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Interview mit Peter und Stephan Brings
"Eine Band ist kein Franchise-Unternehmen"

Peter und Stephan Brings: "Eine Band ist kein Franchise-Unternehmen"
Peter Brings (53) ist Sänger von Brings, ... FOTO: Bretz Andreas
Köln. Als Jugendliche haben die Brüder mit zwei Freunden ihre Band "Brings" gegründet. Zuerst machten sie Rockmusik, mittlerweile sind sie im Karneval eine feste Größe. Ein Gespräch über das kölsche "Ich liebe dich", Karriere-Hänger und darüber, was die Band von McDonald's unterscheidet. Von Martina Stöcker und Horst Thoren

Die neue Single "Liebe gewinnt" ist auf Hochdeutsch, ist Kölsch out?

Peter Brings Quatsch, Kölsch erlebt eine Renaissance. Es ist wieder cool, Kölsch zu sprechen. Die ganzen "Immis" treffen sich, machen Mitsingkonzerte, bekommen Texte in die Hand. Wir waren aber immer auch Vorreiter und dachten, wir machen jetzt etwas ganz anderes. Wenn wir "Liebe gewinnt" im Dialekt gemacht hätten, wäre die Nummer zu niedlich geworden und hätte nicht das transportiert, was wir wollten. Im Dialekt hast du weniger Wörter zur Verfügung. Manche Sachen kann man nicht ausdrücken.

Was zum Beispiel?

...Stephan (52) Bassist. Die Band ist Mitglied der "AG Arsch huh" und engagiert sich auch gegen Rechtsextremismus. FOTO: Bretz Andreas

Peter  "Ich liebe dich" zum Beispiel kann man im Kölschen gar nicht ausdrücken, das sagt der Rheinländer nicht. Er sagt: Isch han dich jän.

Auch schön.

Peter Aber nicht verpflichtend. "Ich liebe dich" ist schon 'ne Ansage, die man an einen Partner macht.

"Liebe gewinnt" ist eine Kritik an sozialen Medien und dem Internet.

Peter Ich sage manchmal bei unseren Auftritten: Ich habe keine Lust mehr auf Katzenfotos, auf Fotos vom Essen und wer weiß was. Dann jubeln alle - aber alle filmen mit dem Handy in der Hand. Und wenn man zu Wikipedia geht, kann jeder dort reinschreiben, der Peter Brings ist nur 1,30 Meter groß. Dann steht das da drin, und jeder liest es und glaubt, dass es stimmt.

Stephan Brings Dabei bist du höchstens 1,25 Meter. (lacht) Peter Wir sind Lehrerkinder, wir haben zu Hause immer adäquate Antworten auf Fragen bekommen. Aber viele Kinder glauben erst mal, was sie lesen, und informieren sich nicht darüber, wo solche vermeintlichen Fakten eigentlich herkommen.

Wie steht Ihr zu Heimat?

Stephan Der Begriff wird ja von allen strapaziert wie "Das ist unsere Heimat, Mauern drum, Türen zu". Wir haben auch Lieder über Köln und die Liebe zur Stadt geschrieben. Aber bei dem Satz "Ich bin stolz, ne Kölsche zo sin" hört es auf. Man sollte nicht auf die Geburtsstadt stolz sein, da tut keiner was für.

Man kann aber auf die Lebensart der Kölner, auf deren Toleranz stolz sein.

Peter Ja klar, wir sind in Köln-Ehrenfeld geboren, und wir finden es gut, wenn sich Leute zur Stadt bekennen. Aber dann muss man auch etwas dafür tun, dass es so bleibt, und sich einbringen. Der Begriff Heimat ist schnell "America first". Wir haben das in Köln erlebt, als die AfD im Maritim-Hotel ihren Parteitag abziehen wollte. Da haben wir sofort gesagt, dagegen müssen wir etwas tun. Als sich dann auch die bürgerliche Mitte dagegen gestellt hat - da war ich stolz. Auf die Menschen, die etwas tun und sich gerade machen.

Stephan Das Problem ist: Hinter kölschen Werten vermutet man immer eine bestimmte Haltung, die gibt es aber nicht bei jedem. In den 90er Jahren warben die Republikaner: "Damit uns Kölle kölsch bliev" - das kann schnell kippen.

Hat das Rheinische ein Image-Problem?

Peter Dialekt kommt immer von der Straße, aus einem etwas proletarischen Umfeld. Meine Großeltern haben gesagt: "Jung, sprich Hochdeutsch! Damit niemand hört, wo du herkommst." In Bayern gibt es Nachrichtensprecherinnen mit bayerischem Akzent, das gibt es im Rheinland nicht. Hier musst du Hochdeutsch sprechen. Oder du bist Arbeiterkind. Aber in diesem Fall bin ich stolz darauf, wo ich herkomme, und das soll jeder hören.

In eurer Karriere gab es auch Hänger. Hattet ihr Sorge, dass es nicht klappt?

Stephan Wir haben immer Musik gemacht. Wenn du einmal den Weg eingeschlagen hast, dann geht es auch nicht mehr zurück. Peter hatte 1990 einen Plattenvertrag besorgt, und es lief richtig gut. Von solchen Stückzahlen bei Plattenverkäufen kannst du heute nur träumen. Aber Mitte der 90er wurde es schwieriger, weil die Radios aufhörten, deutsche Musik zu spielen. Dann hat Peter "Superjeilezick" geschrieben, als Geburtstagsständchen für die Band, das ohne unser Zutun den Weg in die Kneipen und den Karneval gefunden hat. Wir sind fünf Leute in der Band, und keiner von uns konnte die Zahnarztpraxis oder die Schreinerei des Vaters übernehmen - das war manchmal schon gut.

Es gab also keinen Plan B.

Stephan Nein, brauchte es auch nicht. Es gab schon ein paar bittere Tage und Wochen. Aber wir hatten immer Orte, wo wir spielen konnten und mit der Gage die nächste Miete zahlen konnten. Das hatten wir uns schon erarbeitet.

Peter Wir haben nicht gehungert, sondern immer ganz gut davon gelebt. Mit dem Einstieg in den Karneval waren wir uns dann gar nicht so sicher, ob das was für uns ist. Wir kommen aus einer sehr linken Familie und kannten keinen Sitzungskarneval. Die erste Sitzung meines Lebens habe ich von der Bühne aus gesehen. Ich konnte das gar nicht glauben: alle in schwarzen Anzügen und dann die ganzen Klunker.

Sind aber auch nur Menschen.

Peter Ja, Menschen, die sich mit der kölschen Sprache und Lebensart auseinandersetzen, das Brauchtum pflegen und sich um Kinder in den Vereinen kümmern. Wir haben aber im Karneval auch mitbekommen, wer die Stadt regiert, und das sind nicht die Leute im Rathaus, sondern das sind die Typen mit der Kappe.

Stephan Der Karneval spaltet in der Stadt auch. Das hat man gemerkt, als es am Elften im Elften auf den Straßen so ausgeartet ist. Es gab ein Treffen, zu dem die Stadt auch mich eingeladen hat. Die Polizei hat zwar gesagt, Straftaten wie Prügeleien seien zurückgegangen. Aber wenn mehr als 100.000 Leute auf der Straße feiern, ist das große Problem: Es fehlen Toiletten. Und dann gibt es Leute in der Stadt, die den Karneval so nicht mehr haben wollen.

Peter Stephan war als Mitglied der Initiative "Arsch Huh" bei diesem Treffen dabei und hat der Oberbürgermeisterin gesagt: "Wer 600 Millionen für eine Oper hat, der kann auch ein paar Klos aufstellen, oder?"

Stephan Dann war ich zur nächsten Runde auch nicht mehr eingeladen. (lacht)

Ihr arbeitet als Brüder zusammen, was seid ihr füreinander?

Peter Stephan und ich sind wie Yin und Yang. Er ist Bruder, aber auch Kumpel. Aber das Beste ist, dass wir uns ergänzen und miteinander Songs schreiben können.

Stephan Wir können Lieder zusammen zu Ende bringen. Wir machen aber keinen Urlaub miteinander, wir haben auch mal frei.

Was ist mit Brings in fünf Jahren?

Peter Wir haben gerade die erste "Goldene" für "Kölsche Jung" bekommen, langsam kommt das alles zu uns zurück, was wir geleistet haben. Ansonsten wünsche ich mir, dass wir körperlich und geistig gesund bleiben. Das ist die Grundvoraussetzung für diesen Job, der ist schon fordernd. Ich gehe jeden Morgen laufen, Stephan fährt viel Fahrrad. Ich würde mir auch wünschen, mal das Gas rauszunehmen, weil uns das schwer fällt. Ansonsten weiß ich, dass wir auch in fünf Jahren eine erfolgreiche Band sind, weil wir noch viel zu erzählen haben.

Könnte man euch auch verjüngen wie andere Bands?

Stephan Es kann immer passieren, dass einer aufhört. Aber wir würden einen Altersgenossen nehmen: Ich stelle mich doch nicht neben einen Dreißigjährigen, dann sehe ich ja aus wie ein alter Mann. (lacht)

Peter Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in Rente gehen und nach und nach ersetzt werden. Eine Band ist kein Franchise-Unternehmen, wir sind nicht McDonald's. Außerdem: Die würden nie einen Sänger finden, der so singt wie ich. Sie hätten dann vielleicht einen guten Sänger, aber dann wäre es nicht mehr Brings. Auch wenn Stephan die Band verlassen würde - wer würde dann unsere Geschichten erzählen?

Wird es irgendwann mal ein Brings-Denkmal geben?

Stephan Um Gottes Willen. Vielleicht werden einige unserer Lieder bleiben. Das würde genügen.

Martina Stöcker und Horst Thoren führten das Gespräch.

Quelle: RP
 
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