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Hasskommentare im "Nett-Werk Köln"
Wenn Facebook in Sekunden eskaliert

Sebastian Dalkowski liest Hasskommentare
Düsseldorf. Für ein Interview hatte unser Redakteur bei Facebook nach Nordafrikanern gesucht, die Silvester in Köln waren. Doch innerhalb von Minuten führte die Anfrage zur Eskalation. Eine Stellungnahme. Von Sebastian Dalkowski

Eigentlich hätte dieser Text nicht geschrieben werden müssen. Eigentlich hätte alles so einfach sein können. Eigentlich hatte ich nur eine Anfrage gestellt.

Silvester habe ich als Reporter in Köln verbracht. Genau, wegen der furchtbaren Ereignisse aus dem Vorjahr. Ich habe mir die Lichtershow auf der Domplatte angesehen, ich bin durch den Hauptbahnhof gegangen, ich fror auf dem Platz vorm Haupteingang. Ich sprach mit vielen Menschen, nur leider nicht mit denen, die nun wieder neben der Polizei im Zentrum der Diskussionen stehen: Nordafrikaner, die Silvester nach Köln gereist sind. Das war ein Versäumnis. Denn auch ihre Stimme muss gehört werden. Um zu erfahren, warum sie in Köln gefeiert haben. Wie sie gefeiert haben. Und was sie eigentlich von den Diskussionen halten.

Also stellte ich am Morgen des 2. Januar eine Anfrage im "Nett-Werk Köln". Das "Nett-Werk Köln" ist eine Facebook-Gruppe mit fast 170.000 Mitgliedern, eine Art schwarzes Brett für alle Themen, die mit Köln zu tun haben. Verkaufe das, suche das, weiß jemand, wann an Weihnachten ein Friseur geöffnet hat.

Ich fragte: "Meine Zeitung sucht Männer nordafrikanischer Herkunft, die Silvester in Köln gefeiert haben und von ihren Erlebnissen berichten wollen. Momentan wird ja vor allem über Nordafrikaner gesprochen, aber nicht mit ihnen."

Polizei-Großeinsatz zu Silvester 2016 in Köln FOTO: Arton Krasniqi

Es sollte eine offene Recherche sein

Mehr nicht. Ich wollte einfach, dass sie zu Wort kommen. Erzählt doch mal, wie war das für Euch an Silvester in Köln? Eine offene Recherche ohne festes Ziel. Es ging mir nicht darum, die Arbeit der Polizei schlechtzureden. Es ging mir nicht darum, Nordafrikaner als Opfer darzustellen. Zusätzlich recherchierte ich im so genannten Maghreb-Viertel in Düsseldorf. Wie findet Ihr das denn, wie momentan über Nordafrikaner gesprochen wird? (Die Ergebnisse trugen später zu diesem Artikel bei).

Die Diskussion, die dann folgte, nervte die Administratoren vom Nett-Werk so sehr, dass sie das Posting nach Rücksprache mit mir am Abend löschten. Diskussion ist eventuell schon zu hoch gegriffen – die Eskalation gescheiterter, da nie ernsthaft versuchter Kommunikation.

Die Postings vieler User hatten vor allem drei Ziele: die Medien, die Nordafrikaner und andere User, die nicht derselben Meinung waren. Dieses dreifache Misstrauen führte zur Eskalation.

Das nennt sich schlicht Journalismus

Es gab die ganz plumpe Medienkritik. "wie hohl bist Du???" und "Deutsche Presse halt die Fresse !!!!!!!". Andere äußerten sehr deutlich, dass sie eine tendenziöse Berichterstattung fürchteten: "Soll die Polizei, die eine hervorragende Arbeit gemacht hat, jetzt von der Rheinischen Post in den Dreck gezogen werden?" Oder kritisierten, dass ich nur nach Nordafrikanern suchte. "Hat sich deine scheiß Zeitung letztes Jahr auch so um die Opfer bemüht." Dass nicht in jedem Artikel alle Gruppen vertreten sein müssen, scheint einigen nicht bewusst zu sein.

Ich habe in den vergangenen Tagen viele Dokumentationen zu Silvester 2015 gesehen, in denen Opfer zu Wort kamen. In diesem Fall ging es mir aber darum, mit denen zu sprechen, über die gerade so viel gesprochen wird, Nordafrikaner also. Das ist keine einseitige Berichterstattung, das nennt sich schlicht Journalismus.

Noch erschreckender waren die teilweise rassistischen Äußerungen, die sich pauschal gegen Menschen nordafrikanischer Herkunft richteten. "Schreiben Sie doch diesen Satz 'sie konnten 2016/17 , nicht SO feiern, wie sie es sich gewünscht hätten, denn die Polizei hat diesmal auf unsere Töchter und andere Mädels aufgepasst'", schlug eine Moni vor. "Die armen kleinen Nordafrikaner, die sich alle zusammengetan haben, um friedlich ein paar Raketen abfeuern zu wollen, jedoch von der bösen Polizei abgefangen wurden...", schrieb Bea. "Hier in diesem Land läuft etwas schief man schenkt den Tätern mehr Aufmerksamkeit wie dem Opfer sehr bedenklich das System", beklagte Markus.

Dabei hatte ich gar nicht nach Tätern gesucht, sondern bloß nach Nordafrikanern. In seinem Kopf wurde das eins. Und Thomas fragte: "Wir sollten die Frage erörtern 'warum saß diese Klientel nicht gestern schon in Flugzeugen nach Hause?'"

Schließlich aber endete die Diskussion, wie solche Diskussionen immer enden: Man beleidigt sich nur noch gegenseitig. Denn einige sprangen mir zur Seite, sie kritisierten die pauschalen Verurteilungen. Nicht alle taten dies sachlich, aber auch die, die es sachlich taten, blieben nicht lange von der Gegenseite verschont. "Dann stell dich nächstes Jahr mal mitten rein zu deinen Armen Nafris . Vielleicht hast du dann das gleiche Problem wie die Frauen letztes Jahr. Mal sehen wie du dann denkst", empfahl ein Matthias einer Frau. Ein Mann, der sexuelle Belästigungen durch Nordafrikaner anprangert, wünscht einer Frau, dass sie durch Nordafrikaner sexuell belästigt wird.

An dieser Stelle war eine Diskussion selbst nach großzügigen Maßstäben nicht mehr möglich. Eventuell war sie es nie. Juan gehörte zu jenen, die nur noch fassungslos zuschauten: "ach du scheiße was geht hier denn ab #menschheit".

Einen Nordafrikaner habe ich zwar trotz allem gefunden, aber viel schwerer wog die Frage: Wie können wir über das Thema "Migration" sprechen, wenn selbst allersachlichste Anfragen innerhalb von Sekunden zur Eskalation führen? Ich habe darauf noch keine Antwort gefunden.

 
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