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Problembezirk Köln-Kalk
"Spätestens wenn wir Kinder haben, ziehen wir hier weg"

Januar 2016: Razzia in Köln-Kalk gegen Diebesbanden
Januar 2016: Razzia in Köln-Kalk gegen Diebesbanden FOTO: dpa, fg gfh
Düsseldorf/Köln. Nach der groß angelegten Polizei-Razzia steht der Problem-Bezirk Köln-Kalk im Fokus der Öffentlichkeit. Fast jeder hat schon mal von dem Viertel gehört, aber nur wenige kennen den Stadtteil wirklich. Ein Porträt. Von Vassili Golod

"Köln Kalk Hartz 4 komm in meine Hood rein", rappt Eko Fresh in seinem Song "Gheddo". Seine "Hood" zählt zu den berüchtigsten Teilen der Stadt. Kalk hat mit Abstand die höchste Kriminalitätsrate unter den Kölner Bezirken - und sorgt auch derzeit wieder für negative Schlagzeilen.

Ein Ort der Extreme

"Wenn ich erzähle, dass ich hier wohne, müssen die meisten Leute erstmal schlucken. Und dann kommen immer diese Blicke", sagt Patrick Phul. Vor zwei Jahren ist er gemeinsam mit seiner Frau von Porz nach Kalk gezogen. Vor allem, weil die Mieten so niedrig sind.

Die günstigen Lebenshaltungskosten waren auch der Grund, warum in den 1970er Jahren überwiegend Migranten nach Kalk kamen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Viertel nahezu vollständig zerbombt, entwickelte sich in der Nachkriegszeit allerdings dank des Wirtschaftswunders sehr schnell. Mit der Zeit wurden die vielen Unternehmen jedoch geschlossen. Kalk wandelte sich zu einem Wohnort und zu einem Ort der Extreme.

Die Hälfte der Einwohner hat einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-jährigen sind es sogar fast 70 Prozent, heißt es in einer Statistik der Stadt Köln. Die Geburtenrate in Kalk liegt bei 11,4 Prozent, die Sterberate bei 9,8 Prozent - beide Zahlen sind so hoch wie in keinem anderen Kölner Stadtteil. Die Arbeitslosenquote liegt bei 14,1 Prozent.

"So viel Multikulti gibt es sonst nirgendwo"

Multikulti gehört in Kalk zum Lifestyle - aber es gibt eben auch Kriminalität. "Das war nicht das erste Mal, dass ich hier eine Razzia gesehen habe", berichtet Patrick. "An mindestens zwei große Polizeiaktionen kann ich mich erinnern, aber damals hat das keinen interessiert. Jetzt ist das Interesse groß - vor allem nach der Herkunft. Viele Medienberichte klingen für mich so, als läge es in den Genen, skrupellos und kriminell zu sein."

Die Kölner Silvesternacht hat Kalk wieder in den Fokus gerückt. Zu gut passt das Bild in die derzeitige öffentliche Wahrnehmung: Ausländer, Kriminalität, Probleme.

Dass Köln-Kalk auch andere Seiten hat, scheint niemanden zu interessieren. "Hier gibt es polnische, italienische und rumänische Läden, dazwischen deutsche Kneipen und afrikanische Märkte - so viel Multikulti gibt es sonst nirgendwo", sagt Phul. Er mag diese Vielfalt. Und dennoch: Die Probleme sind nicht wegzureden.

Verfolgungsjagd vor der Haustür

Patrick Phul hat vor seiner Haustür schon Verfolgungsjagden miterlebt, außerdem Drogendeals und Polizeikontrollen beobachtet. In den Medien liest er viel von Diebstählen und Raubüberfällen - letzteres kann er aus eigener Erfahrung aber zum Glück nicht bestätigen.

Fakt ist: "Hier ist immer Action", sagt Phul. Seine Frau könnte auf diese Action gerne verzichten. Wenn sie alleine unterwegs ist, starren ihr Männergruppen hinterher. Sie stehen vor den Wettbüros und Cafés. Auch an der Kalk-Mühlheimer-Straße, wo es am Dienstag zur großen Razzia kam. Kalk hat ein schmutziges Image, und genau so sieht es im Vergleich zu anderen Vierteln auch aus.

"Niemand kümmert sich darum, der Stadt ist egal, wie es da aussieht", sagt Phul. "Spätestens wenn wir Kinder haben, ziehen wir hier weg", sagt der 26-jährige. In seiner Stimme schwingt ein bisschen Wehmut mit. Er lebt gerne in Kalk, aber für eine Familie sei das eben nichts.

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