihr dürft doch aufstehen, oder?", fragt der Sänger von "Kuhl un de Gäng", die um kurz nach 17.11 Uhr als erste Band auf die Bühne kommen. Es ist der Moment allgemeiner Verunsicherung. Das Eis ist dick wie Gefängnismauern. "Habt ihr Bock zu tanzen?", fragen "Kuhl un de Gäng" und singen "Die schönsten Mädchen ham wir" und vom "Kölsche Jung" und im Refrain, "jetzt alle!", lalalalalala. Das Eis bricht.

Hinten schunkeln nun auch die Justizvollzugsbeamten. Nur einer bleibt allein und mit verschränkten Armen stehen. Die Kollegen nehmen ihn in den Arm, er dreht den Kopf und lächelt höflich, so wie man eben höflich lächelt, wenn man lieber doch nicht mitmachen möchte. Wer nichts mit Karneval am Hut hat, kennt das.

Der Karneval ist so ein bisschen wie die Steuererklärung oder ein gripaler Infekt. Selbst wenn man nichts damit zu tun haben möchte, holt es einen irgendwann ein. Nicht mal vor den höchsten Mauern, dem Stacheldraht und den Wachtürmen macht er halt, nicht einmal vor dem Gefängnis, dem unwahrscheinlichsten Ort für eine Mädchensitzung. Die leeren Flure, die vielen Schleusen, die ganzen Türen, die Funkgeräte und Schlüsselbünde der Wärter - wirklich gar nichts hier sieht nach tollen Tagen aus.

Zwölf Aufpasser sind im Saal, hinzukommen die Unsichtbaren - die Helfer und Wächter, die die Künstler durch die Gittertüren lassen und später wieder hinaus. Dann streicht der Mann mit dem Klemmbrett die Namen durch. "Das ist ein sicherheitstechnischer Kraftakt", sagt Martina Kratz vom Festkomitee, die diese Abende seit vier Jahren moderiert. Sie wünscht sich später einen "großen Applaus" für die Techniker. "Wir wissen, wie anstrengend das ist, hier alles durch die Schleusen zu tragen." Die Frauen klatschen anerkennend.

Von den zurzeit rund 1100 Gefangenen, die in 18 Hafthäusern auf dem 25 Hektar großen Gelände in Ossendorf untergebracht sind, sind 250 Frauen. 160 sind zur Sitzung eingeladen. Man musste sich darum bewerben. Wer sich zuletzt gut benommen hatte und seine Strafe nicht getrennt von anderen Gefangenen absitzen muss, durfte kommen. "Es ist alles dabei", sagt Wolfgang Boesl, "von Beschaffungskriminalität bis Mord." Viele Junkies, sagt Boesl, viele aus dem Milieu. "Die jungen Frauen machen sowas", sagt er. Es sind viele ganz junge dabei, die jüngsten sind gerade mal 14. Eine der ältesten sitzt schon seit 20 Jahren ein.

Auch "Gentleman" spielte schon in der JVA

Im Knast gibt es eine Eventagentur, den "Kölner Freizeit-Treff", der sich um Abwechslung im Gefängnisalltag bemüht. Der Chef ist Wolfgang Boesl. Seit 27 Jahren arbeitet er in der JVA Köln, der 58-Jährige ist dort Freizeitkoordinator. Gemeinsam mit den Inhaftierten organisiert er hauptsächlich Konzerte, etwa 25 pro Jahr. Sogar der Reggae-Künstler "Gentleman" war schon da, erzählt Boesl. Im Saal hängen die Poster der Stars: "Jupiter Jones" haben ihr Konzert kräftig romantisiert und als "Cologne Prison Blues" angekündigt; Norbert Blüm hat einmal aus seinem Buch "Unverzagt und unverblümt" gelesen; der Stimmungsliedermacher Willi Herren hat auf das Plakat zu seinem Auftritt mit schwarzem Filzstift geschrieben: "Ihr seid geil. Toi Toi Toi".

Den Opfern von Straftätern oder deren Angehörigen mag das nur schwer zu vermitteln sein, warum's im Knast so ein Konzert von "Gentleman" gibt oder eben auch eine Mädchensitzung mit der Band "Kasalla", die im September in der jetzt schon ausverkauften Lanxess Arena vor 13.000 Menschen spielen wird. "Das ist Teil der Resozialisierung", sagt Boesl. "Wenn wir die Leute hier nur einsperren, züchten wir Psychopathen heran."

Sitzungspräsidentin Kratz sagt: "Wat de has und wer de bis", das sei im Karneval egal. Darum sei diese Sitzung auch eine Demonstration der integrativen Kraft des Karnevals. Das Dreigestirn tritt auf, und Prinz Thomas II. sagt staatsmännisch, die kleinen Karnevalsgesellschaften seien ihm besonders lieb: "Hier in der JVA, im Altenheim, im Kindergarten."

Es kommt noch ein Tanzcorps, dessen Auftritt als "Heimspiel" angekündigt wird, weil die Gruppe auch aus Ossendorf stammt. "Labbese", ein Quartett, das Karnevalsrock spielt, sagt nach 20 Minuten: "Wir machen uns wieder vom Acker. Da draußen warten noch mehr auf uns." Dreifach donnernd werden sie verabschiedet: "Kölle Alaaf! Labbese Alaaf! JVA Alaaf!"

Auf dem Weg hinaus hat Prinz Thomas II. noch Zeit für genau eine Frage. Es ist die doofste Frage, und er gibt die klügste Antwort. Ist so ein Auftritt im Knast anders? Der Prinz genervt: "Was soll anders sein? Nur weil die eingesperrt sind? Das ist doch nichts anderes. Das sind doch ganz normale Menschen." Prinz ab.

 

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