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Köln
Streitschlichter zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt

Fall Tugce: "Der schlimmste Fehler meines Lebens"
Fall Tugce: "Der schlimmste Fehler meines Lebens"
Köln. Ein 23-Jähriger greift schützend in einen Streit ein und bezahlt das fast mit dem Leben. Nun gibt es ein Urteil in dem Fall, der nicht nur in Köln viele Emotionen hervorgerufen hat.

Die Tat hat weit über die Grenzen von Köln hinaus Menschen beschäftigt. Ein junger Mann streckt mit einem schweren Straßenpoller einen anderen nieder und bringt ihn fast um - nur weil dieser mutig einen Streit hatte schlichten wollen. Von Zivilcourage wurde geredet, von Mut und Charakter. Der Fall rief Emotionen hervor.
Nun hat ihn das Kölner Landgericht auch juristisch aufgearbeitet: Der Angeklagte soll sechs Jahre und sechs Monate in Haft wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

"Sie haben in ihrem Leben, das nun ja noch recht jung ist, sehr viele Chancen verpasst", sagt die Richterin zu dem 23-Jährigen. An dem dramatischen Tag im Januar 2015 bestand diese Chance darin, sich nicht seinen Bekannten anzuschließen, die wütend waren.

Das spätere Opfer hatte damals zusammen mit Verwandten Möbel aus der Kölner Wohnung seines Vaters getragen. Nicht weit entfernt bemerkten sie einen Streit zwischen zwei Gruppen, die sich wegen eines Rollerverkaufs in die Haare gekriegt hatten. Die Familie ging dazwischen und konnte tatsächlich schlichten - sie wurde aber wenig später selbst zur Zielscheibe.

Bei diesem ersten Streit soll der Angeklagte gar nicht dabei gewesen sein. Die Nacht zuvor hatte er nach Darstellung des Gerichts mit Videospielen und Kokain-Konsum zu Hause verbracht. Auch habe er wie so oft gekifft. Nun wollte der Mann von seinem Bekannten, der zu der einen Gruppe gehörte und wütend auf die Streitschlichter war, am Handy wissen, ob man zusammen abhängen könne. Der soll ihn zu sich gerufen haben.

Danach kam es zu dem verhängnisvollen Aufeinandertreffen: Die Gruppe ging die Familie an, es flogen Fäuste. Ein anderer hatte dem Angeklagten mittlerweile den neun Kilo schweren Straßenpoller in die Hand gedrückt. Nach einem Schlag soll sich auch das Opfer mit Fäusten gewehrt haben, daraufhin gab ihm der Angeklagte mit dem Poller einen Hieb.

Damit habe er in Kauf genommen, dass das Opfer stirbt, urteilt das Gericht in Köln. Nur durch eine Notoperation wurde der 23 Jahre alte Kaufmann-Azubi gerettet. Noch heute klagt er über ausbleibendes Durst- und Hungergefühl und eine große Narbe. Ursprünglich war sogar versuchter Mord angeklagt. Die Kammer konnte aber keine Heimtücke erkennen.

Der Verteidiger hatte auf gefährliche Körperverletzung plädiert und maximal vier Jahre Haft gefordert. "Es sieht danach aus, dass wir das Urteil überprüfen lassen", sagt er nach der Verkündung.

Das Opfer sagt, es wolle jetzt vor allem wieder gesund werden. "Wir versuchen es abzuschließen und nach vorne zu gucken." Die Dominik-Brunner-Stiftung hat angekündigt, ihn für seine Zivilcourage ehren zu wollen. Vor großem Publikum, in der Münchner Allianz Arena.

 

(lnw)
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