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Diebstahl im Kölner Dom
Auf der Suche nach der Blutreliquie

Kölner Dom: Auf der Suche nach der Blutreliquie
Wo ist die Blutreliquie? FOTO: dpa, aba fpt
Köln. Noch gibt es keinen einzigen Hinweis auf den Verbleib der Blutreliquie von Johannes Paul II. Vor einigen Tagen wurde sie aus dem Kölner Dom entwendet. Einer der letzten, der sie sah, war Joachim Kardinal Meisner. Von Lothar Schröder

Keine heilige Blutspur, nirgends. Die ominöse Glaskapsel - die ein Tuch mit einem Blutstropfen von Johannes Paul II. in sich birgt und am Wochenende im Kölner Dom gestohlen wurde - bleibt vorerst unauffindbar. Und die Hoffnungen auf eine Rückkehr sind mäßig. Zumal beim Dezernat 71 der Kölner Polizei, das zuständig für Einbrüche in gewerbliche Räume ist, noch kein einziger Hinweis eingegangen ist. Selbst die Verdopplung der Belohnung auf 3200 Euro, die für Informationen zur Wiederbeschaffung ausgesetzt ist, konnte bislang das detektivische Engagement der Kölner nicht beflügeln.

Vier Ampullen Blut

Ein echter Krimi wird es wohl nicht mehr werden, wohl aber eine bedenkenswerte, für manche auch befremdliche Geschichte. Und die beginnt vor gut elf Jahren mit einer der letzten medizinischen Untersuchungen bei Johannes Paul II. Vor einem notwendig gewordenen Luftröhrenschnitt entnehmen die Ärzte dem Todkranken vier Ampullen Blut. Die werden später seinem Papstsekretär anvertraut. Das ist der heutige Erzbischof von Krakau, Stanislaw Dziwisz. Und dieser wird daraus 2012 dem damaligen Erzbischof zu Köln, Joachim Kardinal Meisner, einen Blutstropfen schenken. Für diese Gabe gibt es Gründe: Denn die Freundschaft zwischen dem marianischen Pontifex und dem marianisch denkenden Bischof ist stets sehr eng gewesen. Schließlich wird der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim beauftragt, für das päpstliche Überbleibsel (so die wörtliche Übersetzung von Reliquie) ein etwa 40 Zentimeter hohes Schaugefäß zu machen - vor allem als Glaubensimpuls. Weil "die Seele Bilder braucht", sagt Gerresheim.

Und manche Seelen sind vielleicht noch etwas bedürftiger. Das jedenfalls ist Meisners Theorie, der für den vermeintlichen Dieb zwar keine entschuldigenden, aber doch barmherzige Worte findet. So könne er sich als Tatmotiv eine Art religiöse Überhitzung vorstellen. Möglicherweise ist es die Tat eines irregeleiteten Gemüts, das "den Papst einfach privat bei sich haben will". Dem polnischen Pontifex wollte auch Meisner sehr nahe sein. Als einer der letzten sah er die Reliquie noch am Samstagabend und berührte gar das Glas, als eine "Geste der Verehrung".

Der Raub von Reliquien ist für Köln nichts Ungewöhnliches - nur unter umgekehrten Vorzeichen. Es ist Rainald von Dassel, der 1162 aus dem eroberten Mailand die Reliquien der Heiligen drei Könige als Kriegsbeute nach Köln bringt. Dabei erweist sich der Erzbischof als Vermarktungskünstler. Sein Rückweg von Norditalien bis ins Rheinland - den man als Translation (Überführung) beschreibt - inszeniert er als Werbetour, auf der er hier und da kleine Stoffproben der Königsgewänder verschenkt.

Die Wirkung ist immens: Als der Erzbischof in Köln eintrifft, sind die Reliquien fast schon weltberühmt und die Pilgerströme enorm. Schon bald platzt der alte, 870 eingeweihte karolingische Dom aus allen Nähten. Und so beschließt das Domkapitel im Jahr 1248 den Bau einer neuen und mächtigen gotischen Kathedrale. Das ist die Geburtsstunde des Kölner Doms. Er verdankt seine Existenz somit einer Reliquie.

Eine solche Wirkung entfaltet der Kult bei uns längst nicht mehr. Auch theologisch sind Reliquien von eher zweifelhaftem Wert. Die Verehrung von Körperteilen erinnert oft mehr an einen Wunderglauben als den Glauben selbst. Der Kult wird als doppelte Sehnsucht verstanden: nach Gottesnähe und dem Versuch, Geheimnisse sichtbar, berührbar und greifbar werden zu lassen. Aber vielleicht kommen darin auch erste Glaubenszweifel zum Vorschein. Und es wundert nicht, dass der Reliquienkult im Spätmittelalter aufkommt - zu einer Zeit, als die Gottesgesichertheit allmählich zu schwinden beginnt und erste Glaubensrisse sichtbar werden. Der Reformator Martin Luther erkennt in solchen Überbleibseln nur nutzlose "Hunds- und Rossknochen". Ganz zu schweigen davon, dass sie schon immer ein großes Geschäft gewesen sind. Reliquien sind zunehmend fragwürdige Zeugen unseres Glaubens. Sie sind kein Beweis für irgendetwas und geben keine Antworten. Allenfalls können sie zum Anlass werden, an das zu denken, was sie darstellen. Dass etwa in der Mönchengladbacher Münsterschatzkammer unter anderem Geschirr- und Tischtuch-Überreste des letzten Abendmahls liegen sollen sowie Partikel jener Würfel verwahrt werden, mit denen die Soldaten des Herodes um das Gewand Jesu spielten, dürfte zu Recht nicht allzu bekannt sein.

Verehrungsauswüchse

Zweifelsohne gibt es Verehrungsauswüchse noch obskurerer Art. So sollen die Windeln Jesu und seine Nabelschnur existieren, Kot vom Esel, auf dem Jesus nach Jerusalem ritt sowie eine Schwanzfeder des Heiligen Geistes. Und obwohl der Sohn Gottes auferstanden und aufgefahren in den Himmel ist, blieben Überreste zurück. Allein 14 Städte streiten sich um das Sanctum Praeputium, die Vorhaut Jesu.

Eine solche Ungewissheit könnte es auch nach dem möglichen, wenngleich unwahrscheinlichen Fund der päpstlichen Blutreliquie geben. Eine Überprüfung der Echtheit obliegt nicht der Polizei, wurde in Köln vorsorglich verlautet. Sicherer dürfte es darum sein, noch einmal beim Krakauer Erzbischof vorstellig zu werden. Zumal aus den Blutampullen viele schon versorgt wurden: In über 100 Orten wird ein Tropfen von Johannes Paul II. verehrt. Allein in Deutschland findet sich sein Blut in Aschaffenburg und Berlin, Dortmund, Hamburg und Würzburg wie auch im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer.

Quelle: RP
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