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Silvesternacht
Mehr als 160 Anzeigen – zwei Verdächtige in Untersuchungshaft

Presse: "Wer das Recht so verhöhnt, muss ausgewiesen werden"
Presse: "Wer das Recht so verhöhnt, muss ausgewiesen werden" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO
Köln. Über 160 Strafanzeigen sind wegen der Attacken an Silvester in Köln, Hamburg und Düsseldorf inzwischen eingegangen. Die Polizei vermutet, dass viele der beteiligten Männer mit Zügen aus anderen Städten angereist waren. Von Joris Hielscher, Eva Quadbeck und Christian Schwerdtfeger

Die Polizei in Köln hat im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof bereits zwei Tatverdächtige festgenommen. "Sie wurden bereits dem Haftrichter vorgeführt und sitzen in Untersuchungshaft", sagte ein Sprecher der Kölner Polizei. Allerdings wurden die zwei Männer für Delikte festgenommen, die sich erst zwei Tage nach den Ereignissen in der Silvesternacht zutrugen. "Uns liegen konkrete Hinweise vor, dass die Beschuldigten mehrere Frauen angesprochen und bedrängt haben", sagte der Sprecher. Gegen die anderen drei aus der Gruppe wird bislang offenbar nur wegen Diebstahls ermittelt. Ob die fünf Verdächtigen auch für Taten in der Silvesternacht verantwortlich sind, wird geprüft.

Derweil wird erst jetzt das ganze Ausmaß der dramatischen Silvesternacht bekannt: Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet. In Hamburg, wo es auch Übergriffe gab, sind es über 50. Zudem ermittelt die Polizei in Frankfurt, wo es ähnliche Vorkommnisse gab. Drei Viertel der insgesamt mehr als 150 Anzeigen in Köln und Hamburg haben nach Polizeiangaben einen sexuellen Hintergrund. Dutzende Frauen sollen ausgeraubt oder belästigt, zwei sogar vergewaltigt worden sein. Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft.

Übergriffe in Köln: Was wir wissen – was wir nicht wissen

Auch die Düsseldorfer Polizei bestätigt, dass es bereits elf Anzeigen von Frauen gibt, die von größeren Gruppen bedrängt worden waren.

Die Polizei in Köln plant nun, die dafür eingerichtete Ermittlungsgruppe Neujahr auf 80 Mitarbeiter aufzustocken. Das erfuhr unsere Redaktion aus Polizeikreisen. Bislang bestand die am 1. Januar eingerichteten Gruppe aus neun Beamten. Die Ermittler werden von erfahrenen Oberstaatsanwälten unterstützt. Zudem wurde mit der Chefin der Abteilung zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität eine Sondersachbearbeiterin eingesetzt.

Nach Übergriffen an Silvester: Mahnwache in Köln FOTO: dpa, obe kno

In Polizeikreisen wird vermutet, dass viele der Täter nicht aus Köln stammen, sondern aus anderen Städten angereist sind. Augenzeugen berichteten, dass viel der mutmaßlichen Angreifer nach den Vorfällen mit Zügen abgefahren sind. Nach Informationen unserer Redaktion könnten einige der Täter aus Düsseldorf stammen. "Wir unterstützen die Kölner Polizei bei der Aufklärung", sagte ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei. Mehr wollte er mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen. In Düsseldorf selbst sind inzwischen elf Anzeigen wegen des "Antanz-Tricks" eingegangen, wonach Täter ihre weiblichen Opfer mit aggressiven Tänzen bedrängen, während Komplizen sie ausrauben.

Die Kölner Polizei sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt, weil sie zu spät auf die aggressive Menschenmenge vor dem Kölner Hauptbahnhof reagiert haben soll und erst zwei Tage nach den Übergriffen über die Vorfälle informierte. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte der ARD, so wie in Köln "kann die Polizei nicht arbeiten". NRW-Innenminister Ralf Jäger hat kein Verständnis für die massive Kritik an der Polizei - insbesondere vom Bundesinnenminister. "Es ist eine Frage des Stils, ob man ohne Detailkenntnisse, bei eigener Verantwortung, Polizeieinsätze in anderer Zuständigkeit beurteilt", sagte Jäger.

Die Kölner Polizeiführung räumte ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. "Wir waren nicht überfordert", sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Einen Rücktritt schloss Albers aus. Dagegen verlangte FDP-Chef Christian Lindner personelle Konsequenzen an der Spitze der Polizei.

Auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) muss sich gegen Vorwürfe wehren. Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft", hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Auch NRW-Innenminister Jäger rüffelte die Kölner Stadtchefin: "Das verkehrt ein bisschen die Rolle von Opfer und Täter. Es ist nicht Aufgabe der Frauen, solche Taten zu verhindern. Frauen hätten einen Anspruch darauf, sich sicher in der Öffentlichkeit zu bewegen", betonte Jäger.

Reker wies die Vorwürfe zurück: "Durch die verkürzte Darstellung in einzelnen Medien ist teilweise der Eindruck entstanden, meine Präventionsinitiativen würden sich ausschließlich auf Verhaltenstipps für Frauen und Mädchen beschränken." Davon könne keine Rede sein.

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