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Schleuser-Prozess in Köln
"Papa, Mama ist weg und ich bin es auch gleich"

Schleuser-Prozess in Köln: "Papa, Mama ist weg und ich bin es auch gleich"
Die Anwälte der beiden mutmaßlichen Schleuser, Frank Seebode (l.) und Achim Maur (M.), sprechen in Köln mit Staatsanwalt Alexander Fuchs (am Montag) FOTO: dpa, obe fpt
Als Schleuser sollen zwei Brüder den Tod von mindestens acht Flüchtlingen auf dem Mittelmeer verursacht haben. Seit Montag stehen die beiden Syrer in Köln vor Gericht. Jetzt sagte ein Mann als Zeuge aus, dessen Frau und Kinder vor der Insel Kos ertranken.  Von Claudia Hauser, Köln

Laith P. (Name geändert) ist der wohl wichtigste Zeuge im Prozess vor dem Kölner Landgericht. "Ich kann verstehen, dass dieser Termin für Sie sehr belastend ist", sagt die Vorsitzende Richterin zu ihm. "Aber Ihre Aussage ist ein wichtiger Baustein in diesem Verfahren." Der Ort des Geschehens ist fern, irgendwo zwischen der türkischen Küstenstadt Bodrum und der Insel Kos in Griechenland. Hier kenterte im November 2015 ein Boot, voll besetzt mit Flüchtlingen – mindestens acht ertranken. Das alte Boot war überladen, die Erwachsenen und die Kinder darauf trugen keine Rettungswesten. Für das Unglück verantworten müssen sich nun zwei aus Syrien stammende Brüder (18, 20), die wegen des Einschleusens von Flüchtlingen mit Todesfolge angeklagt wurden.

"Auf einmal war sie weg"

Der Zeuge Laith P. soll der 4. Großen Strafkammer dabei helfen, die Rolle der Angeklagten näher zu definieren. Der 42-Jährige stieg in der Nacht auf den 17. November 2015 in Bodrum mit seiner Frau, seiner Tochter und zwei Söhnen in das Boot. Aus der irakischen Familie überlebten nur der Vater und ein Sohn. Er schildert unter Tränen, wie eng es auf dem Boot war, wie es plötzlich kippte, seine Frau schrie, alle ins Meer stürzten. "Ich war wie gelähmt, auf einmal war sie weg", sagt er. Er habe es noch geschafft, einen der Söhne auf das umgekippte Boot zu heben. Seine Tochter habe gerufen: "Papa, Mama ist weg und ich bin es auch gleich." Er sagt: "Für mich war dieser Moment das Ende der Welt." Mehr als zwei Stunden habe es gedauert, bis Retter gekommen seien. Seine Frau, die Tochter, ein Sohn und mindestens fünf weitere Menschen waren da schon im Mittelmeer ertrunken.

Laith P. beschreibt, wie er sich geweigert habe, auf das Boot zu steigen, das ihm unsicher erschien. Ein Schlauchboot – wie in der Anklage beschrieben – war es offenbar nicht, aber ein "uraltes, kleines Boot", wie der Zeuge sagt. Der Kaufmann musste mit seiner Familie aus dem Irak vor dem Islamischen Staat fliehen. "Wir hatten gehört, dass es in Deutschland sicher sein soll." Als er die Schleuser zum ersten Mal in einem Hotel in Bodrum getroffen habe, habe er "nicht gewusst, dass sie eine Bande sind, die Menschen tötet." Man habe ihnen gesagt, dass sie mit einer Yacht nach Kos gebracht würden. "Sie haben uns Bilder des Schiffes gezeigt, ich habe ihnen geglaubt."

Unter den sechs bis sieben Männern, die seiner Meinung nach zu der Schleuserbande gehört haben, hätten auch die beiden Angeklagten gehört. "Sie saßen im Hotel mit den anderen am Tisch", sagt er. Und auch an dem Abend am Strand, als er mit seiner Familie in das Boot steigen sollen, seien sie dabei gewesen. "Ich habe gefragt: Wo ist die Yacht? In dieses Boot steige ich nicht." Man habe ihm gesagt, die Fahrt mit dem alten Schiff dauere nur zehn Minuten, dann würden alle auf die Yacht umsteigen. Doch er habe kein Vertrauen zu den Männern gehabt. Sie hätten den Flüchtlingen verboten, ihre Schwimmwesten anzuziehen, aus Angst, die Küstenwache könnte aufmerksam werden. "Später auf dem Boot war es so eng, dass wir die Westen auch nicht anziehen konnten. Es war einfach zu eng."

"Was sollte ich tun?" 

Der ältere Bruder, Fouad G., habe ihn mit einer Pistole bedroht und ihm gesagt: "Geh auf das Boot jetzt!" Seine Kinder seien da schon auf dem Boot gewesen. "Ich konnte nicht bleiben, aber auch nicht einsteigen, was sollte ich tun?" Auf Nachfrage der Vorsitzenden sagt er, dass Fouad G. "die rechte Hand des Bandenchefs" gewesen sei. Über dessen jüngeren Bruder Ahmad G. sagt er so gut wie nichts an diesem Prozesstag.

Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe und hatten zu Prozessbeginn über ihre Verteidiger mitteilen lassen, dass sie mit dem Unglück nichts zu tun haben. Vielmehr seien sie selbst zwei Tage später von Schleusern mit einem Boot nach Kos gebracht worden. Dort hätte der irakische Familienvater sie beschuldigt, für den Tod seiner Frau und Kinder verantwortlich zu sein.

Vor der Mittagspause fragt Laith P. die Richterin am Dienstag: "Was geschieht jetzt mit den Angeklagten?" Sie antwortet ihm: "Das wissen wir erst nach der Hauptverhandlung."

Das Urteil soll am 6. Dezember verkündet werden.

 

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