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Syrer in Köln festgenommen
"Sind Teenager nicht alle ein bisschen verrückt?"

Köln: Flüchtling aus Syrien in Untersuchungshaft
In dieser Flüchtlingsunterkunft in Köln-Porz wurde der 16-Jährige festgenommen. FOTO: dpa, hka hjb
Der 16-jährige Syrer, der am Dienstag in Köln-Porz festgenommen wurde, ist seit Mittwochabend in Untersuchungshaft. Seine Familie ist fassungslos und glaubt an einen Dumme-Jungen-Scherz. Doch die Indizien für seine Radikalisierung sind laut Polizei eindeutig. Von Claudia Hauser, Köln

"Er ist ein Teenager, sind die nicht alle ein bisschen verrückt?", fragt die Mutter des Jugendlichen. Sie wolle nichts herunterspielen, ganz sicher nicht, sagt die 45-Jährige, während sie im Polizeipräsidium in Kalk darauf wartet, dass der Anwalt ihres Sohnes ihr sagt, wie es ihm geht. "Als die Polizei ihn festgenommen hat, habe ich in seinen Augen gesehen, dass er denkt: Oh Gott, was hab ich gemacht?", sagt sie.

Der 16-Jährige war im Austausch mit einem Mann aus dem Nahen Osten. Ihr Whatsapp-Chat war kein harmloses Geplänkel – es ging um konkrete Bauanweisungen für Bomben: Wieviel Schwarzpulver braucht es, welche Nägel kann man zufügen, wo platziert man eine Bombe, um möglichst viele Opfer zu verletzten, zu töten?

Die Ermittler nehmen die Sache äußerst ernst. Eine 35-köpfige Ermittlungsgruppe beschäftigt sich allein mit dem Fall. Die Eltern des Jungen und seine 13 Jahre alte Schwester wurden in eine andere Unterkunft gebracht. Dort warten sie nun, was passiert. "Ich hoffe, alles klärt sich schnell und mein Junge kann zurück zu uns kommen", sagt seine Mutter. Den Gedanken, dass er ernsthaft versucht haben könnte, sich dem Islamischen Staat anzuschließen, kann und will sie nicht zulassen. Seine Schwester weint. "Er ist ein Guter", sagt sie. 

Radikalisierung in kürzester Zeit? 

"Das Beispiel des Jungen zeigt, wie schnell eine gefährliche Radikalisierung sich entwickeln kann", sagte Polizeipräsident Jürgen Mathies bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Der Junge ist verdächtig, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben. Er habe sich innerhalb von drei Monaten stark verändert und dem Islamischen Staat zugewendet.
 
Der Jugendliche war im Januar 2015 mit seinen Eltern und seiner Schwester aus Damaskus nach Deutschland gekommen. Die Eltern hatten gute Stellungen als Akademiker, entschlossen sich aber, alles hinter sich zu lassen und vor dem Krieg in Syrien zu flüchten, um in Sicherheit zu sein. Von Münster kam die Familie nach Dülmen und wurde schließlich am 1. April dieses Jahres in Köln untergebracht, erst in Holweide, zuletzt in der Porzer Unterkunft. Es gab bis zur Festnahme des 16-Jährigen drei Kontakte zur Polizei – Mathies spricht von Prüffällen.

Junge wollte plötzlich nur noch Obst essen
 
Am 10. Juni hatten die Leitung der Flüchtlingsunterkunft in Holweide und mehrere Bewohner die Polizei alarmiert, weil ihnen das Verhalten des Jugendlichen komisch vorgekommen war. "Er wollte etwa nur noch Obst essen, sagte, der Rest des Essens sei unrein", sagt Mathies. Der Junge habe immer häufiger gebetet, sich dabei einer anderen Himmelsrichtung als üblich zugeneigt. Die anderen Bewohner deuteten dieses Verhalten als Hinweis auf den IS-Terrorismus.

Auf seinem Mobiltelefon entdeckten die Ermittler damals verschiedene Bilder mit Bezug zum Islamischen Staat. Der Junge gab an, diese aus Spaß gespeichert zu haben. Das Handy wurde sichergestellt und ausgewertet, außer den Bildern fand sich darauf jedoch nichts Verdächtiges und die Polizei gab das Handy an den Vater des Jungen zurück.
 
Am 2. September überprüften die Ermittler den Jugendlichen ein zweites Mal. Dieses Mal hatte eine Sozialarbeiterin Alarm geschlagen. Der Junge würde sich isolieren, sich komisch verhalten, niemanden an sich ran lassen und er sei nachts ständig unterwegs. Die Überprüfung brachte keine Hinweise auf eine Gefahr, die von dem Jugendlichen ausgehen könnte. Vielmehr äußerten die Beamten die Vermutung, der Junge könnte möglicherweise traumatisiert sein durch die Flucht.
 
Am 18. September gab es dann jedoch erneut Hinweise – diesmal aus dem Umfeld der Ditib-Moschee in Porz. Seit zwei Monaten sei der 16-Jährige dort beinahe täglich stundenlang, teilte man der Polizei mit. Er soll die ganze Zeit am Handy gehangen haben und Kontakte zum Islamischen Staat offenbart haben.

Kein Hinweis auf konkretes Anschlagsziel 

Vergangenen Sonntag stellte die Polizei sein Handy sicher und ging mit Hilfe eines Dolmetschers alle Chats durch. Einer war auffällig – und hatte "Besorgnis erregende Inhalte", wie Jakob Klaas, Leiter der Kölner Staatsanwaltschaft, sagt. Der Junge chattete mit einem Mann im Nahen Osten, der sich mit ihm unter anderem über Verhaltensregeln im Islamischen Staat austauschte, aber ihm auch konkrete Anleitungen zum Bau von Sprengvorrichtungen schickte. Klaas betont, dass es jedoch keinen Hinweis auf ein konkretes Anschlagsziel gegeben habe. "Aber der Jugendliche hat sich bereit erklärt, einen Anschlag zu begehen."

Anders berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger, dass der 16-Jährige über einen Chat offenbar den Auftrag erhalten habe, eine Nagel-Bombe nahe einer Menschenmenge in einem Mülleimer zu platzieren. 
 
Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker spricht in Bezug auf den jungen Syrer von einer "Turbo-Radikalisierung" des Jungen. In Deutschland habe er aber keine Kontakte zur islamistischen Szene gehabt. "Er hat sich nicht mehr in der realen Welt, sondern nur noch in sozialen Netzwerken aufgehalten. Es war eine virtuelle Radikalisierung."
 
Die Eltern und die Schwester des Verdächtigen gelten als Zeugen – nicht als Tatverdächtige, wie Klaas betont. Sie hätten zwar eine Wesensänderung wahr genommen, hätten dem Jungen aber geglaubt, dass er die IS-Bilder nur "aus Spaß" auf seinem Handy gespeichert hatte.
 
Polizei und Staatsanwaltschaft betonen, dass die Ermittlungen noch ganz am Anfang stehen. Möglicherweise übernimmt die Bundesanwaltschaft sie in den kommenden Tagen.

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