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Mehrfamilienhaus in Köln-Niehl
84-Jährige lag mindestens ein Jahr tot in ihrer Wohnung

Köln: 84-Jährige lag ein Jahr tot in ihrer Wohnung
In diesem Haus in Köln-Niehl wurde die Frau mindestens ein Jahr nach ihrem Tod gefunden. FOTO: Claudia Hauser
Offenbar bemerkte niemand in dem Fünf-Parteien-Haus in Köln-Niehl, dass etwas nicht stimmte: Eine Frau hat dort länger als ein Jahr tot in ihrer Wohnung gelegen. Entdeckt wurde die 84-Jährige am vergangenen Donnerstag – von der Polizei.  Von Claudia Hauser, Köln

Der Briefkasten der Toten ist so voll, dass schon lange nichts mehr hineinpasst. Viktor S. sagt: "Ich habe anfangs immer wieder Umschläge rausgezogen und sie der Frau auf einen Tisch vor ihrer Wohnung gelegt." Auf sein Klingeln habe die Dame nicht reagiert. Irgendwann hat der Postbote die Briefe, die er nicht mehr zustellen konnte, zurück an die Absender geschickt. S. war Hausmeister in der Anlage von Mehrfamilienhäusern an der Amsterdamer Straße in Köln-Niehl. Mittlerweile ist er im Ruhestand. 

"Seit zwei Jahren nicht mehr gesehen"

Er ist ein wenig außer Fassung an diesem Montag. Andererseits, sagt er, was hätte er tun sollen? Immerhin war er es, der die Verwaltung des Fünf-Parteien-Hauses in der vergangenen Woche angerufen hat – nicht zum ersten Mal, wie er sagt. "Es müssen fast zwei Jahre sein, in denen ich die Frau nicht mehr gesehen habe", sagt er. Dieses Mal habe der Verwalter die Polizei alarmiert. 

Die Beamten gelangten mit Hilfe der Feuerwehr über den Balkon in die Wohnung der Frau im dritten Stock des Hauses. Ihre skelettierte Leiche lag im Wohnzimmer, wie ein Sprecher der Polizei mitteilte. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ist sie eines natürlichen Todes gestorben. Es gibt nach Angaben der Polizei keine Hinweise darauf, dass etwa in die Wohnung eingebrochen wurde. "Es ist traurig, dass niemand der Nachbarn uns früher alarmiert hat", sagte der Sprecher. Verwandte hatte die Seniorin nicht in Köln.

Der Hausmeister Herr S. hat die tote Frau nach eigenen Angaben schon seit fast zwei Jahren nicht mehr gesehen. Ihr Briefkasten quoll über. FOTO: Hauser

Viktor S. sagt: "Ich habe sie immer nur allein gesehen, wenn sie mit ihrem Rollator hier lang wackelte." Er habe ihr manchmal die Einkäufe nach oben getragen.  Irgendjemand aus dem Haus hat den Rollator irgendwann aus dem Hausflur in den Keller getragen. Dort stand er mindestens ein Jahr, ohne dass sich jemand gefragt hat, wo die Frau eigentlich ist. 

Wieder in Vergessenheit geraten

Viktor S. hat sich das oft gefragt. Er hat mit einer anderen Nachbarin einmal einige Krankenhäuser angerufen, auch ein paar Seniorenheime in der Umgebung. "Wir dachten, vielleicht ist sie ins Heim gekommen", sagt er. Aber niemand kannte den Namen der Frau. Und sie geriet wohl auch bei Viktor S. wieder in Vergessenheit. Ob er nicht mal auf die Idee kam, die Polizei zu alarmieren? 

"Nein", sagt er. "Das wäre Aufgabe der Verwaltung gewesen. Das steht mir doch gar nicht zu." Die Verwaltung hatte ihn sogar ein paar Mal angerufen. Er solle mal nachsehen, Post an die Rentnerin sei ungeöffnet zurückgekommen. Die Miete ging weiter ein, per Dauerauftrag. Der Hausmeister ging dann zu ihrer Wohnung, klingelte, klopfte, rief ihren Namen. "Aber es sah ja so aus, als ob sie nicht da war." Also ging er wieder. 

Den Rollator der Frau haben Nachbarn nach einiger Zeit einfach in den Keller gestellt. FOTO: Hauser

Nach Tod gerochen habe es nie

Vor eineinhalb Jahren habe es ein Madenproblem im Keller des Hauses gegeben. "Da waren ganz viele schwarze Maden, aber der Kammerjäger kam und seitdem war wieder Ruhe", sagt er. Woher die Tiere kamen, konnte sich keiner der Nachbarn erklären. "Jetzt denke ich: Vielleicht kamen sie irgendwie aus der Wohnung im dritten Stock." Gerochen habe es im Haus nie nach Tod oder Verwesung. 

Ein Rolladen in der Wohnung der Toten ist fast zu  – auch seit mindestens einem Jahr. Gedacht habe sich dabei offenbar niemand was, sagt der Hausmeister. "Ich habe in Erinnerung, dass der immer zu war, Tag und Nacht, also auch, als sie noch lebte." 

Mehr als ein Jahr ist es her, dass eine neue Haustür eingebaut wurde. "Die Schlüssel liegen sicher noch in der Post der Frau." Er habe auch neben ihrer Wohnungstür den Strom abgelesen, sagt S. Bei der Gelegenheit habe er auch wieder an ihre Tür geklopft. "Aber irgendwann dachte ich: Vielleicht ist sie doch in irgendeinem Heim, ohne dass jemand etwas davon mitbekommen hat." 

Doch die Frau war nicht in einem Heim. Sie war längst tot. Vermisst hat sie niemand.