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Kriminalpsychologin Lydia Benecke
Das Böse in uns allen

Kriminalpsychologin Lydia Benecke: Das Böse in uns allen
Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke (35). FOTO: Olivier Favre
Köln. Die Kölnerin Lydia Benecke therapiert als Kriminalpsychologin Sexualstraftäter, sie schreibt Bücher und hält Vorträge. Wir haben mit ihr über Psychopathen und dunkle Persönlichkeitsanteile gesprochen.  Von Claudia Hauser

Frau Benecke, Sie halten Vorträge über Psychopathen und alle kommen, die Säle sind ausverkauft. Warum interessieren sich so viele dafür, was einen Psychopathen ausmacht? 

Lydia Benecke Ich denke, es ist eine Mischung aus Neugier, Voyeurismus, vielleicht Angst, aber durchaus auch Bewunderung. Die Angst vor dem, was einem theoretisch jederzeit geschehen könnte durch etwas Monströses, durch einen anderen Menschen, steckt wahrscheinlich in den meisten Menschen. Solche Täter werden gerne als "Monster" oder "Bestien" wahrgenommen, weil sich der Durchschnittsbürger damit in seiner Wahrnehmung möglichst weit weg von schweren Straftätern stellt. Er nimmt sich selbst als "menschlich" wahr, die Täter nicht, das drückt sich in dieser Wortwahl aus. Dann fragt sich der Außenstehende: Wie sieht so ein "Monster" aus und gibt es Möglichkeiten, sich zu schützen?

Also Unbegreifliches verstehen wollen, aber was meinen Sie mit Bewunderung?

Benecke Es ist doch so, dass die Bösen in Filmen und Serien auf eine verrückte Art auch immer die beliebtesten Charaktere sind. Meistens haben sie psychopathische Anteile - J.R. Ewing etwa oder Dr. Jo Gerner. Wissenschaftlich ist Psychopathie nichts anderes, als dass mehrere Persönlichkeitsstörungen zusammenkommen, dazu gehören Narzissmus und Dissozialität. Ich denke, der Durchschnittsmensch bewundert manchmal, dass Psychopathen frei von Ängsten und Schuldgefühlen sind. Als statistisch normal im Fühlen und Denken ausgestatteter Mensch hat man da ja gesunde Hemmschwellen. Dazu kommt sicher: Wenn man selbst nicht betroffen ist, haben die Geschichten über Täter und Gewalttaten ja auch einen gewissen Unterhaltungswert, was sich etwa in der Beliebtheit der "Tatort"-Reihe widerspiegelt. 

Kann es auch etwas mit Projektion zu tun haben? Haben wir alle dunkle Seiten?

Benecke Absolut. Jeder hat gute und böse Anteile. Das ist einer meiner wichtigsten Glaubensgrundsätze. Ich habe ein Tattoo auf dem Rücken, das einen Engel und einen Drachen miteinander verschlungen zeigt, das genau dafür steht. Die teilweise Identifikation mit den Bösewichten basiert auf den egozentrischen Persönlichkeitsanteilen, die jeder in sich hat und die Verhalten bewirken können, das als "böse" wahrgenommen werden kann. Nur sind diese Anteile beim Durchschnittsmenschen halt nicht so stark ausgeprägt und durch Hemmungen begrenzt. Deshalb können ihm, wenn er Bösewichte in Film und Fernsehen sieht, Gedanken kommen wie: "So etwas würde ich nie tun, aber es gibt Situationen, da ist die Fantasie, so handeln zu können, schon irgendwie spannend."

Kann das denn einfach kippen?

Benecke Es gibt zumindest negative Eigenschaften, die sich entwickeln können, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Mensch Dinge tut, die anderen schaden und er kriminell wird. Normale Menschen können auch wie Psychopathen handeln, wenn ihr Gewissen durch ganz bestimmte Umstände ausgeschaltet ist. Da gibt es interessante Gedankenexperimente.

Zum Beispiel?

Benecke Wenn wir an einem Teich vorbeigehen, in dem ein Kind zu ertrinken droht, und wir haben sehr teure Lederschuhe an, dann würden wir uns erstmal nicht um den Wert unserer Schuhe kümmern, sondern sofort ins Wasser springen, um das Kind zu retten. Beim Durchschnittsmenschen sind also Mitgefühl und drohendes Schuldgefühl zwischengeschaltet, wodurch wir das Leben eines Kindes höher gewichten als die Unversehrtheit unserer teuren Schuhe. Wenn wir aber nicht für Kinder in Afrika spenden, weil die so weit weg sind und wir deshalb kein schlechtes Gewissen haben, dann handeln wir so, wie ein Psychopath es tun würde. Das ist nur ein sehr einfaches von sehr vielen bekannten Gedankenexperimenten, was ethisches Handeln angeht. Der scheinbar gute Mensch kann sich nie sicher sein, dass er auch in jeder Situation ein guter Mensch bleibt. 

Aber eigentlich werden die Weichen zur Persönlichkeitsentwicklung schon sehr früh gestellt?

Benecke Eine schlechte Kindheit ist ein Einflussfaktor, der eine Wahrscheinlichkeit erhöht, kriminell zu werden. Das muss aber nicht unbedingt so sein. Ich hatte mal einen sehr interessanten Fall: Ein Mann aus einem sozial verwahrlosten Milieu lernte als Kind einen Nachbarn kennen, der für ihn und seinen Bruder zum Ziehvater wurde. Den Jungs ging es augenscheinlich dadurch besser: Sie waren auf einmal ordentlich angezogen, hatten ihre Hausaufgaben und durften sogar mit dem Mann in den Urlaub fahren. Was damals niemand wusste: Der Typ war ein pädosexueller Gewohnheitsstraftäter und missbrauchte die Jungs als Sexsklaven. 

Was wurde aus den beiden?

Benecke Das ist das Interessante: Beide haben dasselbe erlebt, aber nur einer von ihnen gab das exakt so weiter. Er hat selbst einen Jungen missbraucht, auf dieselbe Art. Sein Bruder wurde nicht pädosexuell, er hat anders reagiert, wurde zwar schwer depressiv, aber nicht selbst zum Täter. 

In Bochum läuft zur Zeit der Prozess gegen den 19 Jahre alten Marcel H., der zwei Menschen erstochen haben soll. Nun soll sein Gehirn untersucht werden. Kann man organisch erkennen, ob jemandem gewisse emotionale Eigenschaften fehlen?

Benecke Ich bin keine Neurologin, aber grundsätzlich kann ich mir natürlich vorstellen, wie die Kollegen im Prozess darauf gekommen sind. Der Angeklagte wird immer wieder als kalt beschrieben, ohne jegliche gefühlsmäßige Empathie. Man kann tatsächlich feststellen, ob Hirnstrukturen verändert sind oder es weniger Aktivität in bestimmten Bereichen gibt, die für die Gefühle zuständig sind. Diese scheinbar vollkommene Emotionslosigkeit bei einem so jungen Menschen ist schon ungewöhnlich. Letztlich geht es darum, eine hirnorganische Veränderung feststellen oder ausschließen zu können im Prozess. 

Mutmaßlicher Kindermörder Marcel H. vor Gericht FOTO: dpa, htf

Sie haben auch ein Buch über Sadisten geschrieben. Wie kommt es, dass Frauen wie Angelika W. aus dem Fall um das "Horrorhaus" von Höxter sich offenbar erst selbst quälen lassen, dann anderen Frauen dasselbe antun?

Benecke Durch die gemeinschaftliche Erniedrigung der anderen Frauen ist sie offenbar in der Hierarchiekette aufgestiegen - sie war nicht mehr Opfer, sondern selbst Täterin. In solchen Fällen partnerschaftlicher, schwerer Straftaten gibt es häufig vergleichbare Dynamiken, die dazu beitragen, dass die Frauen ihre Partner dabei unterstützen, ihre Machtphantasien auszuleben. Im Dezember halte ich in Höxter einen Vortrag zur Psychologie tödlicher Paare, in dem es exakt darum geht. 

Angelika W. sagte im Prozess, dass ihr Ex-Mann sie immer in Ruhe gelassen habe, wenn eine andere Frau im Haus war. 

Benecke Ja, die Frauen sind dann erleichtert, nicht mehr der Fußabtreter zu sein. Mitgefühl können sie deshalb nicht mit den anderen Frauen empfinden. Sie hoffen außerdem, den Mann an sich zu binden, indem sie nun ein Geheimnis mit ihm teilen. Persönlichkeitsauffällige Menschen finden einander intuitiv als Partner. Aus einer riesigen Anzahl von Frauen, die das Paar über Kontaktanzeigen kennengelernt hat, haben die beiden sich dann die rausgezogen, die nicht nach kürzester Zeit schreiend weggelaufen sind - Frauen mit einem eher geringen Selbstwertgefühl. 

Szenen aus dem Höxter-Prozess in Paderborn FOTO: dpa, gki

Sie arbeiten mit erwachsenen Sexualstraftätern und anderen schweren Straftätern. Haben Sie manchmal Albträume?

Benecke Nö, hab ich nicht. Ich habe schon als Kind beschlossen, dass ich wissen will, wie jemand zum Verbrecher wird, wie alles zusammenhängt. Deshalb bin ich Psychologin geworden. Die Auseinandersetzung mit brutalen Straftaten ist für mich nicht unerträglich belastend, sondern eher intellektuell anregend. Verbrechen haben immer eine eigene Logik.

 
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