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Flüchtling in Köln festgenommen
Ermittler sprechen von "Turbo-Radikalisierung"

Köln: Flüchtling aus Syrien soll Anschlag geplant haben
Der Kölner Oberstaatsanwalt Jakob Klaas während der Pressekonferenz. FOTO: dpa, obe hjb
Köln. Nach der Festnahme eines 16 Jahre alten syrischen Jugendlichen in einer Flüchtlingsunterkunft in Köln-Porz haben Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwochnachmittag neue Details bekanntgegeben. Der Junge hat sich offenbar rasend schnell im Internet radikalisiert. Von Claudia Hauser, Köln

"Das Beispiel des Jungen zeigt, wie schnell eine gefährliche Radikalisierung sich entwickeln kann", sagt Polizeipräsident Jürgen Mathies. Der Junge wurde am Mittwoch einem Haftrichter vorgeführt, weil er unter Verdacht steht, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben. Er habe sich innerhalb von drei Monaten stark verändert und dem Islamischen Staat zugewendet.

Der Jugendliche kam im Januar 2015 mit seinen Eltern und seiner Schwester aus Damaskus nach Deutschland. Die Eltern hatten gute Stellungen als Akademiker, entschlossen sich aber, alles hinter sich zu lassen und vor dem Krieg in Syrien zu flüchten, um in Sicherheit zu sein. Von Münster kam die Familie nach Dülmen und wurde schließlich am 1. April dieses Jahres in Köln untergebracht, erst in Holweide, zuletzt in der Porzer Unterkunft. Es gab bis zur Festnahme des 16-Jährigen drei Kontakte zur Polizei – Mathies spricht von Prüffällen.

Er wollte nur das Obst essen

Am 10. Juni hatten die Leitung der Flüchtlingsunterkunft in Holweide und mehrere Bewohner die Polizei alarmiert, weil ihnen das Verhalten des Jugendlichen komisch vorgekommen war. "Er wollte etwa nur noch Obst essen, sagte, der Rest des Essens sei unrein", sagt Mathies. Der Junge habe immer häufiger gebetet, sich dabei einer anderen Himmelsrichtung als üblich zugeneigt. Die anderen Bewohner deuteten dieses Verhalten als Hinweis auf den IS-Terrorismus. Auf seinem Mobiltelefon entdeckten die Ermittler damals verschiedene Bilder mit Bezug zum Islamischen Staat. Der Junge gab an, diese aus Spaß gespeichert zu haben. Das Handy wurde sichergestellt und ausgewertet, außer den Bildern fand sich darauf jedoch nichts Verdächtiges und die Polizei gab das Handy an den Vater des Jungen zurück.

Am 2. September überprüften die Ermittler den Jugendlichen ein zweites Mal. Dieses Mal hatte eine Sozialarbeiterin Alarm geschlagen. Der Junge würde sich isolieren, sich komisch verhalten, niemanden an sich ran lassen und er sei nachts ständig unterwegs. Die Überprüfung brachte keine Hinweise auf eine Gefahr, die von dem Jugendlichen ausgehen könnte. Vielmehr äußerten die Beamte die Vermutung, der Junge könnte möglicherweise traumatisiert sein durch die Flucht.

Am 18. September gab es dann jedoch erneut Hinweise – diesmal aus dem Umfeld der Ditib-Moschee in Porz. Seit zwei Monaten sei der 16-Jährige dort beinahe täglich stundenlang, teilte man der Polizei mit. Er soll die ganze Zeit am Handy gehangen haben und Kontakte zum Islamischen Staat offenbart haben.

"Besorgnis erregende Inhalte"

Vergangenen Sonntag stellte die Polizei sein Handy sicher und ging mit Hilfe eines Dolmetschers alle Chats durch. Einer war auffällig – und hatte "Besorgnis erregende Inhalte", wie Jakob Klaas, Leiter der Kölner Staatsanwaltschaft sagt. Der Junge chattete mit einem Mann im Nahen Osten, der sich mit ihm unter anderem über Verhaltensregeln im Islamischen Staat austauschte, aber ihm auch konkrete Anleitungen zum Bau von Sprengvorrichtungen schickte. Wo muss eine Bombe platziert werden, um Wirkung zu erzielen? Dies war eine der Fragen, die im Chat diskutiert wurden. Klaas betont, dass es jedoch keinen Hinweis auf ein konkretes Anschlagsziel gegeben habe. "Aber der Jugendliche hat sich bereit erklärt, einen Anschlag zu begehen."

"Turbo-Radikalisierung"

Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker spricht von einer "Turbo-Radikalisierung" des Jungen. In Deutschland habe er aber keine Kontakte zur islamistischen Szene gehabt. "Er hat sich nicht mehr in der realen Welt, sondern nur noch in sozialen Netzwerken aufgehalten. Es war eine virtuelle Radikalisierung."

Die Eltern und die Schwester des Verdächtigen gelten als Zeugen – nicht als Tatverdächtige, wie Klaas betont. Sie hätten zwar eine Wesensänderung wahrgenommen, hätten dem Jungen aber geglaubt, dass er die IS-Bilder nur "aus Spaß" auf seinem Handy gespeichert hatte.

Polizei und Staatsanwaltschaft betonen, dass die Ermittlungen noch ganz am Anfang stehen. Möglicherweise übernimmt die Bundesanwaltschaft sie in den kommenden Tagen.

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