| 09.21 Uhr

Reaktionen auf die Übergriffe von Köln
Bei Polizei und Politik herrscht Entsetzen

Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof: Täter seien "völlig enthemmt gewaltvoll" vorgegangen
In Köln kam es in der Silvesternacht zu massiven Übergriffen auf Frauen. FOTO: dpa, mjh lof
Köln. Nach den schweren Übergriffen auf Dutzende Frauen in der Silvesternacht von Köln kündigt NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) scharfe Reaktionen an. Polizisten äußern sich schockiert. Die stark alkoholisierten Täter seien "völlig enthemmt gewaltvoll" vorgegangen. Von Jessica Kuschnik

"Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen", zitierte der Kölner "Express" den Minister. "Deshalb ist es notwendig, dass die Kölner Polizei konsequent ermittelt und zur Abschreckung Präsenz zeigt."

Am Silvesterabend hatten sich auf dem Bahnhofsvorplatz nach Polizei-Angaben etwa 1000 Männer versammelt. Alle Zeugen sagten der Polizei zufolge übereinstimmend aus, dass diese "dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum" stammen.

Die Polizei kündigte am Montag mit Blick auf den bevorstehenden Karneval an, alles dafür zu tun, damit sich solch ein Vorfall nicht wiederholt. "Das sind wir den Frauen schuldig und zugleich den nordafrikanischen Flüchtlingen, die friedlich bei uns leben wollen", sagte Jäger.

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Die Polizei zeigt sich über die Vorfälle schockiert. "So etwas haben wir noch nicht erlebt", sagte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers. "Das waren Straftaten in einer völlig neuen Dimension. Wir hatten es mit zahlreichen Sexualdelikten in teils massiver Form zu tun, darunter eine Vergewaltigung, sowie mit Diebstählen." Ein Täter soll sogar einer Zivilpolizistin in die Hose gefasst haben. Der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Arnold Plickert, sagte, die stark alkoholisierten Täter seien in der Nacht "völlig enthemmt gewaltvoll" vorgegangen.

An diesem Dienstag treffen sich Albers und die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, um darüber zu sprechen, wie solche Eskalationen bei Großveranstaltungen künftig vermieden werden können. "Das Verhalten der Täter macht mir große Sorgen - auch im Hinblick auf Karneval", sagt Albers. Es werde geprüft, ob gewisse Orte bei kommenden Veranstaltungen solcher Art temporär videoüberwacht werden müssten, um derartige Straftaten zu verhindern.

Prävention für Karneval

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Inwieweit die Vorfälle Konsequenzen für Karneval haben, werden die kommenden Wochen zeigen. "Wir wollen aber auch nicht jeden Maskierten überprüfen. Es muss präventive Maßnahmen wie die Videoüberwachung geben, ansonsten findet Karneval nicht statt", sagt Wolfgang Wurm, Präsident der Bundespolizei Sankt Augustin.

Laut Michael Temme, Direktor Gefahrenabwehr, war der Einsatz in der Silvesternacht "in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Gegen 21 Uhr hatten sich knapp 500 junge Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt, die betrunken Feuerwerkskörper in die Menge warfen". Dabei soll es sich um Männer aus dem nordafrikanischen Raum gehandelt haben, so die Ermittler. Ob sich diese zufällig dort trafen oder ob sie verabredet waren, könne man derzeit nicht sagen. Als die Gruppe auf etwa 1000 Menschen anwuchs, kippte die Stimmung plötzlich, der Platz musste geräumt werden. Festnahmen gab es keine. Die Versammlung zerstreute sich in mehrere kleine Gruppen.

"Köln kein rechtsfreier Raum"

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Doch wie schlimm die Situation rund um den Kölner Hauptbahnhof zu diesem Zeitpunkt auch danach noch für Dutzende Besucher war, zeigte sich erst am frühen Morgen, als zahlreiche Anzeigen bei der Polizei eingingen. "Kleinere Gruppen von Männern sind vor allem Frauen sexuell angegangen", erklärt Temme. "Daraufhin zogen wir unsere Kräfte am Bahnhof und auf dem Vorplatz zusammen." Vorwürfe, dass das nicht ausgereicht habe, weist Wurm zurück - eine Vorbereitung auf solch einen Einsatz habe es einfach nicht geben können. "So etwas haben wir eben vorher noch nicht erlebt - und wir werden es auch nicht hinnehmen." Der Kölner Hauptbahnhof sei kein rechtsfreier Raum, so Albers.

Insgesamt gab es laut der Polizei bis gestern rund 60 Anzeigen von 80 Geschädigten. Ein Viertel der Delikte steht im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen, oft in Kombination mit Diebstahl. Albers geht davon aus, dass es weitere Geschädigte gibt, die sich noch nicht bei der Polizei gemeldet haben. Noch gebe es aber keine Hinweise auf die Täter. Sie werden von den Opfern vorwiegend als aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum stammend beschrieben, so die Ermittler. Ob die fünf Männer, die am Sonntag verhaftet worden sind, etwas mit den Delikten in der Silvesternacht zu tun gehabt haben, ist unklar. Sie wurden wegen ähnlicher Diebstahlsdelikte festgenommen. Zwei von ihnen wurden inzwischen in die JVA Ossendorf verlegt.

Henriette Reker mahnt Polizei-Präsenz an

Etwa drei Viertel der Opfer aus der Silvesternacht stammten laut Polizei nicht direkt aus Köln. Reker sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", es könne nicht sein, dass Köln-Besucher Angst haben müssten, überfallen zu werden. Polizei und Bundespolizei seien "dringend gefordert". Diese werde in Hinblick auf Karneval ihre Einsatzstrategie anpassen, sagt Temme. Das heißt, man müsse die Zahl der Einsatzkräfte notfalls aufstocken.

Wolfgang Wurm betont jedoch, dass die Einsatzkräfte der Polizei mit insgesamt 173 und der Bundespolizei mit mehr als 70 Beamten im Normalfall an Silvester ausreichend gewesen wären: "Dass sich der Einsatz so entwickeln würde, konnten wir nicht voraussehen."

In den kommenden Tagen wird nun das Videomaterial vom Hauptbahnhof ausgewertet. Zudem fordert die Polizei sowohl Zeugen als auch Geschädigte auf, sich möglichst bald zu melden. Auch Videomaterial von Handys könnte den Ermittlern weiterhelfen.

Für Dienstag hat Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) ein Krisentreffen einberufen. Daran sollen die Kölner Polizei, die Bundespolizei und Stadtdirektor Guido Kahlen teilnehmen.

Mit Material von dpa

Quelle: RP
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