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Köln
SEK soll Kollegen tagelang gefesselt haben

Köln: SEK soll tagelang Kollegen gefesselt haben
Die Elite-Polizisten der Spezialeinsatzkommandos (SEK) sind die härtesten Beamten, die das Land ausbildet. Das Kölner Polizeipräsidium hat drei SEKs, die übrigen Polizeipräsidien in NRW halten weitere Spezialeinheiten vor. FOTO: dpa, Montage: RP
Exklusiv | Köln. Erst fliegt eine als Übung getarnte Abschiedsfeier auf der Severinsbrücke auf, jetzt folgt der nächste Polizeiskandal: Ein Spezialeinsatzkommando soll einen Anwärter misshandelt haben. Innenminister und Staatsanwalt sind alarmiert. Von Thomas Reisener

In den Spezialeinsatzkommandos (SEK) bündelt das Land seine härtesten Beamten. Um sie und ihre Familien zu schützen, operieren die Elite-Polizisten in aller Regel vermummt. Sie nehmen bewaffnete Straftäter fest, verhandeln mit Geiselnehmern und kommen auch sonst immer dann zum Einsatz, wenn es besonders gefährlich wird. Aber inzwischen gefährden die Helden sich offenbar selbst.

Nach Informationen unserer Redaktion hat einer der Elite-Polizisten jetzt beim Polizeipräsidium Köln ausgepackt. Dem für interne Ermittlungen zuständigen Kriminalkommissariat 32 (KK32) berichtete der Beamte von einem Aufnahmeritual, das aus dem Ruder gelaufen ist: Ein SEK-Anwärter wurde demnach von seinen Mannschaftskameraden über mehrere Tage hinweg gefesselt - überwiegend an einen Kollegen. Auch, als das mutmaßliche Opfer massiv gegen das Ritual protestierte und um seine Freilassung bat, ließen die angeblichen Täter es nicht frei. Stattdessen sollen sie den Mann auch Wochen später noch massiv gemobbt haben.

Das Polizeipräsidium Köln hat die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Ein Polizeisprecher sagte auf Anfrage: "Nach Bekanntwerden der Vorwürfe ist der Vorgang über das zuständige Kriminalkommissariat 32 an die Staatsanwaltschaft Köln zur Prüfung abgegeben worden." Auch das NRW-Innenministerium reagiert. Konfrontiert mit den Recherchen unserer Redaktion sagte ein Sprecher: "Wir dulden kein Mobbing bei der Polizei. Außerdem gehen wir gegen solche inakzeptablen Aufnahmerituale beim SEK konsequent vor." Die Kölner Polizeiführung habe soeben "eine Einheit von ihren Aufgaben entbunden" - welche, lässt das Innenministerium aus Sicherheitsgründen unklar. Die internen Ermittlungen in dieser Angelegenheit habe das Polizeipräsidium Köln "in Absprache mit dem Innenministerium auf das Polizeipräsidium Düsseldorf übertragen, um jeden Anschein von Parteilichkeit zu vermeiden".

So arbeitet ein Spezialeinsatzkommando (SEK)

Damit hat das Polizeipräsidium Köln binnen weniger Tage seinen zweiten Skandal. In der vergangenen Woche berichtete unsere Redaktion als erste über eine bizarre Feier von hochrangigen Beamten der Kölner Spezialeinheiten (SE): Um das Abschiedsfoto für den ehemaligen Chef der Kölner SE so spektakulär wie möglich zu gestalten, erklomm eine kleine Gruppe von SE-Führungsbeamten offenbar einen fast 80 Meter hohen Pfeiler der Severinsbrücke und ließ sich aus einem Polizeihubschrauber fotografieren. Öffentlich wurde die Aktion als Höhenübung getarnt.

Die Kölner SEKs sind Teil der Kölner SE. Auch die Umstände dieser angeblichen "Übung" hat das Polizeipräsidium Köln jetzt der Kölner Staatsanwaltschaft übergeben. "Wir prüfen in beiden Fällen, ob ein Anfangsverdacht vorliegt und wir Ermittlungen einleiten müssen", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Im Fall des offenbar aus dem Ruder gelaufenen Aufnahmerituals drohen den möglichen Tätern bei nachgewiesener Freiheitsberaubung bis zu fünf Jahre Haft. Im Fall der "Übung" kommt unter anderem der Vorwurf der Untreue in Betracht, falls Polizeigerät wie etwa der Hubschrauber für private Zwecke missbraucht worden sein sollte. Recherchen des WDR ergaben, dass es einen ähnlichen Vorfall auch 2003 bei der Verabschiedung des damaligen Polizeidirektors Winrich Granitzka gegeben haben soll.

"Offenbar ist die Führung des größten Polizeipräsidiums des Landes überfordert", kommentiert der Polizei-Experte der CDU im Landtag, Gregor Golland, die neuen Ereignisse. Er fordert von NRW-Innenminister Ralf Jäger mehr Klarheit. "Das Gewaltmonopol der Polizei setzt besondere Transparenz voraus. Der Landtag muss wissen, was da in Köln los ist", so Golland, "und wenn sich die Vorwürfe bestätigten, erwarte ich personelle Konsequenzen."

Herbe Aufnahmerituale sind bei kämpfenden Eliteeinheiten üblich. Allerdings eskalieren sie selten so, wie vor einigen Jahren bei einem Hochgebirgsjägerzug der Bundeswehr. Dort mussten Anwärter rohe Schweineleber essen und Alkohol bis zum Erbrechen trinken. Medienberichte darüber führten damals zur vorübergehenden Auflösung des Hochgebirgsjägerzuges.

Quelle: RP
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