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Silvesternacht in Köln
Normal war das nicht

Polizei-Großeinsatz zu Silvester 2016 in Köln
Polizei-Großeinsatz zu Silvester 2016 in Köln FOTO: Arton Krasniqi
Vor einem Jahr sendete Köln ein katastrophales Bild in die Welt, das die Diskussion um Flüchtlinge bis heute prägt. Welches Bild gab die Stadt Silvester 2016 ab? Eine Annäherung. Von Sebastian Dalkowski, Köln

Nach allem, was wir wissen, nach allem, was die Polizei vermeldet, hat sich die Katastrophe von Köln aus dem Vorjahr nicht einmal im Ansatz wiederholt. Zwei Fälle sexueller Übergriffe hat es demnach gegeben, sechs Festnahmen und 900 Platzverweise. Bei 1700 Menschen wurde die Identität überprüft, 29 Personen nahm die Polizei in Gewahrsam.

Ein normaler Silvesterabend war es trotzdem nicht in Köln, konnte es nicht werden. Wann haben schon mal so viele Polizisten und Sicherheitskräfte Silvester in einer deutschen Großstadt abgesichert? Mit den Zahlen werben Stadt und Polizei seit Wochen. Mehr als 1500 Beamte der Landespolizei allein in Köln, mehr als 800 Bundespolizisten in ganz NRW, 600 Mitarbeiter des Ordnungsamtes und privater Sicherheitsdienste. Es war das erste Silvester nach dem Silvester, das die Flüchtlingsdiskussion bis heute prägt, das Silvester der Diebstähle und vor allem der sexuellen Übergriffe.

Eine Rede mit vielen Ähs

Köln hielt an diesem furchtbar kalten 31. Dezember 2016  lange Zeit die Normalität aufrecht. Am Mittag musizieren auf der Schildergasse die Panflöten-Indianer, gegenüber feiern die Mitarbeiter eines Modehauses den Auszug mit Sekt. Eine Frau setzt große Seifenblasen in die Luft, Kinder lassen sie zerplatzen. Eine Frau klebt von außen den Hinweis auf das Schaufenster, dass eine Spar-Aktion bis zum 4. Januar verlängert wird. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Warum sollte es auch nicht so sein? Die Zeugen Jehovas erhoffen sich, dass die Kölner endlich erwachen.

Den ersten Hinweis, dass dies kein gewöhnlicher Tag ist, gibt eine Ansammlung junger, alternativ gekleideter Menschen, vor allem Frauen. Sie gehören zu verschiedenen kommunistischen Gruppen und haben auf dem Wallrafplatz ein rotes Banner ausgebreitet. "Gegen Sexismus und Rassismus", steht darauf. Sie drücken den Leuten Zettel in die Hand, auf denen steht, dass sexualisierte Gewalt kein spezielles Problem von Flüchtlingen und Migranten ist, sondern ein Männerproblem. Sexueller Missbrauch, so ist dort zu lesen, finde zu 93 Prozent im näheren sozialen Umfeld statt. Eine Frau sagt das auch durch ein Mikrofon, mit vielen Ähs, danach sagt jemand mit dunkler Haut "Ich danke euch, mein Leben zu haben". Kurzer Jubel.

Tatsächlich haben ja die Ereignisse von Köln keine Diskussion über sexualisierte Gewalt gegen Frauen ausgelöst, sondern über sexualisierte Gewalt durch Migranten. Eine weitere Frau tritt ans Mikrofon. Sie will jetzt auch ihrem Lieblingsfeind eines auswischen und sagt, dass "das Kapital" schuld sei an der fehlenden Gleichstellung von Mann und Frau. Schwer zu sagen, ob sie damit schon die Sexualdelikte als Munition gegen den Kapitalismus instrumentalisiert.

Es wird die einzige politische Aktion bleiben, die direkt an die Ereignisse aus dem Vorjahr erinnert.

Stattdessen: die Lichtshow. Der Künstler Philipp Geist hat sie sich ausgedacht und die Leute schon vor Wochen dazu aufgerufen, Begriffe einzureichen, die er zu einem Wortteppich zusammenfügt und nun auf die Domplatte projiziert. Dazu läuft minimalistischer Techno. Die Worte schieben sich nur so sehr übereinander, dass die meisten kaum zu erkennen sind. "Tolerance" steht dort und "Verzeihung", "Gelassenheit", "Freude".

Fotos: So feierte Köln Silvester 2016 FOTO: dpa, hka lof

Auch Kreide wurde hinterlegt, mit der die Besucher Begriffe nachmalen können, so dass sie am nächsten Tag nicht verschwunden sind. Jemand hat "Schutzengel" und "Geborgenheit" mit weißer Kreide nachgezogen. Bald fangen die Leute an, eigene Worte auf die Steinplatten zu schreiben. "Auf ein besseres 2017", aber auch: "Sie machen nur Hass, wir sind alle Menschen" oder "Farts are funny". Und viele, viele Herzen. Die Stimmung ist zwar nicht heiter, aber friedlich.

Henning Krautmacher von den "Höhnern" ist auch da

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker und Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies haben eben noch eine kurze Pressekonferenz im Römisch-Germanischen Museum gegeben. "Der erste Eindruck ist gut", sagt Reker. "Wir beobachten Social Media", sagt Mathies, und die Art, wie er "Social Media" ausspricht, verrät, dass er den Begriff nicht so häufig benutzt. Statt viel über die Polizeiarbeit zu reden, verweist er lieber auf die schönen Bilder draußen, auf den Chor, der eben gesungen hat. Sie gehen dann nach draußen, stellen sich in die Lichtinstallation vor die Fotografen. Henning Krautmacher von den "Höhnern" ist auch da, und irgendwann sagt er "Tschö zusammen". Das sind die Bilder, von denen die Stadt hofft, dass sie am Ende bleiben. Das friedliche Beisammensein in Anwesenheit einer Lichtshow.

Doch das ist schwer, denn es ist eben überall Polizei. Auf der Domplatte, mehr noch vorm Bahnhof, im Bahnhof. Polizeifahrzeug parkt neben Polizeifahrzeug. Dazu die Sicherheitskräfte, auch von der Deutschen Bahn. Sie stehen an den Aufgängen zu den Gleisen.

Lange Zeit sieht es so aus, als würden die Polizisten in dieser Nacht bloß damit beschäftigt sein, sich nicht die Füße abzufrieren, doch ab halb zehn steigt die Zahl der Identitätsfeststellungen sprunghaft, vor allem von Menschen, deren Aussehen wir vereinfachend als "nordafrikanisch" bezeichnen. Laut Polizei ist eine Gruppe von 120 dieser Leute aus Düsseldorf mit dem Zug gekommen. Nun werden die Personalien überprüft, am Vorder- und Hinterausgang des Hauptbahnhofs.

Jeder darf sein Weltbild bestätigt sehen

Die Polizei fängt an, die Neuankömmlinge aufzuteilen. Wer nicht dem Profil "Nordafrikaner" entspricht, darf einen anderen Ausgang zum Dom verwenden. Alle anderen werden durch einen Ausgang geleitet, der in eine Personenkontrolle führt. Diese wiederum dürfen die Nordafrikaner nur dann vorzeitig verlassen, wenn sie gleich wieder in den Hauptbahnhof zurückgehen. Doch auch dort wird nun kontrolliert. Ein Stau entsteht.

Lichtinstallation am Silvesterabend am Kölner Dom FOTO: dpa, obe ole

Es ist ungefähr der Zeitpunkt, zu dem auf Twitter und Facebook die Diskussionen losgehen. Die einen regen sich über die vielen Nordafrikaner auf, die anderen über die Art der Selektion, die sie für rassistisch halten. So darf auch an diesem Abend wieder jeder sein Weltbild bestätigt sehen.

Weil Mathies dann in der nächsten Pressekonferenz von einer Gruppe von rund tausend Personen spricht, die einen nordafrikanischen Hintergrund hätten, geht es in den Netzwerken rund. Doch es ist nicht so, dass dort eine Gruppe von 1000 Personen geschlossen aufkreuzt, sie sammeln sich nur nach und nach an verschiedenen Stellen an, auch weil die Polizei sie zusammenführt. Die hat die Lage aber jederzeit unter Kontrolle.

Dann geht es stramm auf Mitternacht zu. Wenige Sekunden vor 0 Uhr führen Polizisten einen jungen Mann Richtung Breslauer Platz, seine Hände sind mit Kabelbinder hinterm Rücken fixiert, er spricht gebrochen Deutsch. Dass aus 2016 gerade 2017 geworden ist, erkennt man im Bahnhof daran, dass sich die Polizisten umarmen. Draußen vorm Bahnhof stehen die Leute und feiern eher zurückhaltend. Als jemand vor einer Polizistin ein Selfie schießen will und zwei Finger zum Victory-Zeichen formt, stößt sie ihn weg. Ein Block von Polizisten steht dort, Helm in der Hand, Schlagstock am Gürtel, und beobachtet regungslos das Geschehen. Eingreifen müssen sie nicht.

Bald schon leeren sich Domplatte und Bahnhofsvorplatz. Es sind keine Orte, an denen die Menschen normalerweise Silvester feiern. Nun gilt es, eine Disco oder Kneipe zu suchen oder mit dem Zug die Heimfahrt anzutreten.

"Wir hatten keine Bedenken anzureisen"

Zu letzterem hat sich ein Ehepaar aus Troisdorf entschieden. Die beiden 50-Jährigen warten in der Imbiss-Passage im Hauptbahnhof auf den Zug. Die beiden haben in einem japanischen Restaurant gegessen, waren dann am Dom und am Rhein. "Wir hatten keine Bedenken anzureisen", sagt er. Sie hätten ja gewusst, dass viel Polizei dort ist. Zu viel? Nein, auf keinen Fall.

Aus einer Gruppe von acht Grevenbroichern, die einst zusammen zuhause aufbrachen, sind noch vier geblieben, um die 50, zwei Männer, zwei Frauen. Die eine hatte gar nicht mitkommen wollen, wegen der Ereignisse aus dem Vorjahr, sich dann aber überreden lassen. Einer der Männer wird später im Zug erzählen, dass er noch nie so viel Polizei gesehen hat.

Die steht nun eher beschäftigungslos im Bahnhof. Einen Mann, der in die Kategorie "Nordafrikaner" fallen könnte, fordern die Beamten auf, das Gebäude zu verlassen. Seine Antwort: "Ich habe keine Drogen, keine Pistole, ich bin betrunken wie alle anderen."

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