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Arbeitsvermittler Michael Strucken
Kölner Talentscout für Flüchtlinge

Arbeitsvermittler Michael Strucken: Kölner Talentscout für Flüchtlinge
Michael Strucken ist promovierter Theologe und vermittelt in Köln Flüchtlingen eine Arbeitsstelle. Für viele von ihnen sei es schwierig, so lange zum Nichtstun verurteilt zu sein. FOTO: dpa, obe
Düsseldorf/Köln. Arbeitsvermittler Michael Strucken bei der Arbeitsagentur in Köln ist auf Asylbewerber spezialisiert. Seine Erfahrung: Die meisten sind ausgebildet und wollen unbedingt arbeiten. Dennoch geht die Vermittlung nicht so schnell wie gedacht. Von Christoph Driessen und Christian Schwerdtfeger

Die Bundesagentur für Arbeit in Köln, 12. Stock. Es ist Montagmorgen. Er komme aus Alexandria, berichtet der schwarzhaarige junge Mann etwas stockend. "Ah, Alexandria!", sagt Arbeitsvermittler Michael Strucken. "Das ist ja eine ganz alte Stadt." Sofort hellt sich das Gesicht des jungen Mannes auf: "Für uns Ägypter gar nicht mal so", sagt er und lächelt. "Wir haben noch viel ältere Städte."

Es muss eine Herausforderung sein, sich auf Deutschland einzulassen, wenn man sein bisheriges Leben in Ägypten verbracht hat. Und doch ist der 22-Jährige fest entschlossen dazu. Nach zwei Monaten spricht er bereits ganz gut Deutsch. Und er will möglichst bald arbeiten gehen in seinem erlernten Beruf als Schweißer. Falls das nicht geht: "Ich habe in Ägypten auch als Fahrer und Automechaniker gearbeitet."

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Mit Leuten wie ihm hat es Strucken oft zu tun. Er ist auf Asylsuchende spezialisiert. Als sogenannter Talentscout vermittelt er seit rund einem Jahr Flüchtlinge gezielt in Unternehmen, die Fachkräfte suchen. Bislang gibt es in den Arbeitsagenturen Köln, Ahlen-Münster, Detmold und Dortmund solche Talentscouts wie ihn.

"Das Projekt ist so erfolgreich, dass wir 32 solcher Stellen schaffen", sagt Aneta Schikora, Sprecherin der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Demnach bekommen neben den bestehenden Standorten aus dem Modellprojekt die Arbeitsagenturen in Bochum, Bonn, Coesfeld, Duisburg, Düsseldorf, Iserlohn, Recklinghausen, Rheine und Solingen-Wuppertal demnächst einen Talentscout zugewiesen. "Wir haben die Städte ausgewählt, in denen bereits Bleiberechts-Netzwerke für Asylbewerber aktiv sind oder eine große Zahl von Flüchtlingen lebt", betont Schikora.

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Das Nichtstun ist für viele Flüchtlinge quälend

Michael Strucken, promovierter Theologe, ist anfangs viel durch die Flüchtlingsheime gezogen, hatte Sprechstunden bei der Ausländerbehörde. Inzwischen ist das nicht mehr nötig - seine Klienten kommen zu ihm. Es hat sich rumgesprochen: "Für die meisten ist es schrecklich, zunächst zum Nichtstun verurteilt zu sein." Viele seien hochmotiviert, so schnell wie möglich Arbeit zu finden.

Bisher gibt es zwei Bedingungen, damit Strucken aktiv werden kann: Die Bewerber müssen aus einem Land kommen, das die Genehmigung ihres Asylantrags wahrscheinlich macht: Afghanistan, Ägypten, Eritrea, Irak, Iran, Pakistan, Somalia, Sri Lanka oder Syrien. Und außerdem müssen sie eine abgeschlossene Schulausbildung haben oder längere Berufserfahrung. Nur jeder Zehnte kann nichts dergleichen vorweisen. Strucken hat bisher 165 Menschen in sein Fortbildungs- und Vermittlungsprogramm aufgenommen. Drei Viertel der Teilnehmer sind unter 30.

Der Flüchtlingsrat NRW begrüßt die Maßnahme der Arbeitsagenturen."Die Talentscouts sind grundsätzlich eine gute Sache, sofern sie Flüchtlinge gezielt bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen, sagt Anna Kress, Projektleiterin beim Flüchtlingsrat. "Wir benötigen aber mehr als diese Maßnahme. Insbesondere Asylbewerber und Geduldete haben lange Zeit keinen freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Diese Personengruppe hat bis zum 16. Monat des Aufenthaltes in Deutschland einen nachrangigen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das heißt, dass die Arbeitsagenturen erst prüfen, ob nicht ein Deutscher, EU-Bürger oder ein anderer Drittstaatler mit besserem Aufenthaltstitel diesen Job stattdessen aufnehmen könnte. Erst wenn man keinen findet, wird die Arbeitserlaubnis durch die Ausländerbehörde erteilt. Das muss sich ändern. Zudem haben viele Flüchtlinge keinen Zugang zu Integrationskursen. Wenn man aber keine Möglichkeit hat, strukturiert Deutsch zu lernen, dauert es lange bis man die nötigen Sprachkenntnisse hat, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. Die Sprachbarriere ist ein großes Hindernis. Die Integrationskurse sollten daher allen Zuwanderer von Beginn an offen stehen."

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In der 12. Etage der Kölner Arbeitsagentur ist das Gespräch beendet. Der junge Ägypter steht auf. Aber er hat noch ein Anliegen: Draußen wartet ein Syrer, der auch gerne arbeiten würde. "Spricht er Englisch?", fragt Strucken- "Nein, nur Arabisch", antwortet der Ägypter. "Aber wir finden schon eine Möglichkeit, uns zu verständigen", sagt Strucken. "Wo steckt er denn?"

Quelle: RP
 
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